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Im Herbst wurde er deutscher Vize-Meister im Bodybuilding.

Der Sport bedeutet für ihn Sucht, Gefahr und Rettung zugleich

Dieser Bodybuilder wird Deutscher Vize-Meister - drei Monate nach zwei Herzinfarkten

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Robert Riegs Körper muss zwei Herzinfarkte wegstecken. Drei Monate später wird der 54-Jährige Zweiter bei der Deutschen Meisterschaft im Bodybuilding. Hier erzählt er seine Geschichte.

Unterschleißheim – „He, du, Meister!“, raunzt Robert Rieg durch den Raum. Der 1,91-Meter-Hüne baut sich neben einem zwei Köpfe kleineren Fitnessstudio-Besucher auf, Bizeps-Muskeln so groß wie Mangos gehen dabei unter seinen Oberarm-Tattoos spazieren. Wenn einer seine Hanteln ungebremst auf den Hallenboden krachen lässt, das kann der 54-jährige Fitnesstrainer aus Unterschleißheim gar nicht haben. Und verdeutlicht das dem sichtlich beeindruckten jungen Mann auch in ein paar klaren Takten. Dann ist aber auch alles wieder gut – ein Schmunzeln, ein Stupser vor die Brust, „Viel Spaß noch!“.

Rieg, Ex-Türsteher, ragt nur auf, wenn er muss. Lieber erzählt er wortreich – mit Lachfalten im Gesicht, die so gut trainiert sind wie sein Sixpack am Bauch.

„Ich liebe diesen Sport.“

Das Fitnessstudio an der Ingolstädter Straße in München ist das Reich des weißhaarigen Kraftpakets. Zweimal die Woche verdient sich Rieg als Trainer dort etwas dazu; an sechs Tagen drückt der Unterschleißheimer dazu selber die 50- oder 60-Kilo-Hanteln von der Liegebank aus in die Luft – und zwar in jeder Hand eine. Robert Rieg ist Bodybuilder, und was für einer. Anfang November wurden er und seine Muskelpakete Zweiter bei der Deutschen Meisterschaft in der Altersklasse 50 plus. „Ich liebe diesen Sport“, sagt Rieg.

Herzinfarkt in der Beinpresse

Doch das ist noch nicht einmal die Hälfte der Geschichte. Denn keine drei Monate vorher war Robert Rieg völlig am Boden. Los geht es mit einem stechenden Schmerz in der Brust. Beim abendlichen Beintraining im Fitnessstudio, wo sonst. Anderthalb Stunden zieht er da noch sein Trainingsprogramm durch. Erst am nächsten Morgen geht Rieg in aller Herrgottsfrüh nicht zu seinem Vollzeit-Arbeitsplatz als Schlosser in der Autobranche, sondern ins Krankenhaus. Am selben Tag wird der Bodybuilder operiert, bekommt zwei Stents verpasst. Der Brustschmerz war ein koronaler Herzinfarkt.

Im Sommer 2019 machte er zwei Herzinfarkte durch und landete auf der Intensivstation.

Die Ärzte stellen klar: Mit dem Trainieren ist es erst einmal vorbei. Sechs Tage später drückt Robert Rieg wieder Gewichte in der Beinpresse. Einen runden Monat später legen die Ärzte noch einmal nach, setzen ihm zwei weitere Stents in die Herzhinterwand. Bei der OP erleidet der Unterschleißheimer einen weiteren Herzinfarkt. Drei Tage liegt er auf der Intensivstation. Dann schlappt er in den Krankenhausgarten hinaus, macht sich eine Cola auf und fasst den Entschluss: „Das ziehe ich durch. Und wenn ich im Fitnessstudio sterbe.“ Und er stemmt gegen den Willen seiner Frau und seiner fünf Töchter sowie gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte wieder Hanteln. 20 Tage nach dem Infarkt erzielt er beim Belastungs-EKG Werte wie ein 20-Jähriger.

„Jede Bewegung könnte die letzte sein – das ist schon im Hinterkopf“

Der Bodybuilder ist überzeugt: „Wenn ich nicht so viel Sport gemacht hätte, wäre ich jetzt tot.“ Der Herzinfarkt sei auf seine genetische Disposition zurückzuführen, wäre sowieso passiert. Das Training habe sein Herz für den Anfall gestärkt. Gleichzeitig gibt der 54-Jährige aber zu, dass ihn der Tod im Studio begleitet. „Jede Bewegung könnte die letzte sein – das ist schon im Hinterkopf.“

Und trotzdem kann er es nicht lassen. Mit sieben Mahlzeiten jeden Tag bringt er seinen Körper auf volltrainierte 125 Kilo. Die Tagesdosis: ein gutes Kilo Fleisch, ein gutes Pfund Reis (Trockengewicht), 800 Gramm Gemüse, dazu Eiweiß in Pulverform und jede Menge Nüsse. Ein normaler Mensch würde platzen. Rieg schwitzt, presst und stemmt die Kalorien dorthin, wo er sie haben will: in Brust, Beine und Arme. 450 Euro kostet ihn diese „Diät“ im Monat, schätzt er.

Dann, wenn es auf den Wettkampf zugeht, speckt er ab und entwässert, bis nur noch 105 Kilo übrig sind – so kommen die Muskel-Konturen bei den Bühnenauftritten voll zur Geltung. Gesund ist dieses Auf und Ab nicht, das weiß er selbst. Aber: „Keiner sieht mich als alten Mann an“, sagt er. Für diese Anerkennung trainiert er. Und für die Momente vor dem Spiegel, wenn sich seine Muskeln prall unter der Haut wölben. „Es ist eine Sucht“, sagt Rieg. Wegen seiner lebenswichtigen Blutverdünner läuft ihm immer wieder ein rotes Rinnsal aus der Nase. Trotzdem will er irgendwann endlich Deutscher Meister werden. Robert Rieg lebt halt fürs Bodybuilding. Hoffentlich noch lange.

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