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Neuer Laden, neue Perspektive. Arnold Thünker ist froh, dass er für die Buchhandlung Greindl einen neuen Standort gefunden hat.

Ein Rebell zieht um

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Arnold Thünker hat sich entschieden: Der Buchhändler hat das IAZ in Unterschleißheim verlassen, seine Räume verkauft. Jetzt fängt er neu an.

Unterschleißheim– Arnold Thünker schiebt die schwarz geränderte Brille auf die Stirn. „Ich bin ja eher der Kämpfer, der es wissen will, der nicht vor Leuten, die Geld haben, zurückweicht.“ Er war einer der letzten Rebellen im Isar-Amper-Einkaufszentrum (IAZ) in Unterschleißheim. Jetzt hat er nach erfolgreichen Verhandlungen dem sanierungsbedürftigen Center den Rücken gekehrt. In neuen Räumen in der Alleestraße 14 gibt es für die Buchhandlung Greindl endlich wieder eine Perspektive.

Schwungvoll zieht der 58-Jährige die Brille von der Stirn und unterstreicht seine temperamentvollen Gesten mit der Lesehilfe. „Wir haben es in letzter Sekunde geschafft, einen neuen Laden zu finden.“ Der Buchhändler steht im großen Geschäft und wirkt erleichtert.

Immobilieninvestorfordert 50 000 Euro

Hinter ihm liegen sieben sorgenvolle Monate und das zähe Ringen mit der Grünwalder Immobilienfirma „Rock Capital“. Die Buchhandlung Greindl, die Thünker mit seiner Lebensgefährtin Maria Greindl führt, ist nach 14 Jahren aus dem IAZ am Rathausplatz ausgezogen. „Rock Capital“ hat sich so gut wie alle Anteile am IAZ gesichert. Nur zwei Eigentümern sind jetzt noch mit der Immobilienfirma in Verhandlung.

„Wir sind umgezogen“. Ein weiterer Laden steht leer im IAZ in Unterschleißheim. Maria Greindl und Arnold Thünker haben ihr Geschäft verkauft.

„Es ging um unsere Existenz“, sagt Thünker. Bei der letzten Eigentümerversammlung am 23. Dezember – mitten im Weihnachtsgeschäft – habe „Rock Capital“ den verbliebenen drei Eigentümern eine Einlage von 50 000 Euro abverlangt. „Die Botschaft war: Wenn ihr nicht rausgeht, können wir auch anders.“ Gleichzeitig halten die Investoren weiterhin mit ihren Plänen für das IAZ hinterm Berg. Die will das Unternehmen erst vorstellen, wenn es 100 Prozent der Anteile besitzt. „Wie soll man zu so jemanden Vertrauen fassen?“, fragt Thünker.

Die Ungewissheit über die persönliche und private Zukunft plagten ihn. „Das war wie wenn jemand in ihre Wohnung kommt und sagt: Das Sofa, auf dem Sie sitzen, will ich kaufen. Auf dem Boden zu sitzen, ist sowieso viel gesünder für Sie.“

Letztlich sei er zum Verkauf getrieben worden. Auch von der Stadt sei politischer Druck gekommen: „Wenn ihr nicht verkauft, blockiert ihr unsere Zukunft“, habe es geheißen, erzählt er. Vor den Verkaufsverhandlungen schlief er schlecht. – „Dann habe ich Ghandi gelesen, das hat mich beruhigt“, Thünker schmunzelt. Am Ende erzielte er den Preis, den er und seine Lebensgefährtin angemessen fanden.

Mit Ghandi gegendie Zukunftsangst

Das Angebot, vorerst im Laden zu bleiben und einen Mietvertrag mit „Rock Capital“ zu schließen, schlug er sofort aus. „Dann war klar: Im Januar müssen wir draußen sein.“ Einen neuen Laden hatte Thünker nicht.

Er setzt sich in einen roten Schalensessel unter zwei Kronleuchtern. Ein Zufall wies ihm kurz nach Weihnachten den Weg. „Ich habe abends mit meinem fünfjährigen Sohn beim Bäcker in der Bezirksstraße Brot gekauft. Wir kommen in der Alleestraße vorbei und ich sehe ein Schild ,Laden zu vermieten’.“ Ein Büroartikelgeschäft mit Postfiliale. Davor ein Postauto. Ein Angestellter schiebt eine Sackkarre mit Paketen nach der anderen in den Laden. „Da muss Platz sein“, denkt Thünker, geht in das verrümpelte Geschäft und sagt kurz entschlossen zum Mann hinter der Theke: „Hängen sie das Schild ab, ich miete den Laden.“

Thünker kreist mit dem Zeigefinger vor den Augen: „Ich bin noch ganz betrunken von all diesen Sachen.“ Er habe das IAZ nicht gerne verlassen: „Die Lage war noch besser.“ Viele Kunden, vor allem die älteren, für die der Rathausplatz ihr soziales Zentrum ist, seien sehr traurig gewesen.

Gelungener Startan der Alleestraße

„Und es hat Spaß gemacht mit den Leuten! Das Geschäftliche ist ja nicht alles“, sagt Thünker, „man ist ja auch Ansprechpartner.“ Wie ein Wanderprediger komme er sich langsam vor: „Der Einzelhandel ist die Stütze für das soziale Leben in einer Stadt wie Unterschleißheim.“

In den vergangenen Wochen hat er Regale geschraubt und Bücher ausgepackt. Zur Eröffnung kamen viele Stammkunden.

Am Vormittag war der Vertreter des C.H.Beck-Verlags zum ersten Mal im neuen Laden. Wenn Thünker bestellt, hat er einzelne Kunden vor Augen, die die Bücher interessieren könnten. Jetzt wollen Maria Greindl und Arnold Thünker auch bald wieder Lesungen anbieten.

Zwischen Fahrradgeschäft und italienischer Trattoria fühlen sich die Buchhändler wohl. Die Bezirksstraße ist eine belebte Einkaufsstraße Das lässt hoffen. Und noch etwas freut Thünker: Ein Nachbar aus dem IAZ wird im April nachkommen. Die Betreiber des Thai-Massage-Studios mieten den ersten Stock über der Buchhandlung, und freuen sich, dass auch sie jetzt eine neue Perspektive haben. „Man weiß nicht, was mit dem IAZ passiert“, sagt die Geschäftsführerin: „Ich hoffe, dass wir nun Sicherheit und Ruhe haben.“

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