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Mit harten Bandagen kämpfen die Gegner im Unterschleißheimer Nachbarschaftsstreit.

Unterschleissheim: Zoff unter Nachbarn 

Terror mit der Trillerpfeife

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In Unterschleißheim brodelt ein Nachbarschaftsstreit schon jahrelang vor sich hin und droht nun zu eskalieren. Helfen könnte möglicherweise eine professionelle Mediation – wenn alle Beteiligten dies im Sinne einer friedlichen Lösung wollen.

Unterschleißheim– Die Liste der Verfehlungen klingt eigenartig. Und sie ist lang. „Einzelne Pflaumen fallen auf Gehsteig“, „Essensdampf steigt nach oben“, „Pfotenabdruck von Hund auf Tiefgaragenstellplatz“, „trockene Wäsche wird nicht abgehängt“. In einem Sechs-Parteien-Haus in Unterschleißheim hängt der Haussegen schief. So sehr, dass es sogar bei der Stadtverwaltung eine dicke Akte dazu gibt.

Und jetzt haben sich Betroffene mit einem umfangreichen Schriftsatz an den Münchner Merkur gewandt. Die Idee: Wir als Redaktion sollen die vermeintliche Übeltäterin an den Pranger stellen. Denn, so heißt es in den Brief wörtlich: „Gewalt ist keine Option.“ Weil diese Schwelle aber fast erreicht ist und ein Teil der Nachbarn nun „Krieg führen nach legalen Möglichkeiten“ will, fragen uns Hausbewohner, ob wir als Zeitung „das nicht mal an die Öffentlichkeit bringen“ und „den vollen Namen ins Internet stellen“ können.

Otto Berg vom Mobbingtelefon und Mediatorin Silka Strauss analysieren den Nachbarschaftsstreit in Unterschleißheim.

Nein, das können wir natürlich nicht. Erstens ist derlei aus presserechtlichen Gründen ausgeschlossen. Zweitens widerspricht es dem journalistischen Selbstverständnis, einen grenzwertigen Nachbarschaftsstreit durch öffentliche Zurschaustellung zu befeuern und damit zur Eskalation zu bringen.

Der Ansatz in diesem Fall, hier kurz und vollkommen anonymisiert skizziert, ist ein anderer: Wir haben die Mobbingberatung München gebeten, den Sachverhalt zu analysieren und einen grundsätzlichen Rat für derlei Streitigkeiten zu geben. Otto Berg (77) vom Mobbingtelefon und die Mediatorin Silka Strauss (68) haben sich diese Mühe gemacht.

„Druck erzeugt Gegendruck“, erläutert Silka Strauss, die Fälle wie diesen als „üblich und nicht selten“ einordnet. Das rachelüsterne Vokabular, der Wunsch nach „Krieg“ indes: „Das ist der absolut falsche Weg. So werden Feindbilder aufgebaut, der eine ist der Böse und die anderen sehen sich als die Guten – das schaukelt alles nur weiter hoch.“

Was nun also? Nach dem Österreicher Friedrich Glasl gibt es die „neun Stufen der Konflikteskalation“ – bis etwa Stufe 3,5 sei eine Mediation möglich, ehe sich Fronten völlig verhärten. „Einen Versuch wäre er wert“, glaubt sie, und Otto Berg ergänzt: „Diese Nachbarn machen sich sonst alle selber krank. Ziel müsste es sein, dass sie sich wenigstens wieder ganz normal grüßen.“

Davon sind die sechs Parteien in dem Unterschleißheimer Mehrfamilienhaus weit entfernt. Eine Dame wartet offenbar nur auf eine „Verfehlung“, greift dann zur Trillerpfeife und macht in Treppenhaus oder auf dem Balkon einen Höllenlärm. Die anderen reagieren, indem sie bis 22 Uhr das Radio absichtlich laut laufen lassen. Und Begegnungen im Treppenhaus enden regelmäßig in wüstem Anschreien.

„All die vielen Details“, sagt Silka Strauss, „interessieren gar nicht.“ Denn diese Bos- und Gemeinheiten seien nur die Folge. „Die entscheidende Frage“, sagt die erfahrene Mediatorin, „lautet: Was war der Auslöser? Das ist der Kern der Problemlösung – herauszufinden, was der Anfang war.“

Eine schwierige Herausforderung, immerhin ziehen sich die Streitigkeiten schon über mehrere Jahre hin. Auch das erstaunt die Expertin: „Mich wundert, wie hoch die Schmerzgrenze ist, statt die Dinge gleich zu bereinigen.“

Dass die vermeintlich „böse Hexe“, wie die Nachbarn sie titulieren, mit der Trillerpfeife im Mund auf ihrem Balkon sitzt, wertet Silka Strauss so: „Diese Frau leidet. Sie hat unerfüllte Bedürfnisse.“ Zum Beispiel das nach Wertschätzung: „Darauf fußt jede Form von Gemeinschaft.“

Und andererseits: Wie gute Nachbarn sind diejenigen, die jetzt fünf DIN A4-Seiten an den Münchner Merkurgeschickt haben? „Damit hat die Dame sich freigeschrieben“, sagt Silka Strauss, von „Wut im Bauch“ ist zu lesen. Doch in der Mediation gelte das „Spiegel-Gesetz“: „Es geht darum, die Leute in Selbstreflexion zu bringen, wie sie eigentlich sind. Das löst die Seele.“ Und vielleicht auch Probleme. „Mediation funktioniert über Erkenntnisse. Es ist ein langsames Herantasten – und dann sind die Menschen erstaunt, was wir schon alles wissen.“ Denn Einzelfälle seien solche Eskalationen nicht.

Otto Berg, der seit 25 Jahren zweimal pro Woche am Mobbingtelefon sitzt, sieht es so: „Wir müssen die Nachbarn in diesem Haus dazu bringen, dass sie wieder die gleiche Sprache sprechen. Das setzt aber die Bereitschaft aller voraus, die Sache über eine Mediation zu bereinigen.“ Eine Betroffene äußerte sich gegenüber dem Münchner Merkurimmerhin so: „Letztlich wollen wir doch alle nur eines – in Frieden miteinander leben.“

Kontakt

www.mobbing-consulting.de

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