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Der Herr der Rohre und Pumpen: Rathaussprecher Thomas Stockerl war dabei, als die Anlage 2003 erstmals anlief. Seither fungiert er als Vorsitzender der städtischen Projektgesellschaft Geothermie Unterschleißheim.

„Man kann mit Klimaschutz auch Geld verdienen“

Unterschleißheims heißes Herz: Zu Besuch in der Geothermie-Anlage

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Unterschleißheims heißes Herz schlägt direkt am Hallenbad. Dass es einmal beinah ausgesetzt hat, wissen die wenigsten. Ein Besuch in der Geothermie-Anlage, dem einstigen Pionierprojekt.

Unterschleißheim – Schnuppern, schmecken, schlucken: Thomas Stockerl schließt für einen Moment die Augen. „Ein bisschen wie faule Eier“, sagt er dann. „Aber gesund ist es.“ Gerade hat sich der 54-Jährige im Foyer des Unterschleißheimer Hallenbads Aquariush einen Schluck Thermalwasser gezapft. Valentinsquelle, Jahrgang 2019. Oder Jahrgang 137 981 vor Christus. Denn das Wasser, das dort aus dem Hahn läuft, hat davor 140 000 Jahre im Boden verbracht. Das sagt die jüngste Untersuchung. Für die Stadt Unterschleißheim ist die Quelle unter dem Valentinspark ein Schatz, den sie ans Tageslicht geholt hat.

Weniger wegen der kulinarischen oder medizinischen Wirkung des staatlich anerkannten Heilwassers. Sondern weil es unaufhörlich mit molligen 79 Grad Celsius aus dem 1961 Meter tiefen Bohrloch sprudelt, das die Unterschleißheimer zur Jahrtausendwende in den Boden getrieben haben. Thomas Stockerl war damals schon dabei – und fungiert seither als Vorstand der städtischen Projektgesellschaft Geothermie Unterschleißheim, kurz: GTU. Für den hauptamtlichen Rathaussprecher mehr als ein Nebenjob. „Ich mache das aus Herzblut“, bekennt er. Auch wenn er lieber Pellegrino trinkt.

Aus der Zentrale neben dem Hallenbad Aquariush werden 4130 Haushalte beliefert – gut ein Drittel der Stadt.

Heute heizen 4130 Haushalte – gut ein Drittel der Stadt –, 15 kommunale Gebäude wie Schulen und das Rathaus, aber auch das Sehbehindertenzentrum und die evangelische Kirchengemeinde mit der Energie aus dem Untergrund. Damals, als es losging und 2003 das Hallenbad erster Abnehmer war, leistete die Stadt Pionierarbeit, trägt das Erneuerbare-Energien-Projekt bis heute über Kredite und Bürgschaften. „Wir waren im Landkreis die Ersten“, sagt Stockerl. „Das darf man sagen.“

Inzwischen ist der Geothermie-Chef ein paar Meter weitergegangen. Hinter einer Milchglasfassade direkt neben dem Hallenbad, im Schatten dreier silberfarbener Schornsteine, schlägt Unterschleißheims heißes Herz. Besser gesagt: Es brummt. Drei leuchtend blau lackierte Pumpen pressen Wasser, das sich über Wärmetauscher am Thermalwasser gewärmt hat, durch das 18 Kilometer lange Rohrsystem unter der Stadt. Im Winter, wenn der Wärmebedarf besonders hoch ist, heizen Gaskessel zu. Über das gesamte Jahr 2018 lag der Erdwärme-Anteil bei 67 Prozent der Heizleistung – „sehr effizient“, findet Stockerl.

Geothermie Unterschleißheim: „Der 26. Januar 2004 war unser Schicksalstag“

Dass die Anlage überhaupt läuft: keine Selbstverständlichkeit. „Der 26. Januar 2004 war unser Schicksalstag“, übertönt Stockerl das Surren in der Geothermie-Zentrale und faltet die Hände wie zum Stoßgebet. Damals stürzte plötzlich die in 300 Metern Tiefe im Bohrloch platzierte Pumpe ab. Die 1,3 Tonnen schwere und 17 Meter lange Spezialmaschine blieb in 500 Metern Tiefe stecken. Zahlen, die Stockerl aus dem Effeff herunterbetet – wie übrigens so gut wie alle Eckdaten seiner GTU.

Ein Jahr zog es sich hin, bis sie geborgen und die maßgefertigte Ersatzpumpe aus den USA geliefert und eingebaut war. Ein 1,5 Millionen Euro teurer Rückschlag, überschlägt Stockerl. Der Schadensersatzprozess gegen den mittlerweile insolventen Lieferanten ist immer noch nicht ausgestanden. Aber hätte sich die Pumpe unglücklich verkeilt, wäre es ganz vorbei gewesen. „Dann wäre die Bohrung verloren gewesen“, sagt Stockerl. „Das darf man sagen.“

Geothermie Unterschleißheim: Seit 2014 schreibt die Anlage schwarze Zahlen

Heute stehen die Zeichen dagegen auf Ausbau: Von der Furcht vor einer Insolvenz der GTU, die 2011 laut geworden war, ist derzeit nichts mehr zu spüren. Seit 2014 schreibt die Anlage schwarze Zahlen – laut Stockerl wesentlich früher als gedacht. Als Großkunde ist der Business Campus eingestiegen und soll in gut einem Jahr ans Netz angeschlossen sein.

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Damit die GTU den steigenden Wärmebedarf decken kann, dürften zu den bereits investierten 28,3 Millionen Euro noch einige weitere hinzukommen. Für 6,5 Millionen baut die GTU eine Wärmepumpe an, die das in die Erde zurückfließende Wasser nochmals von 57 auf 48 Grad abkühlen und so die Wärme noch besser ausnutzen soll.

Das Thermalwasser sprudelt 79 Grad heiß aus der Tiefe. Wenn es zurückfließt, ist es nur noch 57 Grad warm.

Die Leistung der Anlage soll das von aktuell 38 auf rund 60 Megawatt steigern. Dazu sollen über die kommenden Jahre rund 8,5 Millionen Euro in den Ausbau des Leitungsnetzes fließen, was teils durch Anschlussbeiträge refinanziert wird. Und Bürgermeister Christoph Böck (SPD), der das Projekt „eine einzige Erfolgsgeschichte“ nennt, denkt schon laut über eine zweite Tiefenbohrung nach.

„Man kann mit Klimaschutz auch Geld verdienen“

„Wir sehen das nicht unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten“, sagt Böck über die Geothermie. Die Motivation sei schon die nachhaltige, umweltfreundliche Form der Energieerzeugung. „Uns reicht eine schwarze Null im Jahresergebnis.“ Stockerl ergänzt poetisch: „Wir nutzen den Schatz, den wir unter unseren Füßen haben, für den Klimaschutz.“

Dann rechnet er vor, dass allein schon das 2018 eingesparte CO2 dem Ausstoß eines Mittelklasse-Autos bei 94 Fahrten über die Distanz bis zum Mond und zurück entspreche. Und dann sagt der GTU-Chef noch, mit Blick auf den leichten Gewinn der vergangenen Jahre (der voll in die GTU reinvestiert werde): „Man kann mit Klimaschutz auch Geld verdienen.“ Stockerl nickt. „Das darf man sagen.“

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