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Rund 150 Bürger sind zur Bürgerversammlung in den Festsaal des Rathauses gekommen. Sie unterstützten die Meinung von Eberhard Hundertmark nicht.

Bürgerversammlung Unterschleissheim

Imam unter Generalverdacht

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Ein Eigentümer an der Hildegardstraße kritisiert in der Bürgerversammlung, dass die Stadt eine Wohnung an den türkischen Imam von Ditib vermietet. 

Unterschleißheim – Dass Bürgermeister Christoph Böck (SPD) mal aus der Haut fährt, hat eher Seltenheitswert. Doch bei der Bürgerversammlung wurde der Ton des sonst so souveränen Stadt-Chefs rauer. Den Grund lieferte eine Bürgeranfrage von Eberhard Hundertmark. Er ist Beiratsvorsitzender der Eigentümergemeinschaft der Wohnanlage an der Hildegardstraße. Hier gehören der Stadt Unterschleißheim auch 25 Wohnungen, die für betreutes Wohnen und für Bedürftige genutzt werden. Jetzt zieht hier der Imam der Unterschleißheimer Ditib-Fatih- Moschee, Mehmet Topaloglu, in eine der Wohnungen ein. Der Mietvertrag ist bereits unterschrieben. Und das missfällt Eberhard Hundertmark.

Eberhard Hundertmark kristisiert, dass der Imam eine städtische Wohnung an der Hildegardstraße bezogen hat.

Denn weil die türkische Regierung laut Verfassungsschutz nachweislich Imame über den Ditib-Islamverband für Bespitzelungen missbraucht hat, hat Eberhard Hundertmark nun Befürchtungen, das könnte in Unterschleißheim ebenfalls der Fall sein. Außerdem zweifelte er an deren Integrationsbereitschaft: „Die sind ja auch oft nicht der deutschen Sprache mächtig.“ Hundertmark warf dem Bürgermeister vor, das Thema herunterzuspielen: „Sie gehen da einfältig vor.“ Freilich ginge es ihm vordergründig darum, dass die städtischen Wohnungen eigentlich für Senioren oder für Bedürftige gedacht sind. „Ist Ihnen ein Imam etwa wichtiger als Unterschleißheimer Bürger?“, fragte Hundertmark.

Die Provokation perlte an Christoph Böck nicht ab. „Sie verfolgen doch hier nur Einzelinteressen für Ihr Eigentum“, konterte Böck. Einzelfälle auf alle Ditib-Imame zu pauschalisieren und alle unter Generalverdacht zu stellen, „halte ich für nicht richtig“. Auch er verurteile die Bespitzelungen durch türkische Imame, versicherte Böck. Doch der Ditib-Verein sei in Unterschleißheim seit 20 Jahren fest verankert und Teil der Gemeinschaft. Den Imam kenne er persönlich. „Ich mache mir hier keine Sorgen, und ich trete auch für die freie Religionsausübung ein. Wir wollen den Islam in unserer Stadt nicht ausgrenzen.“ 

Imam Mehmet Topaloglu ist ab Anfang Mai in Unterschleißheim.

Böck betonte, dass das Mietverhältnis mit dem türkischen Imam keine Dauerlösung ist. Denn die Wohnungen an der Hildegardstraße sollen für betreutes Wohnen vorgehalten werden. Doch die betreffende Wohnung sei noch nicht barrierefrei ausgebaut und somit für Senioren sowieso derzeit nicht geeignet. „Und an wen wir vermieten, dieses Recht behalten wir uns dann immer noch selbst vor“, stellte Böck klar. Für seine deutlichen Worte erntete der Bürgermeister Applaus von den rund 150 Besuchern der Bürgerversammlung. Und als Eberhard Hundertmark noch einmal aufstand, um nachzulegen, wurde er vom Publikum entschieden zurückgewiesen mit dem Satz „Das reicht jetzt!“

Dass Ditib nach den jüngsten Vorfällen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz in der Kritik steht, ist Fakt. „Die türkische Regierung hat Imame für Spionagezwecke missbraucht. Dem muss man sich stellen“, sagt Oberregierungsrat Markus Schäfert, Sprecher des Landesamts für Verfassungsschutz in Bayern. Doch in Bayern gebe es da bislang keine Anhaltspunkte. Er warnte davor, durch Vorverurteilungen ein Klima zu schaffen, dass das Miteinander grundlos belasten könnte.

Vorsitzender des Moschee-Vereins ist bestürzt

Dass es Befürchtungen gibt, wenn der Imam in die Wohnung an der Hildegardstraße einzieht, erschüttert Hakan Ertürk, den Vorsitzenden des Ditib-Vereins in Unterschleißheim. Im Gespräch mit dem Münchner Merkur sagt er, warum niemand Angst haben müsse. 

Hakan Ertürk ist Vorsitzender des Ditib- Fatih-Moschee-Vereins.

Herr Ertürk, was sagen Sie sie dazu, dass es offenbar Bedenken über den Einzug von Imam Topaloglu gibt?

Das enttäuscht mich, und ich finde das alles andere als schön. Wie kann ich Vorurteile über jemanden haben, den ich noch nicht einmal kenne? Die Leute, die Bedenken haben, können gerne zu uns kommen und sich ein eigenes Bild machen. Auch der Imam und ich werden uns in der Nachbarschaft noch einmal persönlich vorstellen und hoffen, dass man so auch Ängste nehmen kann. Nur durch das gegenseitige Kennenlernen kann man solche Hürden überwinden.

Können Sie denn verstehen, dass es eine gewisse Skepsis gibt nach den Bespitzelungsvorfällen durch Imame? 

Ich finde das selbst nicht richtig, wenn das passiert ist. Und es schadet ja auch unserem Ruf, wie man sieht. Aber ich kann auch nur für unseren Verein und unsere Moschee sprechen. Bei uns hat nie ein Imam für Präsident Erdogan gepredigt oder gar Propaganda gemacht. Wir haben auch vor dem Referendum jetzt keine Kampagne gestartet. Für uns hat Politik in der Religion nichts zu suchen. Politik ist tabu in der Moschee. 

Das Image von Ditib hat deutlich gelitten. Denken Sie darüber nach, sich vom Verband zu trennen?

Nein, das kommt für mich nicht in Frage. Ich habe keine schlechten Erfahrungen mit Ditib gemacht. Zumal Ditib uns nicht vorschreibt, was wir zu tun oder zu lassen haben. Wir sind völlig eigenständig. Man sollte nicht alle in einen Topf werfen, nur weil ein paar Wenige falsch gehandelt haben. 

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