1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis
  4. Unterschleißheim

Inklusionspremiere: Sehbehinderter Stadtrat über seinen Werdegang

Erstellt:

Von: Charlotte Borst

Kommentare

Stadtrat Bernhard Schüßler nimmt heute an seiner ersten Stadtratssitzung teil.
Stadtrat Bernhard Schüßler nimmt heute an seiner ersten Stadtratssitzung teil. Damit er sein Mandat ausüben kann, müssen Hindernisse beseitigt werden. Inklusion ist aber nur eines seiner vielen Themen. © Gerald Förtsch

Bernhard Schüßler ist einer der ersten Sehbehinderten in Bayern, der in einem Gremium sitzt.

Unterschleißheim – Bernhard Schüßler ist Kommunalpolitiker und seit Ende Juli Stadtrat in Unterschleißheim. Er ist einer der ersten sehbehinderten Politiker in Bayern, die in ein Gremium einziehen, und lebt Inklusion viel selbstverständlicher, als es wohl die meisten gewohnt sind.

Auf dem Rathausplatz tastet sich Bernhard Schüßler mit dem Blindenstock an eine Sitzgruppe heran. Nimmt an einem Tisch vor dem Café „Cupcake for you“ Platz und bestellt einen Smoothie. Der Brunnen plätschert, Kinder planschen am Wasser. „Ich mag den Rathausplatz, auch wenn er kommunalpolitisch ein Aufregerthema ist“, sagt der 22-Jährige. „Ich habe hier am Infostand der Grünen schon so viele Ideen für Anträge bekommen.“ Am Tag nach seiner Vereidigung hat er dann auch gleich drei Anträge geschrieben.

Nachrücker in den Stadtrat

Schüßler ist groß, hat seine langen dunklen Haare zum Dutt gebunden und trägt ein T-Shirt mit einem Spruch der Widerstandskämpferin Sophie Scholl: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt.“ Er ist Ortsvorsitzender der Grünen, studiert Politikwissenschaft, liest täglich drei Stunden Zeitung und hat die Unterschleißheimer Ortsgruppe von „Fridays For Future“ mitgegründet. Bei der Kommunalwahl 2020 verpasste er knapp den Einzug in den Stadtrat. Jetzt, zwei Jahre später, ist er für Rebecca Riedelbauch nachgerückt.

Der 22-Jährige will nicht nur der Stadtrat mit Behinderung sein, obwohl er zum Thema Inklusion viel zu sagen hat. Er steht für sozialgerechtes Wohnen und Klimaschutz. „Ich bin einer von 30 Stadträten, und es ist ein Privileg, die Stadt mitzugestalten“, sagt der Student.

„Das ist für alle ein Vorteil, aber für mich notwendig“

Doch, damit er sein Mandat ausüben kann, müssen Hürden beseitigt werden. Denn beim Begriff Barrierefreiheit geht es für Schüßler nicht nur um Treppen und Bordsteinkanten. Hindernisse für Blinde sind weniger sichtbar, aber sehr einschränkend: So muss der Weg zu öffentlichen Infos geebnet werden. Zwar sind die Sitzungsunterlagen in der Stadt mit ihrem „Ratsinformationssystem“ schon leichter zugänglich als in den meisten anderen Kommunen im Landkreis. „Aber das System ist nicht komplett barrierefrei“, sagt Schüßler. Die Mitarbeiter im Rathaus hätten sehr freundlich reagiert. Es gab Gespräche mit der Behindertenbeauftragten und dem EDV-Spezialisten.

Schüßler kann Dokumente am Computer mit einer besonderen Software stark vergrößern oder sich vorlesen lassen. „Aber wenn Präsentationen oder Grafiken erst in der Sitzung gezeigt werden, habe ich keine Chance. Ich brauche sie früher, um mich vorzubereiten.“ Nun werden Grafiken, Flächennutzungs- und Baupläne so früh wie möglich im Informationssystem der Stadt bereitgestellt: „Das ist für alle ein Vorteil, aber für mich notwendig“, sagt Schüßler.

Stadtrat Bernhard Schüßler nimmt heute an seiner ersten Stadtratssitzung teil.
Stadtrat Bernhard Schüßler nimmt heute an seiner ersten Stadtratssitzung teil. © Charlotte Borst

Auch an der Uni ist Inklusion in weiten Teilen noch nicht angekommen. Im Studium musste Schüßler anspruchsvolle Matheaufgaben im Nebenfach Volkswirtschaft im Kopf rechnen. „Das habe ich mühevoll trainiert.“ Ein Uni-Mitarbeiter, der neben ihm saß, notierte die Ergebnisse. Demnächst steht eine Statistik-Prüfung an, doch die Aufgaben im Computersystem lassen sich weder vorlesen noch vergrößern.

Sein Augenlicht verliert Schüßler aufgrund einer Erbkrankheit. Zellen auf seiner Netzhaut lösen sich ab. Drei Prozent Sehkraft sind noch übrig. „Für mich ist meine Sehbehinderung ein Kapitel in meinem Leben, sie soll aber nicht mein Schicksal bestimmen“, sagt er.

In Brasilien politisch geprägt

Als er 2014 mit seiner Mutter und Schwester von São Paulo nach Unterschleißheim zog, besuchte er die Realschule im Sehbehinderten- und Blindenzentrum. „Da musste ich die Blindenschrift und Französisch nachlernen.“ Schulleiter und Schwimmtrainer Frank Kuroschinski lud ihn zum SV Lohhof ein, Schwimmen ist sein Sport geworden. „Das Training war für mich der erste Anlaufpunkt, an dem ich mich in Unterschleißheim einigermaßen zuhause fühlte.“ Für das Abitur wechselte er auf das Adolf-Weber-Gymnasium in München-Neuhausen. „Ich habe das Lernen als Befreiung erlebt“, erzählt er, seine Notenschnitte seien von Station zu Station besser geworden.

Mit 16 Jahren trat er den Grünen bei. Sein politisches Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz wurde aber schon in Brasilien geweckt. „2012 gab es in Brasilien wegen der Brände im Amazonas-Gebiet eine starke Dürre.“ Seine Freunde aus der deutschen Schule lebten teilweise in den besseren Stadtvierteln: „Ihre Familien durften ihre Pools auffüllen, trotz Wasserknappheit.“ Seine Familie hatte nur zweimal pro Woche Wasser. Besonders schlimm war aber die Situation in den Favelas: „Da tranken Menschen schmutziges Wasser aus Regenrinnen und Pfützen.“ Diese Erfahrung rüttelte ihn auf.

„Das ist für mich ein zweischneidiges Schwert“

„Eigentlich liegen meine Themen aufgrund meiner Biografie eher in der Außen-, Wirtschafts- und Klimapolitik“, erzählt er. Aber natürlich wird er ständig auf das Thema Inklusion angesprochen. „Das ist für mich ein zweischneidiges Schwert. Man will nicht nur mit Behinderung assoziiert werden, andererseits ist die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein Riesenthema.“

Der Smoothie ist ausgetrunken. Heute wird Schüßler an seiner ersten Stadtratssitzung teilnehmen. „Wenn ich auf die Wortbeiträge anderer Stadträte reagiere, werde ich wahrscheinlich in die falsche Richtung schauen“, er lacht, „das wird am Anfang etwas peinlich.“ Die Stimmen kommen aus dem Lautsprecher und sind schwer zuzuordnen. Aber nur solange, bis er alle Stimmen kennt.

Weitere Nachrichten aus Unterschleißheim und dem Landkreis München finden Sie hier.

Auch interessant

Kommentare