„Viel Glück“ wünscht Gabriele Schwarzer in Gebärdensprache.
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„Viel Glück“ wünscht Gabriele Schwarzer in Gebärdensprache.

Gebärdendolmetscherin klagt

Maskenpflicht:  Gehörlose können nicht mehr von den Lippen lesen

  • Charlotte Borst
    vonCharlotte Borst
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Gabriele Schwarzer (83) aus Unterschleißheim dolmetscht  seit fast 60 Jahren für Menschen, die nicht hören können. Die Maskenpflicht, die ab heute gilt, ist für Gehörlose ein schweres Hindernis.

Frau Schwarzer, was bedeutet die Maskenpflicht für Gehörlose?

Ein großes Problem, Kommunikation ist nicht mehr möglich. Sie verstehen niemanden mehr. Es ist dramatisch. Sie können den Mund, der Worte formt, nicht mehr sehen, nur die Augen, doch die sprechen nicht so viel. Wirklich schlimm für Gehörlose.

Welche Folgen hat das für ihren Alltag?

In den vergangenen Tagen hat es unter meinen gehörlosen Freunden und Bekannten viele Diskussionen über die Maskenpflicht auf WhatsApp gegeben. Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, wenn man sie in der Arbeit, beim Einkaufen oder im Zug anspricht, und sie ihr Gegenüber dann nicht verstehen. Und man darf die Maske nicht abnehmen, sonst droht Bußgeld.

Wie sollte man sich in einer solchen Situation verhalten?

Das einzige, was hilft, ist, dass man Abstand hält und die Maske lüftet, um sich zu verständigen. Ich wünsche mir, dass die Öffentlichkeit hier für die Schwierigkeiten der Hörgeschädigten sensibilisiert ist.

Fürchten Sie, dass Gehörlose und Hörgeschädigte durch die Corona-Krise sozial isoliert sind?

Ja klar. Ihnen fehlen die Vereine, der Sport, der Austausch vis á vis. Für die Gehörlosen sind die Vereine so wichtig wie ihre Familie. Sie sind schon ganz hibbelig und wünschen sich mehr sozialen Kontakt.

Könnten psychische Erkrankungen zunehmen?

Ja, aber bei allen, nicht nur bei den Gehörlosen. Nicht jeder ist so stark und stabil. Aber gerade, wenn einem ein Sinn fehlt, ist man stärker von Ängsten geplagt, weil man nicht alle Informationen so gut mitkriegt. Aber die Gehörlosen in meinem Freundeskreis fühlen sich in Deutschland und gerade in Bayern und hier im Landkreis auch sehr beschützt. Am Anfang der Krise hat jemand es so ausgedrückt: Der Landrat wacht über uns.

Helfen Chats und Videokonferenzen, die jetzt vermehrt genutzt werden?

Skype und WhatsApp ist unter Gehörlosen schon lange sehr geläufig, jetzt nutzen aber auch Hörende diese Technik. Das ist eine gute Entwicklung. Meine gehörlose Tochter lebt in Traunstein, sie muss zurzeit nicht jeden Tag zur Arbeit nach München mit dem Zug, auch sie kann tageweise im Homeoffice arbeiten und kommuniziert neuerdings auch mit ihren Kollegen über Videokonferenzen, das ist eine große Hilfe. Das Positive ist auch, dass jetzt vermehrt Pressekonferenzen und andere Informationen von Gebärdendolmetschern übersetzt werden. Schön wäre es, wenn es noch vermehrt Untertitel unter Videos gäbe zum Nachlesen im Internet. Damit auch die Älteren alles verstehen, von denen viele die Deutsche Gebärdensprache nicht gelernt haben.

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