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Den Opfern einen Namen geben: Künstlerin Kerstin Zeitz, Historiker Maximilian Strnad und Bürgermeister Christoph Böck vor dem Modell.

Blauer Flachs blüht für die Entrechteten

Mahnmal für Zwangsarbeiterinnen in Lohhof: So soll es ausschauen

  • Charlotte Borst
    vonCharlotte Borst
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Künftig wird in Lohhof an die Menschen erinnert, die unter den Nazis in der Flachsröste schufteten. Der Siegerentwurf wurde nun vorgestellt.

Unterschleißheim – Kerstin Zeitz hat die Jury mit ihrem Konzept überzeugt. Denn Zeitz geht auf individuellen Schicksale ein, die vor allem junge Frauen in der „Hölle von Lohhof“ erlitten. Gleichzeitig gelingt es ihr, die drei Segmente des Denkmals zu verbinden durch die Farbe Blau, in der die Flachspflanze blüht.

Ziel der Stadt ist es, den historischen Ort hinter dem Lohhofer Bahnhof sichtbar zu machen und der geschundenen Menschen zu gedenken. Nur etwa fünf Prozent der Unterschleißheimer Bevölkerung dürften das dunkle Kapitel Lohhofs zwischen 1938 und 1945 kennen, vermutet Bürgermeister Christoph Böck (SPD). Das gelte es zu ändern, „damit die schrecklichen Ereignisse, zu denen es damals in der Flachsröste kam, nicht in Vergessenheit geraten“.

Am Lohhofer Bahnhof beginnt ein Erinnerungsweg

Auf Entrechtung und Ausbeutung folgte für viele Zwangsarbeiterinnen Deportation. Die meisten kamen aus München, einige stammten aus Polen, der Ukraine und anderen Ländern. Sie fuhren mit dem Zug aus München zur schweren Arbeit in Lohhof.

Am Bahnhof Lohhof wird Kerstin Zeitz auf dem Areal der FOS/BOS auf zwei Flächen den blau blühenden Lein anpflanzen, dort werden auch drei Porträt-Stelen die Besucher empfangen. „Hier kamen viele Arbeiterinnen und Arbeiter täglich aus München an“, erklärt Zeitz.

Die Stelen sind 1,68 Meter hoch. „Das war 1948 die Durchschnittsgröße der Europäer.“ Auf Betonsockeln werden Silhouetten aus zentimeterdickem Stahl stecken. Per Laser schneidet die Künstlerin pro Stele zwei Porträts aus. Als Vorlage dienen ihr Fotos von jüdischen Frauen und auch einigen Männern, die der Historiker Maximilian Strnad in seinem Buch „Flachs für das Reich“ vorgestellt hat.

Vom Lohhofer Bahnhof führt der sogenannte „Weg der Erinnerung“ 500 Meter bis zum Erinnerungsort an der Ecke Carl-von-Linde-Straße/ Johann-Kotschwara-Straße. Begleitet wird der Besucher von 150 bis 200 kleinen blauen Betonstiften, die die Künstlerin in den Weg einlassen wird.

Namen säumen den Weg

Zudem säumen den Weg knapp 500 Stahlplatten, auf deren Oberkante Zeitz die Namen aller Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern einhämmern wird. „Von einigen gibt es Namen und Vornamen“, berichtet Zeitz, „von manchen Personen gibt es nur den Nachnamen, und von einigen weiß man nur, sie waren da.“ Für sie werde es eine unbeschriftete Stahlplatte geben.

Am Informationsort selbst, wo heute noch historische Gebäudeteile stehen, empfangen den Besucher weitere fünf Porträt-Stelen, mit denen er quasi auf Augenhöhe in Beziehung treten kann. „Ringsum blüht ein Flachsmeer“, erläutert die Künstlerin vor dem Modell mit ausladender Armbewegung. Denn auch am Erinnerungsort wird die Leinpflanze ringsum angepflanzt. Es sei eine unkomplizierte Pflanze, so Zeitz, die auch Bienen und Hummeln Nahrung biete. Im Dritten Reich wurde aus ihren Fasern Garn produziert. Informationen zur Geschichte des Ortes steuert Historiker Strnad auf Schildern bei.

Schüler erforschen Biografien

Und das ist nicht alles. Der Stadt ist es zur großen Freude von Bürgermeister Böck gelungen, junge Menschen einzubeziehen. „Es hat sich eine Truppe von Schülern gefunden, die sich in ihren Seminararbeiten auf die Erforschung gestürzt hat“, berichtet

Im Zwangsarbeiterlager schufteten vor allem junge jüdische Frauen, hier wurde Flachs aus der Ukraine für die Garnproduktion verarbeitet.

Kulturamtsleiterin Daniela Benker. Die FOS-Absolventen suchten Quellen in Archiven, unterstützt wurden sie von Lehrer Ronald Hackl, Historiker Strnad und auch von den Behörden, die teilweise Akten zur Verfügung stellten, die zuvor noch niemand bearbeitet hatte. „Es war beeindruckend zu sehen, wie die Schüler sich in die Biografieforschung vertieften, um den Opfern ein Gesicht zu geben“, berichtet Hackl.

15 Schüler des COG erarbeiteten mit Lehrer Manuel Weskamp einen multimedialen Erinnerungsweg, den Interessenten per Smartphone über www.actionbound.com herunterladen können.

Das Denkmal wird im ersten Halbjahr 2020 realisiert. Die Stadt investiert 45 000 Euro. Noch immer hofft die Stadt auf Hinweise und Fotos aus der Bevölkerung, um weitere Einzelheiten über die Flachsröste zu erfahren.

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