Sind die Türen bald für immer dicht? Im Juni muss der Tierschutzverein Schleißheim raus aus dem Agneshaus. Wie es mit jenem weitergeht, steht noch nicht fest.
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Sind die Türen bald für immer dicht? Im Juni muss der Tierschutzverein Schleißheim raus aus dem Agneshaus. Wie es mit jenem weitergeht, steht noch nicht fest.

Ab Juli kann Stadt entscheiden

Tierheim im Dornröschenschlaf: Wie gehts weiter mit dem Agneshaus?

Demnächst muss der Tierschutzverein Schleißheim das Agneshaus leer an die Stadt zurückgeben. Wir haben bei Stadträten nachgefragt, was sie sich in Zukunft auf dem Areal vorstellen.

Unterschleißheim – Der einzige Tierschutzverein im Landkreis München muss bis Ende Juni aus dem Unterschleißheimer Agneshaus raus. Das wird es dann gewesen sein mit der einzigen Tierauffangstation im Landkreis. Die Stadt hat von Juli an ganz den Daumen auf dem Agneshaus. Sie hatte dem Verein im Herbst sowohl das Grundstück als auch die Fundtiervereinbarung gekündigt und war zum Tierschutzverein Freising gewechselt. Seitdem kommen Fundtiere in dessen großes Tierheim in Neufahrn-Mintraching, 14 Autokilometer entfernt.

Mit dem Stillstand im teilweise baufälligen und schimmeligen Agneshaus wollte sich das Rathaus offenbar nicht länger abfinden. Doch was fängt dann die Stadt mit dem ursprünglichen Wohnhaus an? Was geschieht überhaupt mit der Streusiedlung „Am Weiher“ im äußersten Westen der Stadt (siehe Kasten unten)? Das Rathaus muss vom Stadtrat her mit dem Verein und dem bayerischen Tierschutzbund ein möglichst interkommunales Nachfolgekonzept vorlegen und den Bedarf für ein Tierheim ermitteln. Gespräche fanden statt, es drang nichts nach außen. Der Münchner Merkur hat Stadträte nach ihren Vorstellungen befragt. Dabei kristallisiert sich heraus: Bis mindestens 2024 tut sich nichts. Und kein befragter Stadtrat spricht sich dafür aus, dass von Juli an doch noch Tiere im Agneshaus sein dürfen. Ein Neubau woanders, den Bürgermeister Christoph Böck (SPD) 2018 in Aussicht gestellt hatte, ist in weiter Ferne.

Andere Prioritäten

Jürgen Radtke von den Grünen erinnert daran, dass ein neues Agneshaus nicht einmal auf der Optionsliste des neuen Haushalts stehe, der bis 2024 reicht. Stattdessen Investitionen in 114 Wohnungen sowie in die Infrastruktur von insgesamt 123 Millionen Euro, allen voran der Neubau der Michael-Ende-Grundschule. Da ist zunächst kein Geld übrig – und, wie FB-Fraktionssprecher Martin Reichart ergänzt, auch keine Kapazität im Stadtbauamt. Jürgen Radtke ist auch gegen eine Renovierung. „Der Wechsel zum Tierheim Mintraching beruht auf unserer Initiative“, sagt er mit Bezug auf die Grünen. Deren tierschutzpolitische Sprecherin Lissy Meyer hält den Schimmel im Agneshaus für gesundheitsgefährdend für Menschen. Der Verein habe da „wahrscheinlich zu wenig getan“. Kein Wunder bei einer nur neunmonatigen Kündigungsfrist, entgegnet Christie Förster vom Verein. Für Lissy Meyer ist „nicht mal der Bedarf klar“: Es fehle noch immer das Tierbestandsbuch. Die Nachbargemeinden seien zudem desinteressiert.

CSU für Container

Stefan Krimmer (CSU) spricht sich für den Abriss der drei Nebengebäude, den Umbau des Hauptgebäudes zu einem Vereinsheim sowie eine neue Tierauffangstation in Containern samt bisher fehlender Quarantänestation aus. Das sei billiger als ein Neubau. Für die Station wären 20 000 Euro aus dem Bürgerhaushalt da gewesen, es geschah aber nichts. Daran sei die Stadt schuld, meint der Verein. Auf Krimmers Initiative hin hatte die Stadt 2019 das Agneshaus gekauft und trat so als Vermieterin in den Vertrag des Vereins ein. Würde sie es vor 2029 weiterveräußern, etwa an Häuslebauer, müsste sie Grunderwerbssteuer zahlen, gibt er zu bedenken.

Ein reines Lager? Andere Fraktionen haben andere Ideen. Jürgen Radtke (Grüne) hält eine Quarantänestation für „unsinnig“. Die SPD um Fraktionschef Thomas Breitenstein überlegt nicht in Richtung Container. Das Agneshaus eigne sich nicht mehr zum Tierheim. Im Gespräch sei, es als Lager des Vereins zu nutzen. Manfred Riederle (FDP/BfU) kann sich ebenfalls vorstellen, das Haus dem Verein weiter zu überlassen – ohne Tiere. Breitenstein äußert sich über das Tierheim Mintraching „glücklich“. Der Vertrag mit ihm sei „kein Notkonzept“. „Langfristig“ könne ein Tierheim in der größten Kommune des Landkreises aber „sehr gut sein“. Reichart fordert ein Ende der Tierauffangstation. Sie sei „hygienisch nicht mehr zumutbar“. Der Verein sei „schlecht geführt“, es gebe „Personalquerelen“. Bernd Knatz (ÖDP) geht davon aus, dass das Agneshaus „erst mal schließen wird“ und dass dies mittelfristig so bleibt. Für ihn wird zu viel über „Luxustiere“ geredet, zu wenig über Nutztiere.

AfD für Neubau

Allein Peter Kremer (AfD) sieht nicht nur die Stadt in der Pflicht, mittelfristig selbst wieder eine Station hochzuziehen, sondern auch den Kreis, und zwar „möglichst“ mit Vereinsräumen und alles „nur in Absprache“ mit dem Verein. Ergebe das Konzept einen entsprechenden Bedarf, erscheine sogar ein Tierheim „sinnvoll“.

Thomas Stockerl, der im Rathaus den Geschäftsbereich Steuerung leitet, ist „zuversichtlich“, dass in der Jahresmitte ein Konzept präsentiert wird. Dazu spreche man weiter mit dem Verein. Stockerl: „Wegen einer Nachnutzung trat der Tierschutzverein nicht an uns heran.“ Als Wohnhaus gebaut, wird das Agneshaus in städtischen Händen eine Brache.

Georg Eble

Vorerst keine Pläne für ein Wohngebiet „Am Weiher“

Die Stadt wirft den Tierschutzverein zwar nicht aus dem Agneshaus, um die Streusiedlung „Am Weiher“ zu entwickeln. Gleichwohl hätte sie bald mehr Gestaltungsspielraum mit dem ganzen Areal im äußersten Westen der Stadt, das nach einem von der Moosach abgezweigten Weiher benannt ist. Am Agneshaus am Andreas-Danzer-Weg beginnt im Flächennutzungsplan Richtung Süden bis zur Oberschleißheimer Gemarkungsgrenze ein „Dorfgebiet“; es folgen ein Waldorf-Kindergarten sowie Gehöfte inmitten landwirtschaftlicher Flächen. Neue Wohnhäuser dürften momentan nicht gebaut werden – daran erinnern FB-Fraktionssprecher Martin Reichart und Jürgen Radtke (Grüne). Es fehlen Bebauungspläne, und das Bauamt hätte angesichts akuter Großprojekte auf Sicht keine Kapazität, solche zu erarbeiten. Reichart fordert, wenn sich dies ändert, die Wohnbebauung gegenüber der bisherigen Planung stärker zu verdichten, aber nicht so dicht wie im Fastlingerring nebenan, sondern eben mit dem schon unter dem vorigen Bürgermeister Rolf Zeitler (CSU) festgelegten „dörflichen Charakter“. Radtke dagegen lehnt die Umwidmung von Acker und Wiese in weitere Wohnflächen kategorisch ab. Sollte dies eine Mehrheit im Stadtrat in ferner Zukunft anders sehen, so dürften wenigstens keine flächenintensiven Einfamilienhäuser entstehen. Und CSU und SPD scheinen sich beim Thema Wachstumstempo der Stadt, über das sie sich in Sachen BMW-Expansion überworfen hatten, am Weiher zumindest verbal einig zu sein: „Die Infrastruktur muss da sein, bevor die Neubürger kommen“, fordert CSU-Fraktionschef Stefan Krimmer. Ähnlich äußert sich Thomas Breitenstein (SPD): „Es braucht eine Kopplung zwischen Bevölkerungs- und Infrastrukturentwicklung.“ Für ein Wohngebiet „Am Weiher“ gebe es derzeit noch „keine konkreten Anhaltspunkte“.

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