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„Unmenschlich“: Engagierter 16-Jähriger nachts abgeschoben - Blankes Entsetzen bei Lehrerin und Helfern

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Von: Charlotte Borst

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Abschiebungen wurden im Landkreis Erding coronabedingt zuletzt nur wenige vollzogen. Viele finden über den Münchner Flughafen statt.
Per Flieger gelangten die Geschwister nach Rom. (Symbolbild) © Michael Keppeler/dpa

Zwei afghanische Geschwister (16 und 20) sind nachts nach Rom abgeschoben worden. Lehrer, Helfer und Kommunalpolitiker sind schockiert vom Vorgehen der Behörden.

Unterschleißheim – Die nächtliche Abschiebung zweier afghanischen Geschwister hat in Unterschleißheim für blankes Entsetzen und große Betroffenheit gesorgt. Lehrer, Kommunalpolitiker und der Helferkreis Asyl sind um den 16-jährigen Milat und seine 20-jährige Schwester in Sorge.

Blankes Entsetzen in Unterschleißheim: Afghanische Geschwister nachts abgeschoben

In den frühen Morgenstunden haben die Geschwister am Montag einen Anruf erhalten. Sie wurden aufgefordert, ihre Sachen zu packen. Kurz darauf brachten Beamte der örtlichen Polizeiinspektion Milat und seine Schwester von der Unterkunft an der Siemensstraße zum Flughafen. Noch am selben Vormittag wurden sie nach Rom geflogen und in ein Lager gebracht.

16-Jähriger nach Rom abgeschoben - „Milat hat eine Chance verdient“

Milat schickte seiner Lehrerin kurz vor dem Abtransport eine Nachricht, doch diese schlief noch und las erst Stunden später, was ihrem Schüler widerfahren war. Die Schule war nicht informiert worden. Die Klassenlehrerin hat ihren Schüler inzwischen über sein Handy in Rom erreicht, er habe bitterlich geweint.

Die Abschiebung des Jugendlichen sei verantwortungslos und beschämend, sagt Annegret Harms, Unterschleißheims Dritte Bürgermeisterin: „Ich bin fassungslos und schockiert.“ Sie hatte sich diese Woche mit dem 16-Jährigen treffen wollen, um ihm Winterkleidung zu kaufen. „Milat hat eine Chance verdient, er war gut vernetzt. Es ist unmenschlich, dass er wieder entwurzelt wird, nach dem, was er in Afghanistan und auf der Flucht erlebt hat.“

Flüchtling nachts nach Rom abgeschoben: Landrätin protestiert - „Inhuman und nicht sinnvoll“

Auch stellvertretende Landrätin Annette Ganssmüller-Maluche protestiert: Angesichts der dramatischen Lage in Afghanistan werde Milat ohnehin Asyl erhalten. Die Abschiebung in ein anderes EU-Land sei ineffektiv. Milat und seine Schwester würden in den Mühlen der Behörden lange Zeit untätig warten müssen. „Einen 16-Jährigen, der gerade Deutsch lernt abzuschieben, ist inhuman und nicht sinnvoll.“

Engagierter 16-Jähriger abgeschoben - Lehrer und Mitschüler halten Kontakt

Milat lebt seit Oktober 2020 in Deutschland. Mit seiner Schwester wohnte er in der Unterkunft an der Siemensstraße und besuchte seit Ende September die achte Jahrgangsstufe der örtlichen Mittelschule. Mit einem Flüchtlingsboot kamen er und seine Schwester zuerst in Italien an, dort erfolgte die Erstregistrierung. Die Mutter lebt in Afghanistan, der Vater ist verstorben.

In Unterschleißheim integrierte Milat sich schnell, er konzentrierte sich ganz auf den Unterricht, machte gute Fortschritte. „Ein netter Junge“, sagt die Rektorin der Mittelschule, Gina Hanke, er sei engagiert und entschlossen gewesen, zu studieren. Bei einem Berufspraktikum habe er sehr gute Ergebnisse erzielt. Seine Klassenlehrerin förderte ihn. Sie und die Mitschüler seien seit der Abschiebung sehr traurig und besorgt, erzählt die Rektorin. „Uns bleibt nur, mit ihm Kontakt zu halten.“

Die Regierung von Oberbayern hatte die Abschiebung aufgrund der Dublin-Regel veranlasst. Demnach werden Geflüchtete in das EU-Land zurückgeführt, wo sie erstmals registriert wurden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hatte im Frühjahr die in Deutschland gestellten Asylanträge des Schülers und seiner Schwester als unzulässig abgelehnt und deren Rückführung nach Italien angeordnet.

Nach Abschiebung: Riesiger Frust im Helferkreis - „Es ist ganz grausam“

Ein Antrag auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Klage ist vom Verwaltungsgericht München jeweils abgelehnt worden. Die Regierung von Oberbayern betont auf Nachfrage des Münchner Merkur, lediglich für den Vollzug der Abschiebung zuständig zu sein, entschieden habe die Maßnahme das BAMF. Regierungspräsidentin Maria Els habe hier keinen eigenen Entscheidungsspielraum. Aus ihrer Sicht sei in diesem Fall aber wichtig, dass die beiden Geschwister nicht getrennt würden. Über den Flugtermin seien die beiden informiert worden.

Der Frust im Helferkreis ist riesig. Von Abschiebungen über Nacht hat Koordinatorin Daniela Schlüter in den vergangenen sechs Jahren oft erfahren. „Es sind Tragödien“, sagt die 59-Jährige, „es ist ganz grausam.“ Für die Ehrenamtlichen, die mit den Geflüchteten lernen, Hausaufgaben machen und Lehrstellen suchen, seien die Abschiebungen „ein Schlag ins Gesicht“.

Viele Geflüchtete kämen illegal zurück, „aber wir machen uns strafbar, wenn wir ihnen dann wieder helfen.“ Dieser Spagat zwischen Gesetz und Gewissen sei für viele Helfer schwer zu ertragen. „Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, der Ehrenamtliche bricht.“ Sie selbst nimmt sich da nicht aus, „mich wird das auch bald brechen.“ Was Daniela Schlüter bestärkt ist „die Unterstützung der vielen lieben Menschen in Unterschleißheim“.

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