Markus Kaiser füttert ein Kamel
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Füttert die Kamele mit Karotten: Markus Kaiser (45), Direktor des Zirkus Barnum. Er braucht täglich vier, fünf Sack Futter und einige Rundballen Heu. 

Schausteller und Tiere gestrandet

Existenzkampf in der Manege: Zirkus-Familien bangen um ihre Zukunft

Gleich zwei Zirkusse sind in Unterschleißheim gestrandet. Die Familien bangen nun um ihre Existenz - und bitten um Hilfe.

Unterschleißheim – Der Februar war der beste Monat, den der Mitmach-Zirkus Bambino heuer hatte: „Wir waren jeden Tag mit Schulstunden in Münchner Schulen, wir waren in Kindergärten“, erzählt Mandy Frank (28), die jüngste Zirkusdirektorin Europas. Seit Mitte März ist alles anders: Im ersten Lockdown brachen den 400 deutschen Zirkussen alle Einnahmen weg, wie jedem Veranstalter. Die Zirkusfamilien und ihre Tiere müssen schauen, wo sie bleiben.

Im Landkreis München sind gleich zwei Zirkusse aus der Region in Unterschleißheim gestrandet, und wie es aussieht, müssen sie hier auch überwintern: Bambino, in dem Unterschleißheimer Kinder während des Ferienprogramms aufgetreten waren, erneut an dem Weg zwischen Hans-Bayer-Stadion und Tennisareal. Und der Zirkus Barnum auf dem Lohhofer Volksfestplatz. Aus Aschheim ist der Zirkus De Tolli schon im Juni weggezogen – Ziel unbekannt. Die private Standmiete war zu hoch, und die Gemeinde konnte baustellenbedingt nur eine unterversorgte Ersatzfläche bieten, heißt es aus dem Rathaus.

„Wir stehen seit März!“

Corona trifft Barnum und Bambino existenziell. Gleichwohl gehen die beiden Familienunternehmen in der Krise unterschiedliche Wege. Schon die Ausgangsbasis ist verschieden: Nur Barnum hat Vorführ-Tiere. „Wir haben 70 Kamele, Lamas, Alpakas, Ziegen, Rinder, 20 edle Pferdehengste, die kleinsten Ponys Europas“, erzählt Direktor Markus Kaiser, während er in seinem Wohnwagen mit Schwerölofen sitzt. „Wir sind der tierreichste Zirkus der Region – außer dem Zirkus Krone.“ Der 45-jährige vierfache Vater klagt: „Wir stehen seit März!“ Normalerweise würden sie jetzt – insgesamt 15 Familienmitglieder in der achten Generation – für den Weihnachtszirkus nach Nürnberg umziehen. Aber es hagelte Stellplatz-Absagen aus den Rathäusern. Teilweise wurden die Plätze für Covid-19-Testzentren gebraucht.

So strandete Barnum im August, von Dachau kommend, auf dem Lohhofer Volksfestplatz. Auch dort war schon ein Testzentrum, der Zirkus musste an die andere Seite rücken. Zudem werde, beklagt Kaiser, die Werbeplakatierung, auf die Barnum angewiesen sei, auf ein unsinniges Niveau ausgedünnt: „Uns wurden zu 80 Prozent Steine in den Weg gelegt.“ Man habe es seit Mai mit einigen Vorstellungen probiert, aber es sei zu wenig Publikum gekommen: „Die Leute haben Angst. Vor März wird es nichts mehr werden“, fürchtet der Direktor angesichts des neuen Lockdown.

„Uns geht es dreckig!“

Verkauft jetzt LED-Luftballone: die Familie Frank vom Zirkus Bambino, unten Clown Emilio und Zirkusprinzessin und Drahtseilläuferin June, (v.r.) Jongleurin Doreen, Seniorchefin und Musikerin Sonja, die hochschwangere Direktorin Mandy und Hoolahoop-Tänzerin Michelle.

Die Stadt lässt Barnum und Bambino nicht nur gratis campieren, sondern übernimmt auch die Kosten von Strom, Wasser und Müllabfuhr. Zudem ruft sie zu Spenden auf. Sprecher Steven Ahlrep spricht von einem „humanitären Akt der Stadt“.

Direktor Kaiser blickt in die Zukunft: „Dass wir die Tiere übern Winter bringen, ist das Geringste.“ Auch wenn sie täglich vier bis fünf Sack Kraftfutter, Pferdemüsli oder Karotten sowie ein paar Rundballen Heu brauchen. Die Tiere haben bereits örtliche Fans, die ihnen regelmäßig Futter bringen. Mehr ins Gewicht fallen vor der Wiederaufnahme 2021 nötige Reparaturen und der TÜV an den drei Zugmaschinen sowie am Zelt, Tierarzt und Hufschmied, Werbung und Versicherungen. Kaiser: „Uns geht es dreckig!“

Staatliche Förderung für Zirkusse?

Von seinem Antrag auf November-Coronahilfe hat er bisher nichts gehört. Seit Oktober lebt die Zirkusfamilie von der Grundsicherung. Ihr Alltag wird von der Tierpflege bestimmt. Kaiser fordert staatliche Kulturförderung für Zirkusse, er hat auch in Berlin auf einer „Alarmstufe-Rot“-Demo der Veranstalterbranche demonstriert. „Wir fragen keine Bürgermeister um Hilfe“, sagt Mandy Frank vom Bambino. Ihre Ursprünge hat die 18-köpfige Familie im Kreis Aurich, erzählt die Hochschwangere bei einer Tasse Ostfriesentee. Aber schon ihr Vater (68) wurde ein Pasinger, ihr ältester Bruder (45) war schon als Bub hier, Bruder Manolito heiratete eine Einheimische. Mandy freut sich jedes Jahr auf den Geruch der Tannennadeln auf ihrem Stellplatz. Normalerweise würden sich die Franks im Winter zerstreuen, um in anderen Variétéprogrammen europaweit Geld zu verdienen. Jetzt verkaufen sie hier LED-Luftballons, einige arbeiten in normalen Berufen.

Markus Kaiser fasst zusammen, was wohl auch Mandy Winter unterschreiben könnte: „Wir vermissen den Zirkus! Unser Hauptlohn ist der Applaus. Wir werden die Tradition weiterführen, wenn Corona uns nicht vernichtet.“

GEORG EBLE

Spenden

Dem Zirkus Barnum kann man so spenden: mit Heu, Kraftfutter, Äpfeln, Geld in eine Spendenbüchse bei der Kamelwiese, auf das Konto DE74100100100786776114 oder per Paypal auf circus.barnum@gmail.com. Der Zirkus Bambino hat im Ludwig-Pettinger-Weg ebenfalls eine Spendenbüchse angebracht. Er verkauft in der Stadt LED-Luftballons.

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus im Landkreis München informieren wir in unserem News-Ticker.

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