Die Angeklagte wird ins Gericht geführt. Foto: Oliver Lang/ddp

Urteil gegen "Todesmutter" aus Haar: Zehn Jahre Haft für zwei Kindstötungen

Haar - Das Schwurgericht München I hat eine Verkäuferin (39) aus Haar, die zwei ihrer Kinder nach der Geburt getötet hatte, zu zehn Jahren Haft verurteilt.

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Die Angeklagte (39) trägt schwarz, ein schwarzes Tuch umhüllt ihre Haare. Sie dreht sich weg, schaut zur Wand, so dass niemand ihr Gesicht sehen kann. Dann verkündet der Vorsitzende Richter Manfred Götzl das Urteil: Zehn Jahre Gefängnis, weil die ehemalige Verkäuferin aus Haar zwei ihrer vier Kinder gleich nach der Geburt getötet hat.

Im ersten Fall von 1995 wird sie wegen Kindstötung verurteilt, weil damals der Paragraf 217 galt – er gestand einer Mutter, die ihr nichteheliches Kind tötete, einen Strafrabatt gegenüber anderen Arten des Totschlags zu. Im zweiten Fall von 2009 handelt es sich um Totschlag. Götzl legte ausführlich dar, wie die Mutter ihre Neugeborenen getötet hat. Die erste Tat war am 7. Oktober 1995. Die damals 25-Jährige war im achten oder neunten Monat von einem Mann schwanger, mit dem sie nicht mehr zusammen war, hatte aber bereits einen neuen Freund. Niemand bemerkte etwas von der Schwangerschaft. Als die Wehen einsetzten, ließ sie sich von ihrem neuen Freund in ihre Wohnung in Neuried fahren und wollte allein sein.

„Sie hatte vor, ihr Kind unmittelbar nach der Geburt zu töten“, sagte der Vorsitzende, „sie wollte die am Beginn stehende Beziehung mit ihren neuen Freund nicht gefährden.“ Das Kind sei ihr gleichgültig gewesen. Die Angeklagte gebar über der Toilette ein Mädchen, ließ es in die Schüssel fallen. Sie wartete, bis es sich nicht mehr rührte. Das Kind erstickte, weil es Wasser einatmete. Die Mutter steckte es in eine Tüte und legte sie auf den Balkon. Eine Woche später warf sie sie in den Müllcontainer.

2008 wurde die Haarerin von einem 19-Jährigen schwanger. Sie sprach darüber mit einer Mitarbeiterin der Jugendhilfe, die sich um die Familie kümmerte. Einige Zeit später sagte sie ihr, dass sie wegen einer Chemotherapie gegen Brustkrebs abgetrieben habe – doch diese Krankheit war erfunden, „um Vorteile für sich zu erreichen“, wie der Richter sagt.

Am 5. Januar 2009 brachte sie in der Badewanne ihrer Wohnung im Jagdfeld in Haar einen Buben zur Welt. Sie sah, dass er sich bewegte, doch sie wartete „bis sie bei dem Kind keinerlei Anzeichen von Leben mehr feststellen konnte.“ Auch die Leiche des Buben packte sie in einer Tüte auf den Balkon. Bekannte fanden die Leiche im März. Die Motive: „Lethargie, Bequemlichkeit, die Neigung, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, verbunden mit Gleichgültigkeit gegenüber den Säuglingen“, sagte Götzl. Hintergrund sei ihre „dissoziale Persönlichkeit“, weil sie in zerrütteten Verhältnissen aufgewachsen ist. Sie habe eine „Bindungsschwäche“.

Gleichwohl ist ihre Persönlichkeitsstörung nicht so schwer, dass sie nicht schuldfähig wäre. Der Richter warf der Angeklagten vor, dass sie Handlungsalternativen hatte und diese auch bedacht habe. Sie sei „planvoll“ vorgegangen, habe Erfahrungen mit Geburten gehabt – sie hat einen erwachsenen Sohn und eine neunjährige Tochter. Ihr Geständnis und ihre Reue hielt er ihr zugute. Die 39-Jährige nahm das Urteil an. von Nina Gut

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