Völlige Abstinenz von Liebe

- Grünwald - Wer trotz unzähliger Filmproduktionen, spätestens seit Carol Reeds Kanal-Krimi "Der dritte Mann", noch nicht der Mystik von Straßenunterführungen, Schächten, Tunnel-Labyrinthen und U-Bahnen erlegen ist, der muss in die Abgründe von Walter Strobels Unterwelt-Szenarien abtauchen. So ist eines der ausschließlich mit Öl auf Leinwand ausgeführten Ausstellungsstücke in der Grünwalder Galerie von Thomas Hettlage bezeichnenderweise mit "Hades" untertitelt.<BR>

Vordergründig sieht sich der Betrachter wieder einmal dem Puzzle einer kaputten Welt ausgeliefert. Die Hölle, das sind wir in unserer Einsamkeit, unserer sehnsüchtig unfähigen Suche nach dem Nächsten, die sich allenfalls in einem sinnlos lieblosen Narzismus zu äußern vermag. Also dominieren in dem Werk des Wieners die Farben des unterkühlten Film noir: düstere Grau-Töne, die auf ein sich von innen zerfressendes Grün stoßen, schemenhaftes Halbdunkel, ein seiner Sinnlichkeit entkleidetes Blau und Rot. Die paar Menschen wirken wie Traumtänzer in kalter Welt. Nur, die Bilder des 36-Jährigen Künstlers tätscheln nicht die oft so liebevoll gepflegte ästhetisierende Alltagstristesse.<P>Nein, sie atmen oft eine so ungeheure Bewegung, dass sie im Stillstand zu enden scheinen. Ein Tryptichon von Straßenbahn-Momentaufnahmen zeigt den Beobachter-Fokus in mehrfachen Varianten. Das meisterlich arrangierte Zusammenspiel von Person und Umgebung erscheint jeweils durch Beleuchtung, Farbe, Zusammenstellung und Aufbau grundverschieden von seinen Vorgängern oder Nachfolgern.<P>Zugleich gelingt ihm eine metaphysische Auseinandersetzung mit dem Begriff "Bewegung". Was ist diese überhaupt? Begriffe und Bildmotive verlieren sich in Unschärfe, eine von senkrechten und waagrechten Linien bestimmte Komposition gibt fast unsichtbar den Bildern Struktur. Und in ihrer Anordnung, als Zuggleise etwa, gewinnen sie Bewegung. So gleitet ein Sujet aus seinem Rahmen heraus in ein anderes. In diffusem Farbnebel erahnt der Protagonist oft nur die Annäherung von gefährlicher Bewegung. Ein ihn verfolgender Schatten - oder ist er es selbst, sein anderes Ich? Dem Künstler, der unter anderem auch bei dem Mal-Guru Arik Brauer studierte, rüttelt mit seinen in sich geschlossenen Kompositionen auf. Es lastet oft, bei aller filigransten, sehr ökonomischen Farbgebung, ein düster schwerer Ton, der hin und wieder auch silbrig-weiß zu schweben scheint. Überall lauern Gespenster und das unheimlichste ist das der Einsamkeit, des Sinn entleerten Lebens und völliger Abstinenz von Liebe.<P>Manfred Stanka<P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen: 18-Jähriger prallt mit BMW gegen geparkte Autos
Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen: 18-Jähriger prallt mit BMW gegen geparkte Autos
Coronavirus im Landkreis München: Zwölf neue Infektionen übers Wochenende
Coronavirus im Landkreis München: Zwölf neue Infektionen übers Wochenende
Unbekannte Tote in Isarkanal entdeckt: Polizei bittet um Hinweise - Achtung, verstörende Fotos
Unbekannte Tote in Isarkanal entdeckt: Polizei bittet um Hinweise - Achtung, verstörende Fotos

Kommentare