Neue Blosn, altbekannte Gesichter: Hans Well (Mi.) holt Monika Drasch und Michael von Müller auf die Bühne, um gemeinsam zu musizieren und Leute auszurichten. Foto: robert Brouczek

Der Vordenker und die Jodelkönigin

Unterhaching - Hans Well und zwei geniale Musikerkollegen finden zu einem neuen Trio zusammen

Unterhaching - Gottlob hat der Erwin Huber, Horst Seehofers Vorgänger im CSU-Vorsitz, in vorauseilendem Triumph den Mund nicht gehalten. „Die CSU hat die Biermösl Blosn überlebt.“ Soviel Überheblichkeit am Radiomikrophon bringt Ärger, denn Hans Well, der frühere Vordenker der einstigen Politik-Kabarett-Musikgruppe, hört mit. Also schwollen bei einem der Potentaten neuer bayrischer Musikkultur die Schläfen, zugleich aber wurde ein Kreativschub in Bewegung gesetzt, und der 59-Jährige blies erneut zur Attacke auf seinen Lieblingspartner. Ach, Erwin Huber, hätten Sie nur geschwiegen.

Zu spät, Hans Well formierte eine neue „Blosn“: Und wer nun glaubte, deren Tritte gegen die katholische Amtskirche, schwadronierende Politiker und die CSU, also alles, was heilig ist im Freistaat, seien sanfter, der irrte sich im Unterhachinger Kubiz. Drei Personen, zahllose Instrumente und mittendrin der Hans, werden vom Scheinwerfer angestrahlt und ihre Präsenz beherrscht die Bühne, bevor sie den Mund überhaupt öffnen.

Es genügt nicht, unfähig zu sein. Man muss auch in die Politik gehen. Diese weise Erkenntnis erscheint mal ganz verhalten, dann mit ironischem Grimm im Programm der „Neuen Blosn“. Und hin und wieder wird der Zuhörer von einem ketzerischen Gedanken heimgesucht: Ist soviel Talent, ein solch grandioses Zusammenwirken zwischen Text und Musik nicht verschwendet an die Pappnase zwischen Berlin und München? Offensichtlich nicht. Denn schon die erste Vorstellungsreihe, die sich langsam um die Landeshauptstadt windet und in Unterhaching Station machte, wird von Triumphen begleitet. Die Deggendorferin Monika Drasch, die schon beim Bairisch Diatonischen Jodelwahnsinn den blau-weißen Himmel fast zum Einsturz brachte, ist die Frontfrau. Sie fetzt, jodelt und überwältigt durch eine Ausstrahlung, der sich kaum einer entziehen kann. Alles, was in der Nähe ist, wird zum Instrument. Dudelsack, Drehleier, Blockflöte. Als Jodelkönigin genießt sie den Ruf einer Primadonna.

Michael von Müller entstammt einem alten Berliner Adelsgeschlecht, das in Oberammergau verarmt ist. Er besitzt die locker lächelnde Ausstrahlung eines Teenie-Idols. Er tanzt Schuhplattler, wie man ihn nur in der Volksmusikgruppe der Gemeinde Kofelgschroa erlernen kann. Er produziert tatsächlich Nussknacker und mitsingt mit zahlreichen Facetten in der Stimme. Er katapultiert sich mit fast jedem Blasinstrument zwischen Flöte und Saxophon in rauschende Beifallsstürme.

Der Chef mit obligatem Akkordeon hat ein Trio gebildet, das mit niemandem konkurrieren muss. Es ist ein in sich wunderbar geschlossener Klangkörper mit Solistenqualitäten, und um es kurz zu machen: einzigartig. Sicherlich, ein paar Überbleibsel der „Biermösl“-Tradition sind noch hängengeblieben, und sie stören nicht. Im Gegenteil. Die abgründig-tiefen Texte sind solch ein Relikt, und sie werden sogar noch untermauert durch Wells sprachlichen Sarkasmus, der mit gezogenem Florett genau da trifft, wo er soll. Früher war da schon mal ein Böllerschuss notwendig.

Ein wenig vermisst man die mit exotischen Beigaben vermischten musikalischen Zwischenspiele. Da, wo gejodelt und schnadagehüpft wird und sich Klezmer mit Jazz verbindet. Aber bei den genialischen Drei ist dies nur eine Frage der Zeit, sich ein Repertoire aufzubauen. Ihren eigenen Ton haben sie schon gefunden. Die Jodelkuppelei „Dirndl, willst an Bäcker haben?“ gerät zum witzigen Hymnus auf das Künstlertum.

Beim Organspender geht die eine Niere an den Vatikan, die andere gar nach Pakistan. Horst, der Wendige (Seehofer), trifft auf Markus, den Speichellecker (Söder). Und all diese Begegnungen werden in alttestamentarischer Manier geschildert und schließlich - mittendrin im sakralen bayrischen Barock - zerfließt die Sprache in edel duftenden Weihrauch.

So nahe lag der Vatikan noch nie bei Unterhaching. „Ihr könnt ruhig auch aus Euch herausgehen“, mahnt Well und alle wären bereit, beim Komasaufen mitzumachen.

(sta)

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