Fantastisches Gastspiel: Das Juilliard String Quartett im Bürgerhaus Pullach. Foto: michel

Wenn's traurig wird, gehen die Leute

Pullach - Besucher verlassen Konzert im Bürgerhaus Pullach

Pullach - Selbst an einem so beschaulichen Ort wie dem Pullacher Bürgerhaus ist der Tod allgegenwärtig. Im Kribbeln der Füße macht er sich bemerkbar, wenn man am Panoramafenster oder auf der gläsernen Terrasse steht und sich bewusst wird, dass nur wenige Zentimeter Stahlbeton vor dem Sturz in die Tiefe schützen. Hoffentlich hat sich der Statiker nicht verrechnet, mag sich da mancher denken, während der Blick über das Isartal schweift, das gerade jetzt zu Sommerbeginn so wild-romantisch anmutet und wie ein einziges Blätterdach aussieht.

Bei der Musik mussten die Zuhörer um ein zu schwaches Gerüst nicht bangen: Die Musiker des Juilliard String Quartetts gaben ihren Stücken im gut besuchten Konzertsaal eine Zugkraft, die wie über Stahlseilen gespannt war. Jeder Klang - eine Treppenstufe, die unerbittlich hinaufführte zu den düsteren Themen, die den Rahmen für den Konzertabend setzten: Tod, Verzweiflung, Sehnsucht, Hoffnungslosigkeit. Dies nicht nur bei dem prominentesten Stück, Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“, sondern gerade auch bei den sehr modernen Stücken „Fünf Sätze für Streichquartett“ von Anton Webern und dem „Streichquartett op.3“ von Alban Berg. Diese in der Tat wenig Hoffnung verheißende Perspektive mag der Grund dafür gewesen sein, dass einige wenige Besucher bereits nach dem ersten Stück, Weberns Streichquartett, gingen.

Schade, denn die vier Musiker dieses Quartetts, das seit 70 Jahren in wechselnden Formationen besteht und inzwischen schon zu einer amerikanischen Legende geworden ist, liefen zur Höchstform auf. Von Thomas Mann stammt der zu seinem Lebensideal erhobene Satz: „Gedanke, der ganz Gefühl, Gefühl, das ganz Gedanke wird.“ Genau diese Einheit stellten die Musiker in diesen zwei berauschenden Konzertstunden her. Weberns Stück ist eine alptraumhafte Musik, die mit ihren blitzartig zuckenden Sätzen, die teilweise nicht einmal eine Minute dauern, an die Ängste eines Franz Kafka erinnern. Es ist, als würde die Zeit selbst aus dieser verstörenden Stille herausfallen - eine Atmosphäre, die das Quartett phänomenal herausarbeitete. Mit jeder Klangnuance machte es diese Ängste, die Spiegel der Zeitenwende im Vorfeld des Ersten Weltkriegs sind, hör- und fühlbar. Ein fast übersinnliches Verständnis von Klangfiguren war da zu hören. So viel Gespanntheit lag in der Luft, dass die Musiker die Noten so leise wie möglich umblätterten, um jedes noch so kleine störende Geräusch aus diesen Tönen zu verbannen. Man fragt sich, wie jemand in diesen Sphären leben, wie er sie sich ganz zu eigen machen und zugleich in den ganz alltäglichen, praktischen Anforderungen des Lebens bestehen kann. Ein Widerspruch, an dem sicher so mancher Interpret seelisch zerbrochen ist.

Nicht weniger bewegend spielte das Quartett Bergs Streichquartett, und als nach der Pause Schuberts wegweisendes, im Jahr 1824 komponiertes Werk „Der Tod und das Mädchen“ erklang, das war es, als würden endlich die ersten wärmenden Sonnenstrahlen durchbrechen. Zwar ist auch diese Musik von dunklen Vorahnungen erfüllt (es greift einen beliebten literarischen Stoff in der Ära der Romantik auf), doch immer wieder kommen diese beruhigenden Impulse: als ein hirtenhaft verspieltes Nebenthema im Kopfsatz, als Poesie im „Andante con moto“ und als ein frivoles Zwischenspiel im Scherzo-Teil.

Der Tod - in der Augen der Romantiker war er eben etwas Verheißungsvolles, etwas, das den im Leben verlorengegangenen Sinn auf einer anderen Stufe wiederherstellt. Bei Berg und Webern, die die Katastrophen des 20. Jahrhunderts vor Augen hatten, lauerte hinter dem Tod nur noch blankes Entsetzen. Alles Dimensionen, die die Musiker wie aus einer Skulptur herausarbeiteten. Fantastisch!

Rafael Sala

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