"Wir demonstrieren nicht wegen jedes kleinen Flohs!"

- Milchbauern im Streik - Kritik an EU-Reform und Preisverfall

VON ANKE SCHULZE Schäftlarn - Lohnt es sich eigentlich noch, Kühe aufzuziehen, sie ordentlich zu füttern und sie zu melken? Kaum - darüber sind sich die Milchbauern einig. Den Ernst der Lage beschreibt Anton Stürzer, Stellvertretender Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes, so: "Wir demonstrieren nicht wegen jedes kleinen Flohs. Es schon fünf nach zwölf", sagte Stürzer gestern bei einem Pressegespräch in Schäftlarn. Mit ihrem dreitägigen Stopp der Milch-Auslieferung unter dem Motto "Lebensmittel sind mehr wert" setzen die Bauern seit gestern ein Zeichen. Ein Warnsignal an den Lebensmitteleinzelhandel, an die Politiker und auch an die Molkereien.

Der Milchpreis sei ins Grenzenlose gestürzt, so Franz Strobl, Landwirt aus Schäftlarn und Ortsobmann des Bauernverbandes. 27,2 Cent pro Liter bekommen die bayerischen Bauern im Durchschnitt für ihre Milch, was die Ausgaben nicht decke. Schon ohne Lohnkosten würde allein die Milchgewinnung 30 Cent pro Liter betragen. Durch die Brüsseler Agrarreform werde der Preis Das große Geld schiebt die Molkerei ein auf 21,4 Cent sinken, der Rest soll durch Ausgleichszahlungen gedeckt werden. Stürzer betont, dass dies keine Subventionen seien. "Wenn wir einen anständigen Preis kriegen würden, bräuchten wir keine Ausgleichszulage."

Ein "Riesenproblem" sieht Stürzer darin, dass der Verarbeiter - also die Molkerei - das große Geld einschiebe, was dem Verbraucher selbst nicht bewusst sei. Durch die EU-Reform würde die Milch nur im Einkauf künftig die Hälfte kosten, der Preis für den fertigen Käse im Kühlregal bleibe jedoch gleich. Darauf, dass die Politiker effektiv etwas verändern, wollen sich die Bauern nicht verlassen. Georg Lang, Gemeinderat und Milcherzeuger aus Schäftlarn, hofft, dass innerhalb der EU eine gewisse Solidarität entsteht und die Bauern die Produktion senken. Hans Minsinger, Landwirt aus Siegertsbrunn, erklärte, dass es hier nicht nur um die Gewinne der Bauern gehe, sondern auch darum, die Kaufkraft im Land sowie die Arbeitsplätze zu erhalten. Außerdem erhalte man durch die Milchviehwirtschaft die Kulturlandschaft, was in der ganzen Diskussion oft übersehen werde.

Unter der Reform leiden laut Lang alle Bauern gleichermaßen, egal ob der Landwirt nun zehn oder hundert Milchkühe hat. "Es wird für die großen Landwirte sogar schwieriger", prophezeit Lang. Die Milchproduktion sei in der Landwirtschaft der teuerste Part, die Investitionen in Maschinen seien manchmal erst nach 20 Jahren getilgt. Stürzer schätzt: "Hat ein Bauer heute 100 Kühe, arbeitet nur noch für die Bank, Lebensqualität gibt`s keine mehr." Andererseits sind die Bauern auf die Milchproduktion angewiesen. 40 Prozent der Erlöse deutscher Bauern stammen aus Milch und Rindfleisch. 26 Tonnen Milch werden in Deutschland jedes Jahr produziert, davon kommen 7,2 Tonnen allein aus Bayern.

Kritik übten die Landwirte bei der gestrigen Gesprächsrunde auch am Verhalten der Verbraucher. "Die Immer mehr Bauern geben resigniert auf Menschen sparen lieber beim Essen als beim Urlaub", so Stürzer. "In Deutschland erwarten sie außerdem kontrollierte, einwandfreie Ware - im Ausland dagegen essen sie, was auf den Tisch kommt." Keine rosigen Aussichten für die Branche also. In Schäftlarn selbst gibt es nur noch acht Bauern, die Milch produzieren, in der Milcherzeugergemeinschaft Isar-Loisachtal sind es 110. Ihr Vorsitzender Sebastian Urban weiß: "Jedes Jahr geben zehn Bauern auf."

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