1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis

"Du spinnst ja": Sie läuft das härteste Rennen der Republik

Erstellt:

Kommentare

Marathon Zugspitze von Opel
„Du fühlst dich wie ein Held“: Sonja von Opel über die Faszination Bergmarathon © fkn

Pullach/Lermoos - 42,195 Kilometer, 3809 Höhenmeter – der Rock The Top Marathon erfordert einen langen Atem. Rund 250 Läufer tun ihn sich trotzdem an. Mittendrin: Die Pullacherin Sonja von Opel.

Auf manche Hindernisse ist man einfach nicht vorbereitet. Weil sie unmöglich planbar sind. Als Sonja von Opel (39) neulich mal die Zugspitze im Dauerlauf erklommen hatte, wollte sie natürlich auch zum Lohn ans Gipfelkreuz. Auf ihrem Weg in die Höhe war alles herrlich gewesen: Keine Menschenseele, sie allein mit ihrem Hund, einige Gämsen als Flankenläufer – aber am Gipfelkreuz: plötzlich Masse. „Eine Japanerin hing da mit zitternden Knien fest, in Flipflops, nichts ging vor oder zurück“, erinnert sich Sonja von Opel. Das sei schon frustrierend gewesen, all die Touristen, die mit der Bahn raufgefahren waren und ihr nun im Weg standen. „Aber ich hab’ mich am Ende trotzdem zum Gipfelkreuz durchgekämpft.“

Alles andere hätte ja auch verwundert. Sonja von Opel, Ur-Enkelin des Firmengründers Opel, kämpft sich immer durch, und nur so zum Spaß hat sie die Zugspitze neulich ja auch nicht gestürmt. Sondern zur Probe. Am heutigen Samstag gehört sie beim Rock The Top Marathon zum rund 250 Läufer fassenden Starterfeld, das in Lermoos, also auf der Tiroler Seite, loslegen wird. 42,195 Kilometer bei 3809 Höhenmetern (es werden da auch die Abstiege eingerechnet) – es ist Deutschlands härtestes Bergrennen.

Sonja von Opel schwärmt seit 2003 vom „Mythos Marathon“. Die Personal Trainerin aus Pullach (Kreis München) schreibt inzwischen Bücher über ihre Leidenschaft, doch auch für sie wird es eine neue Herausforderung. Bisher waren ihre Rennen immer flach. Sie lief in München, Freiburg, London, Turin, Florenz, auch mal in Nairobi („durch den roten Sand, ich kam mir vor wie eine Stammesangehörige, eine tolle Erfahrung“), sie verbesserte ihre Zeit von 3,58 auf 2,52 Stunden – aber diesmal ist alles anders. Sie rechnet damit, dass sie ca. acht Stunden brauchen wird. Sofern sie überhaupt ankommt. „Das ist das oberste Ziel“, meint sie.

Was macht die Faszination Laufen aus – vor allem das extreme Laufen? „Ich bin ein extremer Mensch, das muss ich zugeben. Aber mich fasziniert auch, wie man über systematisches Training Stück für Stück zum Ziel kommt.“ Akribisch und penibel muss man schon sein, sagt sie, und sich auch überwinden können. Selbst sie, die pro Woche 80 Kilometer läuft, muss sich ab und zu quälen, und sogar Schwänzen kommt vor, immer öfter, wenn sie ehrlich ist. „Früher hätte ich mir da eher den Fuß abgehackt.“ Auszeiten werden rot im Trainingsplan angestrichen, als leuchtender Zeigefinger, „dass ich mir da einen Tag ergaunert habe“. Generell ist sie aber immer froh, wenn sie losgelaufen ist: „Es ist eine Frischzellenkur, wie ein kleiner Urlaub. Man fühlt sich besser.“

Bekannte sagen: "Du spinnst ja!"

Beim Training für den Marathon in der Bergwelt musste sie sich nie extra motivieren – weil schon allein das Ambiente stimuliert. Am Walchensee war sie bevorzugt unterwegs, die Natur, die Tiere, das Panorama – einzigartig. Einmal standen zwei Gämsen auf einem Felsen, nur die Silhouetten im Sonnenlicht. Leider fehlte die Zeit, um ein Foto zu machen. „Das wäre ein Poster fürs Wohnzimmer geworden. So ist das: Du schnaufst, aber du grinst auch gleichzeitig. Du fühlst dich wie ein Held.“

Im Bekanntenkreis hört sie deshalb eigentlich auch nie „Du spinnst ja!“ Sondern viel öfter: „Wie cool, das will ich auch!“ Ihr nächstes Ziel wird der Marathon von Amsterdam sein, „außerdem habe ich Blut geleckt, was lange Distanzen angeht“. Mal 100 Kilometer zu rennen, ist die nächste Stufe, neulich lief sie bereits fünf Tage in Spanien, von der Costa de la Luz über Gibraltar zur Costa del Sol. 200 Kilometer. „Drei bis fünf Stunden, Kaffeepause, dann nochmal zwei Stunden – allein, ganz entspannt“, sagt sie. Sie hätte auch schneller gekonnt, aber es war ja Urlaub.

Ein wenig Angst hat sie jedoch auch vor dem Rennen an der Zugspitze, das gibt sie zu. 2008 starben zwei Läufer. „Mir ist schon mulmig, es ist wichtig, sich gut vorzubereiten.“ Körperlich wie von der Ausrüstung her. Erst fand sie es „albern“, mit Rucksack zu laufen. „Aber das muss alles dabei sein: Handy, Handschuhe, Mütze, Getränke. Der Rest ist Gottvertrauen.“

So ist das Risiko minimiert – und die Vorfreude enorm. Vorbereitet hat sich Sonja von Opel unter anderem an einer Treppe mit 175 Stufen mitten in Pullach. Einmal pro Woche lief sie rauf. Jeweils zehn Mal. „Ich fluche da total, da tobt ein Krieg in meinem Kopf.“ Aber was macht man nicht alles, um sich ein Gipfelkreuz zu verdienen?

Andreas Werner

2008 starben zwei Teilnehmer

Wer „Extremberglauf“ und „Zugspitze“ hört, erinnert sich an das Drama, das sich bei einem Rennen 2008 abgespielt hat. Die 550 Teilnehmer wurden damals am Vormittag von heftigem Schneefall erwischt, binnen weniger Minuten war alles weiß, und am Ende ließen ein 41-Jähriger und ein 45-Jähriger ihre Leben. „Wir haben ein umfangreiches Rettungs- und Sicherheitskonzept und arbeiten mit einem Risikomanagement-Team, bestehend aus staatlich geprüften Bergführern, Bergwacht und Bergrettung sowie unserem Medical Team mit Rettungssanitätern und Ärzten, zusammen“, sagt Heinrich Albrecht, Geschäftsführer der „Plan B event company“, die das Rennen ausrichtet. „Zusätzlich wird jeder Läufer vor dem Start auf seine umfangreiche Pflichtausrüstung kontrolliert, die unter anderem lange Kleidung, Handschuhe und Mütze, ein Erste-Hilfe-Paket sowie eine Rettungsdecke enthält.“ Man ist gewappnet. Damals war ein anderer Organisator zuständig als in diesem Jahr.

Auch interessant

Kommentare