Die Opfer des Zugunglücks

Lokführer Jürgen F.: Der Retter, der um sein Leben kämpfte

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München - Früher hat er als Sanitäter Menschen geholfen, jetzt kämpfte er um sein Leben - und verlor: Das Schicksal des Lokführers Jürgen F. verdeutlicht die Tragik des Unglücks von Bad Aibling. Auch über die Todesopfer wird immer mehr bekannt.

Der Lokführer Jürgen F. aus Sauerlach ist seinen Verletzungenam Donnerstagnachmittag erlegen. Wie es zu der Zug-Katastrophe gekommen ist, soll am Dienstag eine Pressekonferenz klären. Hier können Sie unseren Ticker zum Zugunglück von Bad Aibling nachlesen.

Jürgen F. kämpfte noch um sein Leben

Am 24. Dezember 2011 wendet sich Jürgen F. mit einem emotionalen Eintrag auf Facebook an seine Freunde. Er wünsche allen „ein gesegnetes Weihnachtsfest, stressfreie Feiertage“, schreibt er. Vor allem aber wünsche er Gesundheit. „Ich musste ja selbst erfahren, wie schnell sich das ändern kann. Deshalb habe ich mir vorgenommen, nicht mehr alles auf später zu verschieben, wenn ich mal Zeit habe. Man weiß nie, ob der Moment dann noch kommt.“ Jürgen F. hatte vor Jahren einen Herzinfarkt erlitten, berichten Bekannte. Er war sensibel dafür geworden, wie schnell man durch Krankheiten oder Unfälle aus seinem normalen Leben gerissen werden kann.

Nun liegt der Sauerlacher, noch keine 50, Vater zweier Kinder, in Rosenheim im Krankenhaus. Er kämpft wohl um sein Leben. F. ist einer von vier Lokführern, die in den beiden Zügen saßen, die am Dienstagmorgen bei Bad Aibling aufeinanderprallten. Drei von ihnen sind tot. Jürgen F. liegt im Koma. Bekannte berichten von mehreren Brüchen und Kopfverletzungen. Er habe wohl nicht vorne im Führerstand gesessen, sondern im Fahrgastraum, heißt es. Für ihn sei der Zug nur ein Zubringer gewesen, in Rosenheim habe er seinen Dienst antreten sollen.

Angehörige, Freunde und Bekannte bangen um sein Leben. Schon am Dienstag richten sie ein Gruppe beim Chat-Dienst WhatsApp ein, Nachrichten werden ausgetauscht, Wünsche verschickt. „Wir haben alle für ihn gebetet und die Daumen gedrückt“, sagt ein ehemaliger Kollege. Ein „netter, geselliger“ Mensch sei Jürgen. Ein allseits geschätzter Kollege und ein hilfsbereiter Mensch.

F. hat seit Jahrzehnten mit Unfällen und Schwerverletzten zu tun. Er war lange Rettungssanitäter beim Roten Kreuz, arbeitete in der Rettungswache Sauerlach. „Er hat unzähligen Menschen geholfen und auch selbst anderen das Leben gerettet“, heißt es in seinem Bekanntenkreis. Nach seinem Herzinfarkt habe er sich beruflich umorientiert. Er wurde Lokführer bei der Bayerischen Oberlandbahn (BOB), fährt seit Jahren Meridian-Züge. Bei der Eisenbahnergewerkschaft EVG engagiert er sich für seine Kollegen. Auch bei der Freiwilligen Feuerwehr in Sauerlach packte er mit an.

Auch die Identität eines der verstorbenen Lokführer ist bekannt geworden: Es ist Thomas B. aus Kolbermoor. Kollegen posten Bilder einer Abschiedsfeier von Kolleginnen im Januar bei Facebook. Sie können immer noch nicht verstehen, dass ihr Freund tot ist. „Ich hab’ ihn gestern Abend noch als Fahrgast in seinen Feierabend nach Holzkirchen gefahren“, berichtet einer. „Es ist ein komisches Gefühl, gestern waren sie noch beim Stammtisch – und jetzt?“ Thomas B. hatte im Sommer 2014 geheiratet. Er galt als erfahrener Lokführer, bildete sogar andere Nachwuchsfahrer aus.

Nicht über alle Opfer ist so viel bekannt. Zehn Menschen sind tot, neun am Mittwoch bereits identifiziert. Die Todesopfer sind alle männlich, zwischen 24 und 59 Jahre alt. Die zehnte verstorbene Person wird in der Rechtsmedizin obduziert. Die Gerüchte, es handle sich um ein jugendliches Mädchen, wie es zwischenzeitlich heißt, dementiert die Polizei. Der Gesundheitszustand einiger Schwerverletzter ist nach wie vor ernst, heißt es weiter. Und es gibt noch eine gute Nachricht: Die vermisste Person, nach der bis zum frühen Mittwochmorgen gesucht worden war, war nicht im Zug.

Bei der Belegschaft der Bob herrscht Ausnahmezustand. Lokführer und Zugbegleiter sind noch immer fassungslos. „Die Kollegen sind fix und fertig“, heißt es im Münchner Gewerkschaftsbüro der EVG. Viele hätten sich im Raum des Bob-Betriebsrats versammelt, seien bestürzt. Sie haben Kollegen verloren, Freunde. Einige hätten sich vorübergehend krank gemeldet. Diejenigen, die da sind, trösten sich gegenseitig. Unter Eisenbahnern, sagt ein Gewerkschafter, sei man füreinander da. „Das ist wie in einer Familie.“

Til Huber, Carina Zimniok und Markus Christandl

Lesen Sie hier:

Diese Helfer waren bei der Zug-Katastrophe im Einsatz

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