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Zwangsarbeit in der Flachsröste: Stadtrat lässt ein dunkles Kapitel erforschen

Unterschleißheim - Die Hanf- und Flachsröste Lohhof GmbH gehört zu den traurigen Fakten der Unterschleißheimer Ortsgeschichte. Während der NS-Zeit mussten in dem „kriegswichtigen“ Betrieb Zwangsarbeiter unter harten Bedingungen Flachs verarbeiten. Viele wohl mit dem Wissen um ihren baldigen Tod.

Ein dunkles Kapitel, über das einiges bekannt ist, aber nicht alles. Ein Forschungsauftrag soll mehr Klarheit bringen. Die Stadträte haben einen Etat über 13 000 Euro an einen wissenschaftlichen Mitarbeiter des Historischen Seminars der Universität München vergeben.

Es mögen Menschen in Unterschleißheim leben, die sich erinnern können an die Flachsbunker außerhalb des Ortes. Vielleicht, weil sie selbst erlebt haben, wie im Jahr 1936 die ersten Bauten der Flachsröste hochgezogen wurden. Oder weil sie Fritz Lochmann kannten, vermutlich einer der Gesellschafter der GmbH. Vielleicht weil diese Menschen über andere von der Anlage gehört haben, die laut Grundsteuerkataster auf dem Flurstück 978, der sogenannten Mooswiese, entstand. Dort, wo heute die Carl-von-Linde-Straße durch das Gewerbegebiet führt.

Offiziell allerdings ist die Geschichte der Flachsröste und ihrer Zwangsarbeiter lediglich in den wesentlichen Zügen bekannt. Wolfgang Christoph und Eva Lörinci haben über die Jahre eine Menge Material zusammengetragen und akribisch festgehalten, was zu erfahren war über die Entstehung des Betriebes, seines Fortgangs und über sein Ende im Jahr 1945.

Jetzt aber sind neue Quellen aufgetaucht, unter anderem im Bundesarchiv in Berlin. Sie ermöglichen es, die Geschehnisse noch umfangreicher als bisher zu erforschen. Diese Arbeit wird der Historiker Maximilian Strnad übernehmen, der sich bereits mehrfach befasst hat mit jüdischen Schicksalen in München und in der Region während des NS-Regimes.

Es ist bekannt, dass in der Flachsröste Lohhof unter den Zwangsarbeitern zahlreiche jüdische Frauen beschäftigt waren. Wie viele, bleibt bislang offen. Mal ist von 40, dann wieder von 50, an anderer Stelle von bis zu 100 Jüdinnen die Rede.

Gemeinsam mit ausländischen Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen mussten sie für die deutsche Kriegswirtschaft den reifen Flachs ausrupfen und in kaltem Wasser einweichen, um dann den harten Kern aus der Faser zu lösen. Anschließend häckselten sie die Fasern und verarbeiteten sie zu Flachsgarn. Aus ihm entstanden unter anderem Seile und Zeltplanen.

Zumindest von den jüdischen Frauen weiß man, dass laut einer Liste 61 von ihnen 1941 in Kaunas (Litauen) erschossen wurden von litauischer SS.

Wie die Quellen berichten, kamen die jüdischen Zwangsarbeiterinnn zunächst aus einem Lager in Milbertshofen zur täglichen Arbeit nach Lohhof. Dafür mussten sie zu Fuß nach Feldmoching laufen und von dort mit dem Zug nach Lohhof fahren. Später wurden sie direkt auf dem Gelände in einer Baracke untergebracht.

Den Zwangsarbeiter-Einsatz dieser Frauen leitete in den Jahren 1941/42 Rolf Grabower, vor dem Krieg von 1934 bis 1935 Richter am Reichsfinanzhof, später selbst ins KZ Theresienstadt verschleppt.

Auf der Grundlage des bisher Erforschten wird Maximilian Strnad die neuen Unterlagen sichten und auswerten und schließlich Altes und Neues in einer Publikation zusammenführen. Dabei liegt der Schwerpunkt seiner auf 480 Stunden angesetzten Untersuchung auf der Rekonstruktion der Personalien derjenigen, die als Zwangsarbeiter in Lohhof schuften mussten.

Außerdem geht es um die Firmengeschichte der Hanf- und Flachsröste und die Frage, ob und welchen politischen Hintergrund es gab für die Inhaber und Betreiber. Welches politische Umfeld fanden sie in Unterschleißheim vor? Und schließlich will Strnad die Flachsröste in Bezug setzen zu anderen Zwangsarbeiter-Einsätzen im Münchner Umland. Denn nur so lässt sich einordnen, welche Bedeutung dem traurigen Faktum der Unterschleißheimer Ortsgeschichte wirklich beizumessen ist.

Dokumente gesucht:

Wer Erinnerungen hat an die Flachsröste, wer Fotos von ihr besitzt, über Briefe, Karten und andere Dokumente verfügt, kann sich an Wolfgang Christoph wenden. Er ist über Mail zu erreichen unter wolfgang.christoph@arcor.de. bw

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