Die „Boogie-Woogie-Brothers“ werden Axel (l., 59) und sein Bruder Thorsten Zwingenberger (55) zu recht genannt. Im Unterhachinger Kubiz erleben die Zuhörer ein Gipfeltreffen auf dem Jazz- und Boogie-Olymp. Foto: eva hennigs/fkn

Zwingenberger-Brüder im Kubiz

Unterhaching - Er kann einfach nicht anders! Und das macht ihn so einzigartig. Als weltweit gefeierte Personifikation des dahinfließenden Boogie-Woogie gab Axel Zwingenberger (59) ein Gastspiel im Unterhachinger Kubiz. Gemeinsam mit seinem Bruder Thorsten (55) lässt er die Lokomotive schnauben.

Die Musikerikone Axel Zwingenberger verpasst keine Gelegenheit, ihr Spiel einer gipfelstürmenden Dampflokomotive gleichzumachen. Niemals würde die sich von einem Tempolimit beeindrucken lassen. Der Mann mit der über viele Jahre hinweg unvermeidlichen Haargardine vor dem Kopf kennt kein Innehalten. Zum anderen ist es Zwingenbergers Begabung, exzellente Partner, darunter die Blues-Lady Sippie Wallace, den „Rolling Stone“ Charlie Watts, Big Joe Turner, Vince Weber und natürlich seinen Bruder Thorsten Zwingenberger für eine Zusammenarbeit zu begeistern. Sei es im Studio oder live vor zahllosen Fans.

Beim Auftritt im Kubiz schnappen die Unterhachinger nach Luft, denn dort mischt sich auch noch die zweite Hälfte der „Brotherhood Zwingenberger“ ins Spiel, und gemeinsam rüsten sie zur wilden Jagd. Ein Gipfeltreffen auf dem Jazz- und Boogieolymp. Technisch ist Thorsten Zwingenberger (55) ein Meister seines Fachs. Und interpretatorisch könnte man sich kaum mehr Temperament, mehr Leben wünschen. Aber auch die versonnenen, die zärtlichen Töne sind ihm nicht versagt, wenn er innige Klangcollagen zu einem unerhörten Sound bündelt. Zugleich sind beide Zwingenberger geniale Tüftler, die nach immer neuen Klanglandschaften Ausschau halten.

Thorsten hat eine ungeheuer anspruchsvolle Schlagzeugtechnik entwickelt, die er „Drumming 5.1“ nennt. Er spielt mit mindestens fünf Fußmaschinen - zeitweise simultan, da er auch die Fersen einsetzt. Die unterschiedlichen Percussionsinstrumente werden angeschlagen, und den Zuschauer schwindelt es allein beim Beobachten, wie sich die Gliedmaßen zu verheddern scheinen und der Sound dennoch die Ohren kitzelt. Im Umfeld eines musikalischen Hexensabbats, wie er im symphonischen Bereich allenfalls bei dem französischen Romantiker Hector Berlioz in dessen „Symphonie Fantastic“ vollzogen wird, scheint das Duo im prächtig aufeinander abgestimmten Zusammenspiel keine Grenzen zu kennen.

Ihre Interpretationen sind mit allen Wassern gewaschen, stehen meist unter Dampf, und die künstlerische Verwandschaft des Bruderpaares lässt sich an diesem Abend nicht überhören. Eine glückliche Liaison entspinnt sich zwischen den Heroen des Boogie-Woogie; pulsierend und mit garantiert intensivem Groove. Sie werfen sie sich gegenseitig die Bälle zu und tauschen hin und wieder unwiderstehliche Blicke mit dem Publikum. So entsteht ein enges Zusammenspiel zwischen Podium und Stuhlreihen.

Zwei Paare sind nicht mehr länger zu halten: Sie tanzen in der linken Galerie und lassen sich kaum eine Nummer entgehen. Die Musiker sehen es mit Wohlgefallen und im legendären Evergreen vom „Honkey Tonk Train Blues“ finden dementsprechend regelrechte Railway-Orgien statt. Denn auch der vier Jahre jüngere Thorsten scheint von der unendlichen Passion seines älteren Bruders infiziert zu sein: Eisenbahnwaggons, Loks und rotierende Schienen in irrwitzigen Tempi in Musik umzusetzen.

Die Hamburger bürsten Harmonien gegen den Strich und befreiten schon vor über 30 Jahren diese damals fast vergessen geglaubte afroamerikanische Volksmusik des Boogie-Woogie aus ihrem Nischen-Dasein. Der Piano-Matador grinst einmal mehr ins Auditorium, wenn er wieder einmal einen Thriller in die Endlosschleife geschickt hat oder Melodienfetzen herumwirbeln lässt.

Der Schlagzeuger glüht vor Intensität, neigt insbesondere bei den Blues-Fragmenten zur Innenschau und peppt sie funkig auf. Auch Axel Zwingenberger belässt es dann nicht bei donnerndem Fortissimo, sondern schmeichelt den Zuhörer-Ohren mit sanftestem Piano. Und wackelte dabei nicht der Flügel und stampften nicht die gelben Schnabelschuhe, der Saal würde ein kleines, aber unentbehrliches Detail vermissen.

(sta)

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