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Zwei Leser, ein Ministerpräsident: Maria Grenzebach und Roman Krinner haben für unsere Zeitung Horst Seehofer (Mitte) interviewt.

Unsere Leser interviewen Horst Seehofer

„Sagen Sie mal, Herr Ministerpräsident...“

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    Carina Zimniok
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Zum 70-Jährigen des Münchner Merkur stellte sich Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer den Fragen von zwei Merkur-Lesern.

Maria Grenzebach ist 51, Milchbäuerin, dreifache Mama und fleißige Leserbriefschreiberin aus Aschering, Kreis Starnberg. Roman Krinner, 78, Prokurist in Rente, achtfacher Opa, Skifahrer und Wanderer aus Altenerding. Beide lesen täglich unsere Zeitung – einen Nachmittag lang haben sie sogar unsere Arbeit gemacht: Sie haben Horst Seehofer interviewt, im 4. Stock der CSU-Zentrale in Schwabing. Sie haben ihn nicht geschont. Und sie haben erstaunliche Antworten aus dem CSU-Chef herausgekitzelt.

Roman Krinner: Herr Seehofer, wie wird man Ministerpräsident?

Sie werden es auf alle Fälle nicht, wenn Sie es unbedingt werden wollen. (Alle lachen, weil alle wissen: Das ist eine Spitze gegen Markus Söder.)Ein Amt muss zu einer Person kommen. Wir waren eine Arbeiterfamilie, vier Kinder. Die Eltern wollten, dass wir es mal besser haben. Meine Mutter hat meinen Bruder in die Bank und mich ins Landratsamt gesteckt. Irgendwann musste ich Reden schreiben. Dann hat der Landrat das vorgelesen, was ich aufgeschrieben habe. Ich hab mir gedacht: Das kann ich selber auch. Und ich bin in die Junge Union eingetreten.

Krinner: Also viele Zufälle.

Ja. Dann ist das Bundestagsmandat bei uns in Ingolstadt frei geworden, 1978. Ich bin aufgefordert worden, mich zu bewerben. Ein Amtsgerichtsdirektor hat gegen mich kleines Licht kandidiert – aber ich habe gewonnen. Ich war dann 28 Jahre im Bundestag. Theo Waigel hat mir da sehr geholfen, hat mich zu Strauß und Kohl mitgenommen. Ja, und dann kam dieses Debakel in Bayern 2007...

Krinner: Mit der Pauli!

...als die CSU übermütig geworden ist und Edmund Stoiber gestürzt hat. 2008 haben wir die Wahl verloren. Es glaubt mir niemand, aber ich habe dann der Landtagsfraktion vorgeschlagen: Wenn ihr euch auf einen Ministerpräsidenten verständigt, bleibe ich Minister in Berlin und mache Parteichef. Das hätte mir gefallen – als Landwirtschaftsminister war ich am Vormittag um elf mit der Arbeit fertig (lacht). Aber die konnten sich nicht einigen. Und ich wurde Ministerpräsident. Obwohl ich nicht der Wunschkandidat der Fraktion war – bin ich vielleicht heute noch nicht.

Maria Grenzebach: Haben Sie sich überfordert gefühlt?

Ein Stück weit schon am Anfang. Ich dachte an die großen Namen vor mir: Mensch, das waren Goppel, Strauß, Stoiber. Und es begann ja 2008 grauenvoll mit den Problemen der Landesbank, der Wirtschaftskrise, BMW zum Beispiel hat in Amerika so gut wie keine Autos mehr verkauft. Da müssen Sie sich durchbeißen.

Krinner: Empfehlen Sie Ihren Kindern die Laufbahn?

Nein! Die könnte ich auch nicht überreden. Meine Kinder stehen auf eigenen Füßen und erleben ja Politik mit – sie sind nicht übermäßig begeistert.

Grenzebach:  Können Sie denn spontan sagen: Heute fahr ich nach Andechs und trinke eine Mass Bier?

Wenn ich freihabe, dann gehe ich raus in die Natur, lange Spaziergänge, oft mit dem Labrador: In die Donauauen oder in den Wald, Kappe auf, Kragen hoch. Meistens erkennen die Leute eher meine Frau als mich. Manchmal höre ich: Sie sehen ja aus wie der Seehofer! Ich sage dann: Mit dem habe ich nichts zu tun (lacht). Aber die Menschen sind rücksichtsvoll. Die halten mich nicht an und beschweren sich, dass die Müllabfuhr nicht gekommen ist.

Die Fragen stellen die Leser. Horst Seehofers Sprecher, Carolin Kerschbaumer (Staatskanzlei) und Jürgen Fischer (CSU) am Tischende, hörten nur zu, wie auch Carina Zimniok und Christian Deutschländer vom Münchner Merkur.

Krinner: Machen Sie dann auch mal Ihr Handy aus?

Ich habe es dabei, aber nicht, um Nachrichten zu checken, sondern für den Notfall.

Grenzebach: Ich besitze keins, und als ich mal eine Autopanne hatte, musste ich drei Leute aufhalten, bis mir einer geholfen hat. Aber das war dann ein schönes Gefühl, wenn einem ein Wildfremder einen Gefallen tut.

Oh ja. Ich kenne das Gefühl, auf Hilfe angewiesen zu sein. Vor 14 Jahren bin ich schwer krank geworden. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich, ich hebe die Welt aus den Angeln. Und dann griff ein Virus meinen Herzmuskel an. Ich musste ins Krankenhaus, wochenlang. Plötzlich bist du so ein kleiner Wurm! Das Schwierigste war, dort meine Intimität, mein eigenes Ich aufzugeben. Ich konnte nicht mal mehr alleine auf die Toilette gehen. Man ist dem Arzt, der Krankenschwester ausgeliefert. Am Ende hatten wir fast ein familiäres Verhältnis, so sind die mir ans Herz gewachsen. In der Früh um 3 hatten die noch Zeit zu sagen: Das wird schon wieder! Sie glauben gar nicht, was solche Worte bei einem auslösen.

Grenzebach: Meine Schwägerin arbeitet im Krankenhaus. Die meiste Arbeit macht inzwischen die Dokumentation. Wird unser Land der Dichter und Denker zu einem Land der Dokumentierer?

Da kann ich nicht mal widersprechen. Und ich kann auch die eigene Regierung nicht ganz freisprechen. Du schaffst zwei Paragrafen ab und sofort sind zehn neue da. Und jeder ist berechtigt. Wenn ich mal eine Bilanz ziehen muss, was nicht gelungen ist, steht womöglich an erster Stelle das vergebliche Bemühen, Bürokratie abzuschaffen. Aber wir geben da nicht auf. Gerade haben wir einen Beauftragten für Bürokratieabbau bestellt, der unsere Anstrengungen unterstützt.

Krinner: Das macht doch der Stoiber!

(lacht) Ja gut, bei der EU merk ich jetzt auch nicht so viel.

Grenzebach: Warum gibt es in Bayern eigentlich keine Schulmilch mehr?

Wir können für gesunde Ernährung werben, aber keine Zwangsernährung vorschreiben. Trotzdem haben Sie Recht: Ich werde mit den Ministern noch mal reden. Vor mir steht jetzt Kaffee, aber privat trinke ich fast nur Milch.

Grenzebach: Das glaube ich sofort. Ich sehe das!

Es ist wirklich so! An manchen Tagen ein bis zwei Liter. Auf meinem Schreibtisch in der Staatskanzlei steht stets eine Kanne Milch.

Krinner: Sie waren erst bei Putin. Ich habe meinen Vater im Krieg verloren durch die Russen. Daher war in unserer Familie die Abneigung gegen alles Russische groß. Ich finde heute, so ein riesiges Land muss man erst mal regieren. Was ist das für ein Gefühl, Putin gegenüberzustehen?

Sie haben Recht, man muss die Geschichte des Landes ansehen, auch, was einem Land angetan wurde. Das Gespräch mit Präsident Putin hat fast zwei Stunden gedauert, als es um die Krim ging, habe ich gesagt: „Ich will festhalten, dass wir übereinstimmen, dass wir nicht übereinstimmen.“ Man darf nicht auf dem Bauch zu jemand wie Putin rutschen, aber man muss sich um ein vernünftiges Verhältnis bemühen. Deshalb fand ich es auch gut, dass Bundeskanzlerin Merkel zu US-Präsident Trump gefahren ist.

Krinner: In einem persönlichen Gespräch legt man sich Zurückhaltung auf – anders, als wenn man seine Wut in ein Smartphone tippt...

Stimmt. Das ist eh so eine Sache: Wir haben oft Sitzungen, da hacken Minister nebenbei auf ihrem Handy rum. Das finde ich unanständig.

Krinner: Trump schimpft heftig auf Journalisten. Was halten Sie von der Presse?

Sie brauchen eine freie Presse, Macht muss kontrolliert werden. Kein vernünftiger Mensch ist da per se dagegen. Und: Die Presse ist ein Ausdruck einer Haltung. Gerade Regionalzeitungen stehen für Werte: Heimatliebe, Rechtsstaat und gesunden Patriotismus. Wer Zeitung liest, Leserbriefe schreibt, zeigt, dass er dabei ist – ein gutes Land braucht solche Menschen.

Krinner: Ärgern Sie sich nie über Berichte?

Freilich ärgere ich mich manchmal. Vor allem, wenn sich Medien auf Quellen ohne Namen stützen. „Jemand“ aus dem Vorstand, der Fraktion, der Partei: Wer sich nur anonym nennen lässt, ist ein Feigling. Und Feiglinge sind schwach. Wer eine Meinung hat, soll sie sagen – mit vollem Namen.

Grenzebach: Mein Leserbrief wird auch nicht veröffentlicht ohne Namen. Aber es ist schon so: Wenn man im Dorf seine Meinung sagt, ist man die Besserwisserin.

Aber als Berufspolitiker muss man das aushalten können. Ich hab’ dann ja auch meinen Ärger mit der Kanzlerin.

Krinner: Ich habe gehört, Sie lesen morgens die Regionalzeitung, mittags den Bayernkurier und abends die überregionale Presse. Lesen Sie auch Leserbriefe?

Meine Familie startet jeden Tag am Frühstückstisch mit der Zeitung. Aber mir fehlt die Zeit, jedes Blatt zu lesen. Deshalb bekomme ich eine Presseschau von meinen Mitarbeitern.

Grenzebach: Sie lassen also lesen! Mein Mann fragt mich auch immer, ob was Wichtiges in der Zeitung steht...

(lacht). Es ist wichtig, sich eine Meinung zu bilden. Mit 67 Jahren Lebenserfahrung sage ich Ihnen aber auch: Manchmal kann die Zeitung auch schreiben, was sie will – die Leute haben ihre eigene Überzeugung. So einen Instinkt: Läuft was richtig oder falsch? Kann ich dem vertrauen oder nicht?

Krinner: Meine Frau schimpft, wenn ich sage: Was schreiben’s denn da für einen Schmarrn!

Den Alltag kann man auch sehr unterschiedlich sehen: Ob ich eine Ortsumfahrung im Süden oder Norden baue – das kommt auf die Perspektive an. Da zu entscheiden, ist für die Politik oft schwierig.

Krinner: Oder ob man den Erdinger Ringschluss baut oder nicht...

Den bauen wir auf jeden Fall!

Krinner: Und die dritte Startbahn brauchen wir auch.

So?

Krinner: Mein Sohn ist bei der Lufthansa... (lacht)

Lassen wir die Bürger entscheiden, wenn sich die Flugbewegungen weiter erhöhen. Die Landeshauptstadt München ist Gesellschafter des Flughafens. Wenn die Münchner Ja sagen, bauen wir die dritte Bahn. Und den Menschen vor Ort müssen wir helfen, zum Beispiel mit Lärmschutz, Umsiedlung, Geld.

Grenzebach: Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit – wird gebaut?

Halb-halb.

Grenzebach: Ich sehe das kritisch, wenn ich mir die Fläche anschaue, die da zubetoniert wird...

Man darf nicht willkürlich Flächen verbrauchen. Aber Bayern wächst wie kein anderes Bundesland. Das ist nicht nur schlecht, schauen Sie mal den guten Arbeitsmarkt an. Mein Vater war Bauarbeiter, wir haben regelmäßig Arbeitslosigkeit erlebt, vor allem im Winter. Ich weiß heute noch, wie schlecht es uns da ging. Wenn am Freitag unbedingt die Lohntüte kommen muss, damit man am Samstag Essen kaufen kann – das vergisst man nicht. Deshalb ist es mir so wichtig, dass die Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen können. Das geht nicht ohne gute Infrastruktur.

Grenzebach: Haben Sie eigentlich Bauern im Freundeskreis?

Ja. Ich habe in den 80ern in Gerolfing ein Haus gebaut, das liegt in Geruch- und Sichtweite zu einem Hof. Wenn der Bauer seine Stalltüren aufmacht, ist das immer angenehm für uns (lacht). Aber das wusste ich! Für unsere Kinder war es herrlich, mit Tieren aufzuwachsen. Das Schlimmste ist, wenn Leute irgendwo hinziehen und sich dann beschweren. Wir sollten schon bedenken: Unsere Landschaft wird von den Landwirten gepflegt und nicht von irgendwelchen Paragrafenfuchsern.

Nach eineinhalb Stunden stellt Maria Grenzebach die letzte Frage. Sie will wissen, was der Ministerpräsident von ihr und Roman Krinner wissen will.

Seehofer überlegt nicht lange, er fragt: „Was würden Sie sofort ändern, wenn Sie ab Montag Ministerpräsident wären?“ Die Bäuerin will den Bürokratie-Dschungel lichten. Und Roman Krinner bei der Zuwanderung genauer hinsehen. Der echte Ministerpräsident nickt ein paar Mal – und die Landwirtin drückt ihm noch was in die Hand. Sie hat ihren letzten Leserbrief dabei. Und: „Eier von meinen glücklichen Hühnern.“ Sie schenkt ihm beides.

Zusammengefasst von Carina Zimniok und Christian Deutschländer

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