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Sollen Leo (3.v.r.) und seine Kollegen aus dem Wohnheim geekelt werden?

Bewohner sind verzweifelt

Kostenhammer im Arbeiter-Wohnheim: Vermieter fordert irre Nachzahlung

Wer soll das bezahlen? Die Bewohner des Arbeiterwohnheims an der Tubeufstraße 17 in Allach sollen nachträglich Tausende Euro an angeblich angefallenen Betriebskosten entrichten!

Allach/Untermenzing - Leo (59) zeigt Briefe der Hausverwaltung. 3946,12 Euro soll er nachzahlen für die Jahre 2015 und 2016 – und künftig jeden Monat 425,25 Euro pro Monat an Betriebskosten vorauszahlen. Für ein Zweizimmerappartement mit 27,42 Quadratmetern Wohnfläche! Das sind fast 16 Euro Nebenkosten pro Quadratmeter! Dabei ist Leo Wochenendheimfahrer und seine Bleibe alles andere als luxuriös: Die Toilette ist auf dem Gang, die Gemeinschaftsdusche im Keller, Warmwasser gibt es nicht in der Wohnung.

An den Türen der Duschkabinen hängt ein Zettel: Wer nach dem Duschen nicht das Fenster zum Lüften öffnet, muss 100 Euro Strafe zahlen. Das wird nach Angaben der Bewohner auch kontrolliert: Der Hausmeister warte vor der Dusche, flitze rein und kassiere, wenn das Fenster geschlossen ist oder der Boden nicht trockengewischt, berichtet Leo.

Die Einhaltung der Duschvorschriften wird vom Hausmeister überwacht.

Man versuche, die Bewohner einzuschüchtern, vermutet der ehemalige Krauss-Maffei-Betriebsratsvorsitzende Hans Höcherl. Der Rentner pflegt noch Kontakt zu seinen ehemaligen Kollegen. Bis vor drei Jahren gehörte das Arbeiterwohnheim der Firma Krauss Maffei. In den 122 kleinen Wohneinheiten lebten viele Angestellte. Dann wurde die Anlage verkauft, die Mietverhältnisse gingen an die 2-Rent Group GmbH über. Die wolle Bewohner mit alten Verträgen rausekeln, vermutet Höcherl.

Unternehmen mit zweifelhaftem Leumund

Es wäre nicht der erste Skandal rund um die 2-Rent Group. Das Münchner Unternehmen bietet in der Stadt laut Website Unterkünfte an elf Standorten an zum „Wohnen auf Zeit“ – Preise nennt die Website vorsorglich nicht… Erst im vergangenen April evakuierte die Stadt ein von der 2-Rent Group betriebenes Boardinghaus in Moosach. Das Sozialreferat siedelte die 180 Bewohner, die großteils sozial betreut werden, in die Bayern-Kaserne um. Hintergrund: Die Stadt befürchtete, dass die 2-Rent Group die Bewohner auf die Straße setzen wolle, und kam dem durch die Evakuierung zuvor.

268 Euro an Betriebskosten soll Lajos künftig vorauszahlen - bei 400 Euro Miete.

Wie aber kommen nun im Wohnheim in Allach die unfassbar hohen Nebenkosten zustande? In dem Schreiben der 2-Rent Group sollen unter dem Posten „Sonstige Betriebskosten“ stolze 228.000 Euro auf die Bewohner umgelegt werden. „Das geht so natürlich nicht“, sagt Anja Franz vom Mieterverein. „Der Mieter muss nachvollziehen können, für was er zahlt. Ich rate den Betroffenen in diesem Fall, sich einen Rechtsbeistand zu suchen und Einsicht in die Unterlagen zu nehmen“, sagt die Mieterschützerin. Generell könne ein Vermieter nur die Betriebskosten umlegen, für die das zuvor im Mietvertrag vereinbart wurde.

Zahlen, die den Wahnsinn erklären: Der neue Wohnatlas für München zeigt, wie gravierend die Unterschiede zwischen den Stadtvierteln sind. 

Expertin kritisiert „schwammige Erklärung“

Die 2-Rent Group erklärte in ihrer Stellung­nahme, die Mieten der Altmieter in der Tubeufstraße seien „geradezu traumhaft“ niedrig gewesen. Nun aber sei man als Betreiber der Anlage „verpflichtet“, die „tatsächlich entstehenden Kosten weiter zu berechnen“. Man habe nach Beschwerden über Straf­taten „im Sinne der Bewohner reagiert und eine kostenintensive Objekt­betreuung installiert“.

Diese Begründung ist laut Anja Franz nicht nachvollziehbar: „Mit so einer schwammigen Erklärung können sonstige Betriebskosten nicht aufgeschlüsselt werden.“

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook-Seite „Mein Allach/Untermenzing“.

svs

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