Stornos und zerstörte Urlaubsträume

Zwei Buchungen in zwei Wochen: So hart trifft die Corona-Krise Reisebüros in München

  • vonNina Bautz
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Die Reisebranche wird von Folgen der Corona-Krise besonders hart getroffen. Mitarbeiter eines Reisebüros in München berichten von ihrem Arbeitsalltag in der Krise.

  • Die Corona-Krise hat für die Reisebranche besonders drastische Auswirkungen.
  • Im ADAC-Reisebüro in München* am Sendlinger Tor geht es seit Ausbruch der Krise fast nur noch um Stornos und um zerstörte Urlaubsträume.
  • Mitarbeiter berichten von ihrem Arbeitsalltag.
  • Viele weitere spannende Geschichten aus München gibt es in unserer App.

München - „Wie wäre es denn mit dem Allgäu?“ – „Ach, ich vertraue Ihnen da. Ich brauch einfach mal einen Tapetenwechsel.“ Stammkundin Sofia Pournara (75) ist für Tourismuskauffrau Patricia Slutschak (24) eine willkommene Abwechslung. Für gewöhnlich sind ihre Kunden im ADAC-Reisebüro am Sendlinger Tor derzeit nicht so fröhlich. Wo sie sonst die schönste Zeit des Jahres planen, geht es in der Corona-Krise fast ausschließlich um zerstörte Urlaubsträume. Am Nachbartisch führt Slutschaks Kollegin Katja Maier ein Telefonat nach dem anderen. Immer wieder fallen die gleichen Begriffe und Sätze: „Rückerstattung“, „Storno“, „Das kann ich Ihnen leider noch nicht sagen“, „Ich bitte Sie weiter um Geduld“.

Coronavirus in München: Ungeduld der Kunden erschwert den Arbeitsalltag

In den meisten Fällen haben die Kunden für ihre stornierten Buchungen noch kein Geld erhalten. „Die Ungeduld erschwert unseren Arbeitsalltag schon sehr. Aber wir sind nur Vermittler und können die Vorgänge nicht beschleunigen. Wir werden leider auch mal angeschrien oder bekommen Vorwürfe zu hören“, sagt Katja Maier. Dabei leiden sie und ihre Kollegin oft mit, berichtet Patricia Slutschak. „Kürzlich mussten wir eine Hochzeitsreise nach Südafrika stornieren. Die hatten wir bis ins kleinste Detail mit sehr viel Herzblut geplant. Das tat mir schon sehr leid.“

Kundin Sofia Pournara (li.) mit Beraterin Patricia Slutschak im ADAC-Reisebüro am Sendlinger Tor. 

Der Tourismus gehört mit dem Luftverkehr und dem Gastgewerbe zu den Branchen, die die Pandemie am schwersten trifft. Der Präsident des Branchenverbandes BTW, Michael Frenzel, sagte, die Branche verliere fast elf Milliarden Euro Umsatz bis Mitte Juni. Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts haben im April 43 Prozent der Reisebüros beschlossen, Beschäftigte zu entlassen oder befristete Verträge nicht zu verlängern. Ende April gingen Reisebüro-Vertreter am Odeonsplatz auf die Straße. „Wir haben keine Einnahmen, und wir müssen sogar Einnahmen von 2019 zurückzahlen für gebuchte Reisen, die jetzt nicht stattfinden können“, berichtete dort Reiseveranstalterin Claudia Mades. „Kleine Reisebüros haften mit Haus und Hof.“

Corona in München: Reisebüros von Existenz bedroht - Not macht erfinderisch 

Das ADAC-Reisebüro am Sendlinger Tor ist mit dem großen Club und 21,5 Millionen Mitgliedern im Rücken nicht in seiner Existenz bedroht. Dennoch habe man „massive Einbrüche“ zu verzeichnen, heißt es vom ADAC Südbayern. Doch Not macht erfinderisch: Zusätzlich zu den Österreich-Vignetten verkaufen die Mitarbeiter nun auch Mund-Nasen-Masken und Handhygiene-Sets. Zudem können Kunden Gutscheine für bis zu 70 Prozent günstigere Hotel-Angebote im kompletten deutschsprachigen Raum auf einer neu entwickelten Internetseite erwerben.

Coronavirus in München: Viele Reisebüro-Angestellte sind in Kurzarbeit 

Die Angestellten Patricia Slutschak, Katja Maier und viele ihrer Kollegen sind derzeit in Kurzarbeit tätig. Normalerweise sitzen hier fünf Angestellte, heute sind es zwei. Seit 27. April hat ihr Reisebüro überhaupt erst wieder geöffnet. Neue Kunden bleiben aus. Am Vortag sei ein einziger hierhergekommen, zur Beratung. Zwei Buchungen verzeichneten sie in den vergangenen zwei Wochen: eine nach Österreich, eine für einen deutschen Center Park. „Gerade Senioren bleiben trotz der gerade verkündeten Grenzöffnungen zum Beispiel nach Österreich weiter vorsichtig“, so Patricia Slutschak.

Die 75-jährige Stammkundin Sofia Pournara ist eine Ausnahme. Die gebürtige Griechin ist leidenschaftliche Weltreisende und musste bereits Reisen nach Griechenland und Mauritius stornieren. „Ich warte nur darauf, dass ich wieder reisen darf.“ Vorerst will sie sich mit einer Fahrt ins Allgäu begnügen. Patricia Slutschak schlägt ihr ein bestimmtes Hotel in Hopfen am See vor. Fast alle Um- oder Neubuchungen gehen in deutsche oder österreichische Ziele, und das wird wohl auch die ganze Saison so bleiben. „Normalerweise macht das den geringsten Teil aus“, sagt die Tourismuskauffrau. „Immerhin: So werde ich noch zur echten Deutschlandexpertin.“

Dennoch gibt es in München auch Grund zum Aufatmen: Nach dem Corona-Lockdown gelten ab Montag (25. Mai) neue Regeln - nicht nur für Eltern und Gastronomen.

Am Wochenende spielten sich in München teilweise chaotische Szenen im Englischen Garten ab. Die Polizei räumte eine komplette Wiese.

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Rubriklistenbild: © MARCUS SCHLAF

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