+
„Das letzte Vierteljahr war exzessivst“: Roland Schunk (li.) und Christian Heine, hier auf der „Atomic Cafe“-Bühne, feiern seit geraumer Zeit Abschied.

Interview mit Roland Schunk und Christian Heine

Atomic Café: Die Chefs nehmen Abschied - endgültig

  • schließen

München - An Neujahr muss Münchens legendärer Club „Atomic Café“ schließen. Die Chefs Roland Schunk und Christian Heine nehmen wehmütig Abschied – sie erinnern sich an Abende mit Mehmet Scholl und erklären, wie Münchens Nachtleben sich verändert hat.

Silvester, dann ist Schluss. Nach 18 Jahren muss Münchens neben dem „P1“ bekanntester Club, das Atomic Café, schließen. Die Unternehmerinnen Flick haben das Haus an der Neuturmstraße gekauft und wollen hier hochpreisigen Handel ansiedeln – passend zur nahen Maximilianstraße. Roland Schunk (45) und Christian Heine (48) nehmen wehmütig Abschied – sie erinnern sich an Abende mit Mehmet Scholl, erklären, wie Münchens Nachtleben sich verändert hat – und diskutieren gesundheitliche Probleme.

Herr Schunk, Herr Heine, wie groß ist die Gefahr, in Ihrem Beruf zum Alkoholiker zu werden?

Christian Heine: Sehr groß.

Roland Schunk: Im Moment sind wir definitiv Party-Alkoholiker. Im letzten Vierteljahr war’s hier exzessivst. Ich habe schon einen Plan für die Zeit nach dem Atomic: Zwei Wochen Betty-Ford-Klinik, vier Wochen Kur, sechs Wochen Urlaub – dann bin ich glaube ich wieder so gesund, wie ich sein sollte.

Heine: Das mit den Leberwerten dauert aber länger, bis das wieder passt.

Schunk: Die sind erstaunlicherweise ganz okay bei mir. Ich trinke ja immer dieselbe Sorte Wodka. Das ergibt dann so einen Leberstein, und den kann man irgendwann rauslasern. Der Rest bleibt unbeschadet.

Heine: Des glaubst auch bloß du.

Der Tod des Atomic Cafés war kein abrupter. Haben Sie Zeit gehabt, Abschied zu nehmen?

Heine: Wir wissen seit geraumer Zeit, dass wir schließen müssen. Aber „langsamer Tod“ klingt, als wären wir erkrankt und hätten keinen Spaß mehr gehabt – ganz im Gegenteil!

Schunk: Die letzte Saison war eine der allerbesten. Weil ganz viele Leute von früher da waren, die nicht traurig sein, sondern Party machen wollten.

Manche Clubs sind mit der Zeit nicht mehr angesagt. Das Atomic Café ist nicht schlechter gelaufen als früher?

Schunk: Der Laden läuft super. Und das vor dem Hintergrund, dass es immer mehr Diskos in der Innenstadt gibt. Wir haben denselben oder mehr Umsatz wie die. Eine Riesen-Erfolgsgeschichte. Man zieht uns halt den Stecker.

Heine: Gerade die klassische Beat-, Pop- und Soul-Musik, die bei uns eine feste Heimat hatte, funktioniert generationsübergreifend. Unser Programm war keines, das auf schnelllebige Trends setzt – das hätte man noch über Jahrzehnte so betreiben können.

Schunk: Wobei: Jetzt sind wir in einem Alter, in dem wir die Kurve kriegen und uns beruflich neu erfinden können – in zehn Jahren ist das schwierig.

Heine: Aber wir sind ja jetzt schon schwer vermittelbar.

Schunk: Weil wir immer Chefs waren. Wer will uns zwei Besserwisser denn anstellen?

Verlieren Sie zwei den schönsten Job der Welt?

Heine: Würde ich nicht sagen. Bademeister im Maria Einsiedel ist sicher auch ein schöner Job. Wir haben ein Nachtlokal, das häufig bis 6 Uhr Früh geöffnet hat. Einerseits erlebt man ganz tolle Glücksgefühle, andererseits macht es einen völlig fertig.

Schunk: Wir haben den Laden so organisiert, dass wir abends quasi Gäste sind – Supergäste mit Schlüsselgewalt. Das ist aber nur die eine Hälfte. Der Tagesjob ist genauso trocken wie jeder andere auch: telefonieren, E-Mails beantworten. Man steht ständig bei hunderten Leuten im Wort.

Heine: Du musst die ganze Chose am Laufen halten, musst Programm machen, hast einen enormen Kostendruck. Wir zahlen hier eine mehr als stattliche Miete.

Schunk: Knapp 15 000 Euro.

Heine: Das muss man erst mal erwirtschaften. Diesen Raum gibt’s ja nicht erst seit 1997, sondern seit 1968. Das war eine verrufene Adresse, jedes Jahr ein neuer Pächter. Dass ausgerechnet wir mit unserem relativ alternativen Programm uns so lange haben halten können – da steckt auch harte Arbeit dahinter.

Einer Ihrer bekanntesten Gäste war Bayern-Profi Mehmet Scholl. Eine Werbung für Sie?

Heine: Eher waren wir für ihn ein Zufluchtsort. Er tauchte als Gast auf und war etwas verwundert, dass ihm zwar der eine oder andere zugezwinkert, ihn aber keiner belästigt hat. Es war ungezwungen, deswegen wurde er Stammgast. Wir haben eben nicht gleich die Bild-Zeitung angerufen, wenn er sich hat blicken lassen.

Schunk: Wir dachten auch nicht: Ui, schau mal, Mehmet Scholl. Sondern: Cool, der hört denselben Sound wie wir.

Sind Sie Freunde geworden?

Heine: Ja. Wir haben uns relativ schnell näher kennen gelernt. Da gibt es lustige Anekdoten: Zum Beispiel hat er einem Freund von mir zu dessen Ehefrau verholfen.

Wie kam’s?

Heine: Ich stand mit Christopher an der Bar – er war gerade Single, und das tat ihm gar nicht gut. Auf einmal kommt Mehmet daher. Er tätschelte Christophers Glatze und sagte: „Zeig’ mir hier doch mal eine, die dir gefällt.“ Christopher sagte: „Die Brünette da drüben?“ Und Mehmet machte sich auf mit den Worten: „Der laber’ ich jetzt ne Wendeltreppe ans Knie.“ Er quatschte sie an, holte sie her, sie und Christopher lernten sich kennen und heirateten ein Jahr später.

Schunk: Wie im Märchen.

Gibt es noch mehr Atomic-Café-Ehen?

Schunk: Viele, und auch Atomic-Café-Kinder. Allein unter den Leuten, die wir kennen, haben locker 100 dauerhafte Beziehungen hier ihren Anfang genommen.

Heine: Das liegt natürlich daran, dass wir hauptsächlich hier abhängen. Es ist für uns und unsere Freunde der Mittelpunkt der Welt.

Münchens Clubkultur hat sich in den vergangenen 18 Jahren sehr verändert. Was ist der Unterschied zwischen damals und heute?

Heine: Etwa zur gleichen Zeit als wir aufgemacht haben, eröffnete auch der Kunstpark Ost. Über den hieß es in einem Zeitungsartikel, das sei „der Fluss, der die Stadt austrocknet“. Und wir wurden als die zwei bezeichnet, die’s trotzdem in der Innenstadt probieren, auch wenn das gerade keinen interessiert.

Schunk: Es hat uns aber auch geholfen, glaube ich. Wenn alle in den Kunstpark gehen, wird es immer einen Teil von Leuten geben, die’s dort blöd finden.

Heute ist die Lage anders. Alle zieht es an die Sonnen- und die Müllerstraße.

Heine: Dort und am Maximiliansplatz gibt es aber seit 40 Jahren Clubs. Die haben halt den Vorteil, dass sie kaum Anwohner haben. Es ist eine natürliche Entwicklung, dass das zur Partymeile geworden ist.

Schunk: Ich glaube aber auch, dass die Stadt irgendwann in der mittleren Ude-Zeit umgedacht und gesagt hat, wir wollen nicht mehr alles an den Stadtrand drängen.

Die Anwohner-Beschwerden werden aber nicht weniger.

Heine: Man liest in der Zeitung, die Müllerstraße werde der neue Ballermann. Ich glaube tatsächlich, dass es dort mittlerweile anstrengend ist. Früher gab’s da zwei schwule Clubs, und das war’s. Aber der Hauptgrund, warum man den Eindruck gewinnen kann, da wäre mehr Amüsierbetrieb, ist das Nichtraucherschutzgesetz. Du kannst als Betreiber Schallschutz einbauen bis zum jüngsten Tag. Es wird nichts nützen, weil sich einfach ein Drittel der Leute auf der Straße aufhält.

Könnte man heute so ein Projekt wie das Ihre noch anfangen?

Heine: Damals sind ein paar glückliche Zufälle zusammengekommen. Wir hatten schon eine gut laufende Party in der „Wunderbar“. Dann verkaufte ein Geschäftspartner von uns zufällig eine Disko. Der größte Glücksfall war aber, dass wir jemanden hatten, der uns Geld gibt. Der gesagt hat: „Ihr braucht’s a Geld? I hab a Geld. Des passt scho, was Ihr da machts.“

Schunk: Wir haben anfangs auch nicht begriffen, was für ein gut geschnittener Raum das ist. Wir sind da wie Gäste rangegangen: Was würde uns hier gefallen? Schöne warme Farben. Und runde Ecken – da haut man sich nicht so an, wenn man besoffen ist. Und ein bisschen Retrofuturismus.

Heine: Da hatten wir dieselbe Vorliebe: Es war klar, dass wir auf Sixties-Design stehen. Es hat auch nicht viel gekostet, den Laden einzurichten.

Die Stadt verliert mit dem Atomic Café auch eine legendenumrankte Bühne für Popmusik.

Heine: Auf jeden Fall. So eine intime Konzertbühne wird es so schnell nicht mehr geben.

Schunk: Viele Bands aus England, die vier Tour-Termine in Deutschland haben, suchen sich nicht unbedingt einen andern Club in München, die spielen halt dann in Frankfurt.

Heine: Es kann schon sein, dass München auch dadurch, dass dieser Club schließt, als Pop-Stadt ein bisschen an Bedeutung verliert. Es ist einfach schade, dass es diesen Ort nicht mehr geben wird. Eigentlich ist das hier ein Fall für die Unesco. Im Ernst: Das ist Kulturerbe.

Was passiert mit der Einrichtung?

Schunk: Vieles ist schon vergeben – an Christian, mich, Mitarbeiter, Stammgäste. Wir werden auch Tanzbodenschindeln einzeln an Gäste verschenken.

Man hört, das Stadtmuseum interessiere sich für Stücke. Für welche?

Schunk: Das Astronauten-Bild neben der Tür, den Glitzervorhang, den spanischen Spiegel, das Tresenblatt der großen Bar. Den Schaukasten samt Inhalt. Den Backstage-Kühlschrank, wo 2000 Bands ihr Bier rausgeholt haben, den Backstage-Tisch, wo Gott weiß was drauf passiert ist. Sogar eine der mit Aufklebern und Gekritzel übersähten Klotüren hätten sie gerne.

Was wollen die damit?

Schunk: Die Sammlungsleiterin sagte, es solle womöglich eine Dauerausstellung zum Münchner Nachtleben geben, wenn das Stadtmuseum in den nächsten Jahren umgebaut worden ist. Sie findet, dass sich die Wünsche und Träume der Menschen eher nachts verwirklichen – denn tagsüber ist eine Stadt wie München ja doch eher merkantil geprägt. Das ist ja auch so.

Sind Sie böse auf die Unternehmer-Schwestern Flick, die Sie nicht einmal gefragt haben, ob Sie weitermachen wollen, als sie das Haus gekauft hatten?

Heine: Die tun, was sie tun müssen. Nämlich ihr Geld vermehren. Das ist kein personenbezogenes Problem, sondern ein Problem von Kapitalismus und Gentrifizierung.

Schunk: Aus meiner Sicht haben wir ein bisschen Pech gehabt. Denn wie ich aus der Gala weiß, hat die Alexandra Flick ihre Kinder in den späten 90ern bekommen und war darum wohl nie hier feiern. Ihre Kinder waren wahrscheinlich zu jung dafür. Hätten sie oder ihre Kids hier Party gemacht, ich bin mir sicher, dann hätte sie ihre Hand über uns gehalten. Man kann ja auch Mäzen sein, wenn man will.

Und ab Neujahr? Gastronomie adé?

Schunk: Kann passieren. Ich habe ein kleines Kind, und ein Club ist nicht besonders familienfreundlich. Wenn ich morgens betrunken nachhause komme, findet das der Kleine zwar toll, weil ich lustig bin, aber den Moment möchte ich nicht erleben, wenn er sagt: Papa, warum stinkst du denn so aus dem Mund?

Heine: Ihr sprecht dann zumindest die gleiche Sprache.

Schunk: Noch, aber in zwei Jahren nicht mehr. Ich möchte einen selbstständigen Job, der sich im weitesten Sinne im Bereich meiner Interessen abspielt. Selbstverwirklichung habe ich hinter mir. Ich habe meinen Traum gelebt.

Heine: Ich bin ungebunden und könnte auch die Stadt wechseln. In München stößt man doch schnell an Grenzen.

Schunk: Wir sind beide Stehaufmännchen. Jeder wird schon wieder was machen, was ihn befriedigt.

Für Sie scheint die Sache klar – aber für viele Gäste war das Atomic Café wie ein zweites Wohnzimmer. Was sagen die?

Heine: Es gibt schon Abschiedstränen. Das ist für viele der Verlust von Heimat und Familie. Wir haben eine tolle, gewachsene freundschaftliche Struktur. Manche Leute waren täglich hier. Da wird es eine große Leere geben.

Schunk: Immerhin veranstalten wir noch einmal einen Kehraus. Am 1. Januar bitten wir, wenn das Licht angegangen ist, noch zu einem funky Trauermarsch durchs Bonzenviertel.

Das Interview führte Johannes Löhr.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

One-Night-Stand landet in München vor Gericht
Halle/München - Das Sex-Rätsel, das in München vor Gericht kam, klingt im ersten Moment lustig. Doch die Betroffene kann vermutlich so gar nicht darüber lachen.
One-Night-Stand landet in München vor Gericht
Neue Wirtschaft im Glockenbach: „Jessas, Maria + Josef“
Stephan Alof hat ohne großes Aufsehen das Café „Jessas, Maria + Josef“ in bester Lage am Viktualienmarkt eröffnet – vorerst für ein Jahr.
Neue Wirtschaft im Glockenbach: „Jessas, Maria + Josef“
München, das gelobte Land - ist es wirklich so toll?
München und sein Umland werden in den bundesweiten Medien mehr denn je als Vorzeigeregion gefeiert. Doch nicht jeder will in die Lobeshymnen einstimmen.
München, das gelobte Land - ist es wirklich so toll?
München stockt auf: Das plant die Stadt im Norden und in Giesing
Die Wohnungsnot in München ist bekannt. Zwei Bauprojekte - eines im Münchner Norden und eines in Giesing - könnten nach ihrer Fertigstellung für etwas Entlastung sorgen.
München stockt auf: Das plant die Stadt im Norden und in Giesing

Kommentare