Adolf Hitler lebte zeitweise in der Münchner Thierschstraße 41.

Frühzeit des Diktators

Hitlers Leben in München: Spannende neue Erkenntnisse

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Dass Hitler in seiner Anfangszeit in der Münchner Thierschstraße 41 wohnte, war bekannt. Nicht bekannt war, dass das Haus einem Juden gehörte: dem Kaufmann Hugo Erlanger. Der hatte vom späteren Diktator gar keine so schlechte Meinung.

München – Anfang 1920 stand Hitler, wieder einmal, nahe am Abgrund: Der Weltkriegssoldat ohne Beruf war am 31. März 1920 aus der Reichswehr entlassen worden – was bedeutete, dass er künftig nicht nur ohne Verdienst, sondern auch ohne Unterkunft dastehen würde. In der Kaserne in der Münchner Lothstraße konnte der 30-Jährige, der gerade als NSDAP-Redner angefangen hatte, jedenfalls nicht länger bleiben. Da traf es sich gut, dass ihn ein Bekannter auf ein leer stehendes Zimmer zur Untermiete hinwies: in der Thierschstraße 41 im Münchner Lehel bei der Familie Reichert. Dort zog Hitler, nachdem er vom Wohnungsamt offiziell eingewiesen worden war, am 1. Mai 1920 ein.

Neun Jahre sollte er dort in der bescheidenden Unterkunft bleiben. Das Zimmer, so berichtete später Hitlers zeitweiliger Vertrauter Ernst „Putzi“ Hanfstaengl, war „sauber und nett, wenn auch verhältnismäßig schmal und nicht gerade üppig möbliert. Auf dem Boden lag billiges, abgetretenes Linoleum sowie einige fadenscheinige kleine Teppiche. An der Wand gegenüber dem Bett, das mit seinen Pfosten teilweise noch in das Fenster hineinragte, standen ein Stuhl und ein Tisch sowie ein rohgezimmertes Regal mit Hitlers Bücherschätzen.“

Wer war der jüdische Kaufmann, der Hitler beherbergte?

Dass nur eine Etage unter ihm der Münchner Jude Hugo Erlanger einen Laden für Herrenbekleidung und Sportartikel unterhielt, scheint ihn nicht gestört zu haben. Ebensowenig, dass derselbe Herr das ganze Haus wenig später kaufte und eine Wohnung im zweiten Stock bezog.

Die Geschichte des Untermieters Hitler und seines jüdischen Hausbesitzers hat der Münchner Historiker Paul Hoser (70) recherchiert, sie erscheint demnächst in den „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte“ des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. Hoser hat sich die Mühe gemacht, anhand von Adressbüchern und Unterlagen aus dem Katasteramt die Geschichte umfassend zu beschreiben – inklusive biographischer Hinweise zum Hausbesitzer Erlanger.

Der gebürtige Augsburger war im Ersten Weltkrieg Kriegsfreiwilliger im 1. Schwere Reiter Regiment, er handelte mit Mode und Reiseartikeln und brachte es zu einigem Wohlstand, sodass er im Oktober 1921 das 1877/78 im Stil der Neurenaissance gebaute Haus von Anna Schweyer, Witwe eines Kupferschmieds, erwerben konnte.

Freundliche Wortwechsel im Hausflur

Hitler begegnete seinem jüdischen Hausbesitzer des Öfteren im Hausflur. „Ich hatte selbst nicht viel mit ihm zu tun, weil er nicht direkt mein Mieter war“, berichtete Erlanger 1934. Und dann kommen erstaunliche Sätze: „Ich muss zugeben“, so sagte Erlanger, „dass ich Hitler ganz sympathisch fand. Ich begegnete ihm oft auf der Treppe oder am Eingang ... und üblicherweise wechselte er mit mir recht freundlich einige unverbindliche Worte.“

Die Thierschstraße 41.

Hoser folgert aus diesem Verhalten, dass „die von ihm mit emotionaler Wucht angegriffenen Juden bloße Ausgeburten seiner Einbildung waren“ – sichtbare reale Einzelpersonen kümmerten ihn weniger. So gigantisch hassgetränkt war sein Feindbild, dass ein freundlicher einzelner Herr im Treppenflur da gar nicht reinpasste.

Zwetschgenkuchen und Schwimmbad - so lebte Hitler

Hosers Aufsatz fügt sich ein in neue Forschungen zur Frühzeit Hitlers, die zeigen, wie breit der nationalsozialistische Mikrokosmos in den ersten Jahren schon entwickelt war. Der Archivar Peter Fleischmann veröffentlichte vor knapp zwei Jahren Hitlers Gefangenenakte aus der Landsberger Festungshaft 1924, in der auch alle diejenigen aufgeführt sind, die Hitler besuchten: 330 Gäste, ein „Who is who“ des Rechtsextremismus in den 1920er-Jahren. Hosers Aufsatz bietet weitere Aufschlüsse. Offenbar zog der Parteiführer seine nähere Umgebung in seinen Bann. „Hitlers Vermieter Ernst Reichert war von ihm so beeindruckt, dass er schon 1920 der NSDAP beitrat“, schreibt Hoser. Dessen Frau Maria Reichert besuchte Hitler sogar drei Mal in der Landsberger Haft und umsorgte ihn mit Zwetschgenkuchen. Für die Gefängnisleitung war sie einfach die „Hausfrau Hitlers“. 

Kaum war Hitler Ende 1924 wieder frei, wurde sein Zimmer zu einem Tummelplatz von Sympathisanten. Zahlreiche aktive Nationalsozialisten suchten ihn dort auf, der frühe Gefolgsmann Rudolf Heß, der Fotograf Heinrich Hoffmann, der erste Parteigründer Anton Drexler – um nur einige zu nennen. Auch schwärmerische Verehrerinnen machten Hitler in der Thierschstraße ihre Aufwartung – Hoser berichtet über die Besuch dreier junger Mädchen, die Hitler am Vorabend seines Geburtstags 1925 einen Blumenkorb mitbrachten. Es ist wohl kein Wunder, dass er ab Februar 1925 noch ein zweites Zimmer in der Wohnung mietete – er brauchte mehr Platz. Dass es in der Wohnung kein Badezimmer gab, störte ihn weniger – er ging wohl ins Müller’sche Volksbad.

Der nationalsozialistische Untermieter zieht aus

1929 aber zog Hitler dann doch um – in eine herrschaftliche Wohnung mit neun Zimmern am Prinzregentenplatz 16. Das Ehepaar Reichert folgte dem NSDAP-Parteichef treu ergeben und zog in eine Nebenwohnung. Hugo Erlanger war seinen nationalsozialistischen Untermieter los. Dass er Hitler danach noch einmal getroffen hätte, ist nicht überliefert. An das Haus kam in der NS-Zeit eine Gedenkplakete – hier wohnte Hitler.

Der Kaufmann überlebte die Nazi-Zeit nur mit viel Glück in München: Er war nach dem Novemberpogrom einen Monat lang im KZ Dachau, kam aber als Weltkriegsteilnehmer wieder frei. Danach schützte ihn seine katholische Ehefrau. Sein Haus, das 1934 zwangsversteigert worden war, bekam er 1949 zurück, obwohl sich das städtische Wohnungsamt zunächst gegen die Rückerstattung gesträubt hatte. Nach Erlangers Tod 1964 erbten es seine zweite Ehefrau und sein Sohn. 1965 wurde es an einen Metzgermeister verkauft.

Wem es heute gehört, ist öffentlich nicht bekannt – genauso wenig übrigens die genaue Lage von Hitlers einstiger Unterkunft: Denn im ersten Stock der Thierschstraße 41 gibt es zwei Wohnungen, die beide auf Reichert eingetragen waren – und ob Hitler nun rechts oder links wohnte, konnte auch der Historiker Hoser nicht herausfinden.


Video: Munitionslager aus dem zweiten Weltkrieg in München

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