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Ein Platz in einem der drei Bierkrugtresore des Hofbräuhauses ist bei den Stammgästen sehr begehrt.

Serie: Münchner Geheimnisse

Bierkrugtresor: Im Hofbräuhaus gibt es Stammgäste über den Tod hinaus

München - Im Hofbräuhaus gibt es Bierkrugtresore für 616 Stammgäste. Lesen Sie, was es mit dieser Münchner Geschichte auf sich hat.

Der Bierkrugtresor im Münchner Hofbräuhaus ist legendär. Wer hier ein Fach für seinen steinernen Krug ergattert hat, gehört zum engsten Kreis der Stammgäste im berühmtesten Brauhaus der Welt. 616 Fächer gibt es, 3500 registrierte Stammgäste warten darauf, eines von ihnen zugewiesen zu bekommen. Doch nur wenn eines frei wird, kann ein neuer Besitzer es belegen. Und in einem seltenen Fall noch nicht einmal dann. Denn das Bierkrugfach mit der Nummer 124 wird so bald an keinen neuen Stammgast gehen, und das, obwohl sein Besitzer schon im Frühjahr 2012 gestorben ist.

„Seit den 1970er-Jahren haben wir die Maßkrugtresore hier in der Schwemme stehen“, erklärt Sabine Barthelmeß. 616 Fächer, jedes mit einem eigenen Schloss versehen, enthalten die Bierkrüge von ebenso vielen Stammgästen. Die Pressesprecherin des Hofbräuhauses erklärt das Prozedere: „Jeder Stammgast hat seinen eigenen Schlüssel und holt seinen Krug aus dem Fach, wenn er ins Hofbräuhaus kommt. Er muss ihn erst spülen und stellt ihn dann auf den Tisch. Die Bedienung nimmt ihn mit, füllt ihn am Tresen auf und bringt ihn wieder zurück.“ Am Ende muss der Gast selbst dafür sorgen, dass der Bierkrug sauber wieder ins Fach gelangt. Jeder der 3500 Stammgäste würde gern zu denen gehören, die ihr Bier aus einem so genannten Keferloher aus Steingut trinken und nicht – wie alle anderen Gäste aus nah und fern – aus einem Glaskrug. Deswegen müssen Anwärter bis zu drei Jahre warten, bis sie einen freien Platz erhalten. Dann zahlen sie drei Euro Miete im Jahr und dürfen ihren Bierkrug einschließen – wenn sie wollen, bis zu ihrem Tod – oder darüber hinaus, wie Ludwig Aidelsburger vom Stammtisch „Wuide Rundn“. Der Besitzer von Bierkrugfach 124 im Tresor am Durchgang zum Salettl besaß mehr als 60 Jahre Stammgasterfahrung im Hofbräuhaus, bevor er im Alter von 92 Jahren starb.

„Aidelsburger war Ehrenstammgast und kam seit 1949 regelmäßig hierher“, erklärt Sabine Barthelmeß. Er habe als Elektriker nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau des Residenztheaters mitgearbeitet. Um den Frauen daheim das Kochen zu ersparen und sich von der anstrengenden Arbeit zu erholen, hätten er und seine Kollegen sich das Hofbräuhaus als Treffpunkt auserkoren, erklärte er einmal in einem Interview. Seither kam er fast jeden Freitag, um mit den anderen aus der wilden Runde seine Maß zu trinken. Der Name, so Aidelsburger, sei daraus entstanden, dass der Stammtisch in seinen Anfangsjahren aus sehr unterschiedlichen Berufsgruppen zusammengesetzt war. Ein zusammengewürfelter Haufen seien sie gewesen – eine „wuide Rundn“ eben. Und damit es bei den wilden Runden nicht allzu wild zuging, habe er unbedingt auf einem Zinndeckel für seinen Bierkrug bestanden: Er wollte auf jeden Fall verhindern, dass ihm jemand in sein süffiges Hofbräu-Bier spuckt.

Diese Gefahr ist längst gebannt. Sein Bierkrug wird seit seinem Tod nur noch vierteljährlich aus dem Tresor genommen, von den Mitarbeitern gereinigt und wieder zurückgestellt, damit er nicht zu sehr einstaubt und dadurch die Krüge in den Nachbarfächern verschmutzt. Der Ehrenstammgast Ludwig Aidelsburger war einfach zu treu und zu besonders, als dass man ihn im Hofbräuhaus ziehen lassen würde – nur deshalb, weil er gestorben ist.

Im Vergleich zum Hofbräuhaus, das an seinem heutigen Platz von Herzog Maximilian I. (1573–1651) im Jahr 1607 als herzogliches Weißbierbrauhaus errichtet wurde, sind die Bierkrugtresore noch sehr jung. In der Schwemme, wo einst Bier gebraut wurde und es heute nur noch getrunken wird, stehen drei davon. Das Antragsritual für einen Platz klingt unkompliziert und einfach. Anwärter müssen Stammgäste sein und nachweislich regelmäßig ins Hofbräuhaus kommen. Der Antrag erfolgt mündlich beim Betreuer der Stammgäste. Der erkundigt sich beim Stammtisch, ob der Antragsteller denn ein geeigneter Kandidat sei. Und dann beginnt die Wartezeit.

Wer ein Fach erhalten hat, muss auch einiges dafür tun, dass er es behalten darf. Er muss regelmäßig vorbeikommen und seinen Bierkrug benutzen. Und er sollte die Miete pünktlich zahlen. Zwischen 1. Januar und 31. März jeden Jahres werden die drei Euro fällig. Wer den Termin versäumt, erhält eine Mahnung. Wer dann nicht schnell genug reagiert, verliert sein Privileg.

Ein Anrecht auf einen Platz im Bierkrugtresor gibt es freilich nicht. Er wird weder vererbt noch verschenkt oder übertragen – jeder interessierte Stammgast muss sich bewerben. „Es kommt aber kaum vor, dass ein Interessent, der es ernst meint, abgelehnt wird“, erklärt Sabine Barthelmeß. Ein langer Atem, viele Besuche im Hofbräuhaus und noch mehr Maß Bier sind also nötig, um ein Fach im Bierkrugtresor zu ergattern. Das von Ludwig Aidelsburger jedoch ist für alle Anwärter tabu. 

Diese Geschichte ist dem Buch „Münchner Geheimnisse“ (14,90 Euro) entnommen. Es ist online unter www.heimatshop-bayern.de/geheimnisse bestellbar. Im Buchhandel ist es seit Anfang November erhältlich: ISBN 978-3-9816796-7-0.

Heike Thissen

Lesen Sie hier die bisherigen Folgen der Serie "Münchner Geheimnisse":

Was es mit der Eskimo-Tragödie auf sich hat

Christian Ude und die verbotene Party

Das Schöne Tor in der Kaufinger Straße

Die Zwiebelhauben der Frauenkirche

Bierkrugtresor Im Hofbräuhaus gibt es Stammgäste über den Tod hinaus

Die Kanonenkugel vom Alten Peter

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