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Schmied Ludwig Nüssel (v.l.), seine Mutter Maria und Alexander Breiter zeigen das neue Schild.

Hier wird München wieder zünftig

Hut Breiter: Neues Zunftschild für Fußgängerzone

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München - Alexander Breiter, Erbe des Familienunternehmens Hut Breiter in der Kaufingerstraße, wird 70 Jahre nach der Zerstörung des alten ein ganz besonderes neues Zunftschild anbringen. Ein sehr emotionaler Moment.

Die Augen von Alexander Breiter (30) glänzen vor Stolz. Wir sehen den Erben des Familienunternehmens „Breiter. Hut und Mode“ in der Kaufingerstraße – er zeigt auf die Stelle, an der am Freitag ein lang gehegter Familientraum in Erfüllung gehen wird. Dann bringt Breiter ein handgeschmiedetes Reklameschild, einen sogenannten Ausleger, mit einem großen goldenen Zylinder an der Fassade über den Schaufenstern an. Es ist das historische Zeichen der Hutmacher, ein sogenanntes Zunftzeichen. Alexander, der den Betrieb in fünfter Generation führt, sagt: „Das war der größte Wunsch meines Großvaters – leider kann er die Umsetzung nicht mehr erleben.“ Opa Adalbert war vor eineinhalb Jahren gestorben.

Bereits von 1918 bis 1944 hatte ein Ausleger den Laden geschmückt – doch eine Fliegerbombe machte das Geschäft des Traditionshutmachers am Dom dem Erdboden gleich. Auch der vergoldete Zylinder wurde dabei zerstört. Nach dem Krieg fehlte der Familie lange Zeit das Geld, um den Hut nachzubauen. „Außerdem gab es damals andere Prioritäten“, sagt Alexander Breiter. Als sie das Geld dann endlich zusammen hatten, machte ihnen das Denkmalamt einen Strich durch die Rechnung und lehnte ausgerechnet den originalgetreuen Entwurf ab. „Quadratisch, praktisch und modern musste es damals sein“, sagt Alexander Breiter. Ein verschnörkelter Ausleger mit historischem Zunftzeichen – das passte nicht ins Stadtbild der 80er-Jahre.

Ein altes Foto zeigt den ursprünglichen Ausleger, der von 1918 bis 1944 vor dem Geschäft am Dom hing.

Mittlerweile hat sich das geändert. Die Breiters machten einen neuen Anlauf, wieder mit dem historischen Entwurf – und bekamen diesmal Grünes Licht für den Ausleger – entworfen gemäß der alten Fotografie, gefertigt in einer Kunstschmiede in der Au. Mehr als 250 Arbeitsstunden schufteten Kunstschmied Ludwig Nüssel (38) und seine Mitarbeiter über dem Feuer an dem ehernen Schild und an dem vergoldeten Zylinder aus Messing, den sie am Kopf eines der Kunstschmiedemeisters anpassten. Rund 60 Kilogramm wiegt der Ausleger inklusive Hut. So schwer, dass man ihn in der Fassade einbetonieren muss.

„Ein so besonderes Stück hat für einen Kunstschmied grundsätzlich eine große Bedeutung. Wenn es dann noch mitten in München hängen wird, macht uns das sehr stolz“, sagt Nüssel, der die Schmiede in der Nockherstraße in vierter Generation betreibt. Auch für ihn ist das Schild mit Zunftzeichen ein echtes Familienprojekt: Sein Vater hatte die Pläne für den in den 80er-Jahren abgelehnten Entwurf gezeichnet. Ludwig Nüssel setzt dessen Pläne nun endlich in die Realität um. Breiter hofft, dass sich nun weitere Läden ein Beispiel an seinem Schild nehmen und auch auf Handgeschmiedetes zurückgreifen.

Stolz zeigt Alexander Breiter, wo das Schild zukünftig hängen wird. 

Nostalgie hat allerdings ihren Preis: Rund 20 000 Euro haben die Breiters für die Umsetzung ihres Familientraums ausgegeben. „Für uns hat das Zeichen aber eher einen emotionalen als einen ökonomischen Wert“, sagt Alexander Breiter.

Zur Feier des neuen historischen Schilds warten auf die Kunden von Breiter in der Kaufingerstraße am Freitag und Samstag je ein Glas Sekt und Rabatte von bis zu 40 Euro.

Hut Breiter: Mehr als 150 Jahre Tradition

Das Familienunternehmen Breiter gibt es schon seit 1863. ­Adalbert Breiter verkaufte damals noch vom Pferdewagen aus seine handgefertigten Hüte in Rott am Inn. Das erste Geschäft eröffnete er in Rosenheim. Erst seinen Sohn, der nach dem Tod von Adalbert Breiter die Hutmacherei übernahm, zog es nach München in die Dachauer Straße. 1918 eröffnete Breiter in der Kaufingerstraße neben der Frauenkirche den Hutmacher am Dom. Derzeit führen Franz-Xaver Breiter (63), seine Frau Marion (61) und ihr Sohn Alexander (30, Foto unten) den Familienbetrieb in fünfter Generation.

Hintergrundinformationen: Zünfte und Zunftzeichen

Schon im Mittelalter schlossen sich Handwerker in Zünften zusammen. Als älteste urkundlich belegte Zunft gelten die Fischer aus Worms von 1106. Zünfte erlegten sich selbst bestimmte Regeln auf und sorgten für deren Einhaltung. Durch sie wurde das Handwerk als eigener Berufsstand überhaupt erst anerkannt. Ohne Zunftzugehörigkeit durften Handwerker nicht mehr arbeiten oder ihre Produkte verkaufen.

Die Ausbildung von Nachwuchskräften übernahm die Zunft genauso wie die Absicherung der Familien, wenn ein Zunftmitglied erkrankte oder ­verstarb. Neben einem umfangreichen Regelwerk schmückten sich die Zünfte mit selbst gewählten Zeichen und Wappen. Als Relame versahen die zünftigen Handwerker ihre Geschäfte oder Werkstätten mit sogenannten sprechenden Zeichen, die auch Analphabeten wiedererkennen konnten. Zum Beispiel stehen zwei gekreuzte Schlüssel für einen Schlosser (oder mittlerweile auch für einen Schlüsseldienst wie im runden Foto links). Eine Uhr oder Zahnräder weisen auf einen Uhrmacher hin, den Kramer konnten Kunden an den zwei Waagen erkennen.

Diese Zunftzeichen sind bis heute in Logos und Schildern von Handwerksfirmen wiederzufinden. Nach dem Niedergang des Zunftwesens übernahmen Handwerkerinnungen die Organisation der jeweiligen Berufsstände.

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