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Sollen ausziehen: Gabriele Staudinger (li.) und die Kaffeeladen-Besitzerin Margot Hofinger vor dem Anwesen, dessen Zukunft noch ungewiss ist.

Investoren kaufen Haus in der St.-Anna-Straße

Lehel: Die Sanierungswelle rollt weiter

München - Neun Parteien verlieren ihre Wohnung – Investor verspricht Abfindung und Hilfe bei der Suche nach einem neuen Zuhause.

Gabriele Staudinger hat dieser Tage öfter mal Besuch von Nachbarn. „Jeder läutet hier und will wissen, was los ist“, sagt sie. Im Haus an der St. Anna-Straße 16 mitten im schönen Lehel herrscht Unruhe. Das sechsstöckige Gebäude wurde verkauft. Ob es abgerissen oder saniert wird, steht noch nicht fest. Die Mieter – neun Parteien – sollen jedenfalls ausziehen, angeblich bis Ende 2016. Nach Informationen unserer Zeitung sind Eigentumswohnungen in der Größenordnung von 90 bis 130 Quadratmeter geplant.

Gabriele Staudinger wohnt seit 60 Jahren in diesem Haus. Sie hängt an ihrer Wohnung im St. Anna-Viertel, mit Blick auf die Kirche. Aber den Sinn für die Realität hat sie nach dem Eigentümerwechsel nicht verloren: „Dass ich irgendwann raus muss, ist klar. Aber ich will nicht mit einem Fußtritt gehen.“

Projektgesellschaft bietet Abfindungen

Stefan Legat ist Geschäftsführer der federführenden Projektgesellschaft. Er verspricht, mit allen Mietern fair umzugehen. „Wir machen sehr gute Abfindungsangebote und bieten an, eine Ersatzwohnung zu suchen.“ Mit einigen Mietern habe man sich schon geeinigt. Staudinger bestätigt, dass auch ihr ein Abfindungs- und Umzugsangebot unterbreitet worden sei. Unterschrieben habe sie aber noch nichts. Sie lasse sich von einem Anwalt und vom Mieterverein beraten.

Sorgen macht sich auch Margot Hofinger von der Kaffeerösterei „Leone“ im Erdgeschoss des Gebäudes. Vor gut zwei Jahren habe sie ihren Kaffeeladen eröffnet und viel investiert, erzählt sie. „Jetzt, nachdem das Café läuft, habe ich das Problem, dass mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird.“ Es gehe um ihre Existenz. Hofingers Mietvertrag läuft noch bis zum Jahr 2023. Auch in diesem Fall geht es um Geld und um eine Ersatz-Immobilie. Margot Hofinger bräuchte für die Bauzeit, in der kein Geschäftsbetrieb möglich ist, eine adäquate Alternative. Bauunternehmer Legat sagt: „Wir finden sicher eine Lösung.“

Das aus den 50er-Jahren stammende Gebäude war lange Zeit in Besitz von drei Brüdern. Eine Erbengemeinschaft hat das Haus nun an Legat und seinen Geschäftspartner Thomas Strüngmann, Mitgründer des Pharma-Herstellers Hexal, verkauft. Kapital ist also zur Genüge vorhanden. Laut Legat ist das Gebäude „in einem katastrophalen Zustand“. Man habe es trotzdem erworben, weil der Standort „wunderschön“ sei.

In einem Vorbescheidsantrag hat die Projektgesellschaft St. Anna 16 nun mehrere Varianten vorgelegt. Auch der Abriss und ein Neubau ist eine Option – allerdings nicht die einzige. „Es gibt Bestrebungen, das Haus im Bestand zu erhalten und zu sanieren“, sagt Stefan Legat.

Neubau kann so nicht genehmigt werden

Während der jüngsten Sitzung des Bezirksausschusses (BA) Altstadt-Lehel wurde das Bauvorhaben kurz angesprochen. Der stellvertretende BA-Vorsitzende Wolfgang Püschel (SPD) erklärte, in der beantragten Form sei die Neubau-Variante nicht genehmigungsfähig. Das sehe die Lokalbaukommission genauso. Der Bau füge sich nicht in die denkmalgeschützte Umgebung ein, auch Abstandsflächen zu den Nachbarhäusern würden nicht eingehalten. Kritisch wird überdies die beantragte Aufstockung des kleinen Nebengebäudes gesehen, in der sich eine Galerie mit afrikanischer Kunst befindet. Diese werde nach dem Um- oder Neubau wieder einziehen, sagt der Investor: „Wir wollen die Ladenstruktur erhalten.“

Stefan Legat räumt indes ein, dass das Projekt nicht von heute auf morgen zu realisieren sein wird. Frühestens in einem Jahr rechnet er mit einem Baubeginn. Für Püschel ist es nichts Ungewöhnliches, dass Antragsteller zunächst einmal das Baurecht ausloten. „Das ist ein Vortasten“, erklärt er. Der BA will sich das Projekt nun vom Bauherrn vorstellen lassen. Püschel hat im Übrigen schon selbst vorgefühlt, wie die Stimmungslage bei den Mietern ist, und festgestellt: „Es gibt keine Front gegen den neuen Eigentümer.“

Klaus Vick

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