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Lottes Erotik-Laden ist Kult. Das Sexspielzeug-Geschäft gibt’s länger als unsere U-Bahn - knapp 50 Jahre.

Lotte hat keine Lust mehr

Ältester Lust-Shop Münchens sperrt zu

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Mit ihren Geschichten könnte die 65-Jährige ein Buch füllen. Trotzdem macht Charlotte Binder, Besitzerin des ältesten Sex-Shops der Stadt, ihren Laden dicht.

München - Wer den roten Samtvorhang in der kleinen Passage im Tal zur Seite schiebt, dringt ein in eine Welt der Lust. In Münchens ältestem Erotik-Laden stapeln sich Gleitgel, Vibratoren und Kondome bis dicht unter die Decke. Die Inhaberin kennt fast jeden ihrer Kunden beim Namen. Ihr treuester Stammgast, ein alter Bergfex, kommt seit über 30 Jahren her. Am 15. Mai wird der 92-Jährige den Sexspielzeug-Olymp allerdings zum letzten Mal erklimmen. Denn Charlotte Binder sperrt zu. „Ich bin zu alt“, erklärt die 65-Jährige, „nicht für die Liebe, sondern für das Geschäft mit der Lust.“

Es war ein kalter Tag im November 1987, als Charlotte Binder ein Inserat in der Zeitung las. „Erotik-Laden zu vermieten“, stand da in großen Druckbuchstaben geschrieben. „Warum nicht“, dachte sich Binder, kündigte ihren Job als Zahnarzthelferin und zog ins Tal. „Ich habe mich sofort wohl gefühlt“, erinnert sie sich, „auch wenn es am Anfang nicht immer leicht gewesen ist.“

Blick in den Laden: Am 15. Mai ist Schluss.

Binder bekommt Probleme mit den Eigentümern, ihren Nachbarn, den Scientologen. Während der Frauenbewegung bombardieren wütende Demonstrantinnen ihren Laden mit Eiern und beschmieren ihre Fensterfront mit Farbe. Doch die Münchnerin nimmt’s gelassen und begegnet ihren Kritikern mit Höflichkeit. Auch ihre Familie hält zu ihr. Vor allem ihr Mann, ein ehemaliger Flugzeugingenieur, gibt ihr Halt. „Irgendwann haben auch die anderen Leute kapiert, dass ich ein ganz normaler Mensch bin – aber halt einer, der Sexspielzeug verkauft.“

„Der Hase, der Toy Joy – meine Vibratoren sind der Hit“

Am Anfang begrüßt Charlotte Binder vor allem Männer in ihrem Laden. Es dauert lange, bis sich auch Frauen in die Lustoase für Erwachsene trauen. „Heute ist das zum Glück anders“, verrät Binder. „Der Hase, der Toy Joy – meine Vibratoren sind der Hit.“

Während die 65-Jährige ihre Verkaufsschlager in den Regalen ordnet, betritt ein Mann den Laden. „Servus, Hansi“, flötet die Münchnerin, „mogst a Alkoholfreies?“ Der Mann, Mitte 50, blaues T-Shirt, kurze Hose, nickt. „Kommt sofort.“ Dann verschwindet der Kunde hinter einer schwarzen Tür mit weißem Rahmen, die ins hauseigene Kino führt. 9,50 Euro verlangt Binder für ein Ticket. Ein stolzer Preis, den ihre Kundschaft gerne bezahlt.

Der Eingangsbereich in der kleinen Passage im Tal.

Auch an diesem Vormittag ist der Saal voll. Auf den 34 Stühlen sitzen Studenten neben Anzugträgern. Unternehmer neben Rentnern. „Ich habe einen Stammgast“, erzählt Binder, „der meint, dass ihm der Platz in der zweiten Reihe gehört. Und wehe, da sitzt schon einer – dann darf ich reingehen und den anderen von seinem Platz verscheuchen. Bei mir gibt’s nichts, was es nicht gibt.“

Erst neulich sei ein Araber zu ihr gekommen. „Der hat extra einen Flug von Dubai nach München gebucht, um bei mir einzukaufen“, erzählt Binder.

Mit ihren Geschichten könnte die 65-Jährige ein Buch füllen – „oder einen Fernseh-Film drehen.“ Apropos Film: Sobald der letzte Erotik-Streifen über die Theke gewandert ist, will sich die Münchnerin um ihren Garten kümmern. Umgraben, Unkraut jäten, Rasen mähen. „Der wird schreien“, scherzt Binder. Vor Glück? „Wohl eher vor Schmerz – da hat nämlich schon lange niemand mehr Hand angelegt.“

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook-Seite „Altstadt/Lehel – mein Viertel“.

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