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Doch die Stadt will gegensteuern

Die Macht der Ketten: Darum verliert Münchens Zentrum seine Seele

Es ist schon auffällig: Immer mehr Zentren großer Städte gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Doch woran liegt das? Und was will die Stadt München dagegen tun?

München - Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Der Filialisierungsgrad in der Münchner Innenstadt ist extrem hoch und steigt seit Jahren – von 54,6 Prozent im Jahr 2010 auf 63,4 Prozent im Vorjahr. In den Haupteinkaufsstraßen der City liegt die Quote nach Erhebungen des Immobiliendienstleisters Jones Lang Lasalle (JLL) derzeit zwischen 52 und 79 Prozent. Die Folge: Große Ketten reihen sich aneinander und verpassen den meisten Innenstädten das gleiche Erscheinungsbild. Für Nischenläden bleibt kaum mehr Platz. Und das hat einen Hauptgrund: Die Mieten sind immens, seit Jahren findet ein Verdrängungswettbewerb statt.

Gleichwohl gibt es aktuell eine Trendwende. Die Spitzenmieten stagnieren, da sind sich die Branchenführer JLL und CB Richard Ellis (CBRE) einig. Zuvor gab es laut einer Statistik von CBRE von 2011 bis 2014 einen sprunghaften Anstieg von 310 auf 390 Euro pro Quadratmeter. In den vergangenen beiden Jahren stagnierten die Mieten CBRE zufolge aber bei 400 Euro pro Quadratmeter. 

„Ein klares Signal dafür, dass der Handel sein Limit erreicht hat“

Diesen Spitzenpreis müssen Einzelhändler an der Kaufingerstraße und am Marienplatz zahlen. Jones Lang Lasalle geht von 360 Euro Top-Miete aus und prognostiziert auch für das zweite Quartal 2017 eine Stagnation. Dirk Wichner, Experte bei dem Immobiliendienstleister, analysiert: „Ein klares Signal dafür, dass der Handel sein Limit erreicht hat und den Mieten nun noch schwerlich den nötigen Umsatz entgegenbringen kann. Das gilt vor allem für den verunsicherten Textilhandel – bislang der Hauptumsatzbringer im Einzelhandel.“ Nur in Ausnahmefällen würden Händler hohe Mieten in prestigeträchtigen Lagen akzeptieren, um mit Flagship-Stores und ihrer Marke prominent präsent zu sein. Ansonsten gebe es eine Trendwende. Der Einzelhandel miete zunehmend kleinere Flächen an. In München fanden überdies nach den Erfahrungen von JLL zuletzt nur in geringem Umfang innerstädtische Vermietungen statt. Grund: kaum Leerstand und nahezu keine Fluktuation. Wer eine Fläche hat, gibt sie selten her. Allerdings, so räumt JLL-Sprecher Peter Lausmann ein: „Eine Momentaufnahme, das kann sich sehr schnell ändern.“

Weitere Zahlen: CBRE geht an der Neuhauser Straße von 360 Euro Spitzenmiete aus, an der Maximilianstraße von 340 Euro, an der Theatiner- und an der Weinstraße sind es 290 Euro, am Stachus 270 Euro, an der Sendlinger Straße 200 Euro und im Tal 160 Euro. Trotz erstmals stagnierender Mieten glauben Immobilien-Experten der Stadt allerdings nicht an ein Ende der Preisspirale. Die Preise schössen seit 2009 durch die Decke, hatte Albert Fittkau vom städtischen Gutachterausschuss unlängst bei einer Veranstaltung zur neuen Fußgängerzone in der Sendlinger Straße erklärt. Es finde eine Rallye statt, die ihresgleichen suche.

Laut CBRE sind in der Innenstadt 27,3 Prozent der Gesamtverkaufsflächen Münchens angesiedelt, in absoluten Zahlen entspricht das 470 000 Quadratmetern. Shopping-Center vereinnahmen 295 000 Quadratmeter an Verkaufsfläche. Die Kaufkraft pro Kopf (das für Konsumzwecke verfügbare Einkommen) lag in München 2016 bei durchschnittlich 29 255 Euro, also weit über dem bayerischen (23 855 Euro) und dem nationalen (22 066 Euro) Durchschnitt.

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema: „Am Ladensterben sind wir auch selbst schuld“

Die zweite Zerstörung Münchens: Bausünden nach dem 2. Weltkrieg

Die Umfrage:

Tanja Bublitz, Inhaberin Parfümerie Brückner Bublitz im Rathaus: Nächstes Jahr haben wir 125-jähriges Jubiläum, ich führe das Geschäft in dritter Generation. Die Entwicklung der kleinen Läden ist traurig. Die Inhaber sind oft auch selbst Schuld. Denn sie machen ihre Hausaufgaben nicht und jammern zu viel. Sie setzten sich nicht genug von den großen Ketten ab.“

Walter Drum, Inhaber Brillen Meßbach: „Wir sind ein Traditionsladen, seit 90 Jahren im Ruffinihaus und profitieren von den günstigen Konditionen der Stadt. Ein Überleben ist sonst kaum möglich, die Preise übersteigen das Mögliche. Ohne das Zwischengeschäft während des Umbaus wäre auch unsere Existenz bedroht.“

Natascha Beckmann, Verkäuferin im Bonbelly in der Sendlinger Straße: „Weniger kleine Läden, das ist nicht nur ein Münchner Problem. Dadurch schauen viele Städte gleich aus. Wir versuchen, uns durch persönliche Beratungen und Qualität von der Masse abzuheben. Kunden schätzen das. Hohe Mieten machen es nicht leicht.“

Klaus Vick, Lisa-Marie Birnbeck

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