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Chaos-Tage in der Innenstadt

Verkehrsinfarkt am Sendlinger Tor: 750 Meter in einer Stunde

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Rund um das Sendlinger Tor herrschte am Brücken-Montag riesiges Verkehrschaos. Hupkonzerte, Autos fuhren trotz Staus in Kreuzungen ein und blockierten alles, die Polizei reagierte.

Mehr als eine Stunde mit dem Auto — für 750 Meter vom Färbergraben zur Sonnenstraße! Rund um das Sendlinger Tor herrschte am Brücken-Montag riesiges Verkehrschaos in der Innenstadt. Hupkonzerte, Autos fuhren trotz Staus in Kreuzungen ein und blockierten alles!

Die Gegend ist schon lang leidgeplagt in Sachen Verkehr – aber seit dem Frühjahr ist es noch heftiger. Denn: Die Stadtwerke bauen den ­U-Bahnhof unter dem Sendlinger Tor um. Das dauert insgesamt bis 2022 – und bis 2019 werkeln die Arbeiter oberirdisch, zum Beispiel, um Pfähle zu bohren. „Klar ist, dass die Baustelle massive Einschränkungen für den Autoverkehr mit sich bringt“, sagt Matthias Korte, Sprecher der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). Bis dato habe man den Eindruck gehabt, dass es zwar Staus gebe, der Verkehr aber nicht kollabiere.

Am Samstag und am Brückentag hätten aber wohl viele Menschen die selbe Idee gehabt: In die Innenstadt zu fahren. Das sagt Anna-Katharina Heschl von der Polizei. Auch das Kreisverwaltungsreferat (KVR) führt einen „enorm starken Parksuchverkehr“ als möglichen Grund für das Montags-Chaos an. Nachdem auch Busfahrer am Nachmittag Alarm geschlagen hätten, habe die Polizei ab 16 Uhr reagiert, so Sprecherin Heschl. Und das Abbiegen von der Sonnenstraße in die Schwanthaler- und Herzogspitalstraße bis 20 Uhr unterbunden, um den Verkehr schneller abzuleiten. Die Polizei will zukünftig am Sendlinger Tor „vermehrt Schwerpunkteinsätze“ durchführen — und im Notfall Beamten mit Trillerpfeifen einsetzen.

Bilder & Videos zum Mega-Umbau am Sendlinger Tor 

Allerdings: Der Verkehr ist ja nicht nur am Sendlinger Tor am Limit, sondern eigentlich überall. Die zweite S-Bahn-Stammstrecke wird frühestens ab 2026 für Entlastung sorgen. Und die Zahl der Autos in der Stadt stieg von Ende 2015 bis Ende 2016 sogar stärker an als die Einwohnerzahl. „Besonders alarmierend ist, dass auch viele junge Leute Auto fahren, von denen wir dachten, dass sie ÖPNV-affiner sind“, sagt Johann Sauerer, verkehrspolitischer Sprecher der Rathaus-CSU. Der Öffentliche Nahverkehr müsse dringend ausgebaut werden. „Die Parkgebühren sind viel zu niedrig“, findet Sauerers Gegenpart von den Grünen, Paul Bickelbacher. SPD-Fraktionschef Alexander Reissl hofft derweil unter anderem auf die neue U-Bahnlinie 9. Für das Sendlinger Tor helfen wohl vorerst nur starke Nerven.

„Ein ähnliches Chaos wird uns an den Adventssamstagen erwarten“, so Wolfgang Fischer von den Innenstadtkaufleuten. In einer historischen Innenstadt seien an Spitzentagen Staus einfach nicht vermeidbar. „Grundsätzlich ist es aber doch schön, dass viele Menschen gerne in der Innenstadt einkaufen.“

An der Oberfläche entstand durch den U-Bahnhof-Umbau ein Nadelöhr für den Münchner Verkehr.

Das sagen Geschäftsleute und der ADAC

Birgit Bellstedt, Inhaberin der Regenbogen-Apotheke in der Sonnenstraße: „Ich finde es gut, dass die Stadt Verkehrsprojekte wie am Sendlinger Tor durchführt. Natürlich ist die Baustelle trotzdem eine extreme Beeinträchtigung. Taxis können nicht mehr vernünftig bei uns halten. Ältere Stammkunden mit Rollator haben große Probleme, über die Straße zu kommen.“

Andreas Letzelter (29) von „Die Reinigung“ am Sendlinger-Tor-Platz: „Die Baustelle am Sendlinger Tor nervt. Es ist sehr laut – und in unsere Reinigung kommen seit Baubeginn leider weniger Kunden. Ein Grund ist sicherlich, dass die Leute keine Möglichkeit mehr haben, vernünftig zu parken. Besonders am Brückentag war hier alles verstopft. Ich mache mir für die nächsten Jahre wenig Hoffnung, dass die Verkehrssituation besser wird.“

Wolfgang Wicknig (61), Taxifahrer, München: „Was soll ich sagen? Chaos! Es ist schwierig für Autofahrer hier, besonders für uns Taxler. Ich kann Fahrgäste wegen der Baustelle oft nicht ans Ziel bringen. Am Montag habe ich eine dreiviertel Stunde vom Sendlinger Tor bis zum Stachus gebraucht. Jetzt ist guter Rat teuer. Die Stadt hat es verpasst, den U-Bahnhof rechtzeitig zu modernisieren.“

Florian Hördegen (39), Verkehrsexperte ADAC Südbayern: „Die Baustelle an diesem Knotenpunkt setzt dem Stau-Problem Münchens die Krone auf. Den ADAC haben schon Beschwerden zum Sendlinger Tor erreicht. Wichtig ist, dass sich die Autofahrer umsichtig verhalten und Kreuzungen nicht verstopfen. Wir raten, die Stelle großräumig zu umfahren.“

Ramona Weise

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