Die Teilnehmer des Jubiläumstreffens im Münchner Ratskeller. Drei Herren kamen leider zu spät.
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Die Teilnehmer des Jubiläumstreffens im Münchner Ratskeller. Drei Herren fehlen auf dem Foto.

Jubiläumsfeier im Münchner Ratskeller

Die Chemie stimmt auch nach 60 Jahren

  • Katharina Haase
    vonKatharina Haase
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Vieles war völlig anders, als Richard Kirchlechner und seine Kommilitonen vor 60 Jahren in München Chemie studierten. Und manches hat sich nicht verändert. Sie treffen sich und reden drüber – Jahr um Jahr, seit damals. Zum Jubiläum sind wieder 18 Herren im Ratskeller zusammengekommen.

München - Es ist kalt an diesem Montagmorgen, dem 2. November 1959 in München. Gerade einmal vier Grad zeigt das Thermometer, als sich Richard Kirchlechner zusammen mit hunderten von jungen Menschen an der TH München einreiht, um sich für seinen Wunsch-Studiengang einzuschreiben. Chemie wird es sein, bei ihm und 48 weiteren Erstsemestern. Noch kennt Kirchlechner niemanden. Doch das wird sich bald ändern – und 60 Jahre später wird er sich mit 17 Kommilitonen an diesen Tag erinnern.

Richard Kirchlechner, heute 79, sitzt im Ratskeller am Münchner Marienplatz. Um ihn herum 17 weitere alte Herren, alles Ehemalige. Organisiert hat das Treffen Kirchlechner. Alle zwei Jahre kommen sie zusammen, zuletzt 2018. Das diesjährige Treffen ist außerplanmäßig. Aber so ein Jubiläum müsse man eben feiern, so der Initiator. Und es gibt so viel zu erzählen.

München: Seit jeher ein hartes Pflaster für Studenten - „Wohnheim ein Luxus“

München ist einer der beliebtesten Studienorte Deutschlands, schon damals. Und wer die Geschichten der alten Herren hört, merkt schnell, dass sich wenig verändert hat: Die selbsternannte Weltstadt mit Herz war schon immer ein hartes Pflaster für Studenten. „Am Anfang hab ich noch in Lochhausen gewohnt, in einem kleinen Zimmer zur Untermiete für 40 Mark“, erzählt Dieter Hofmann, der heute im Allgäu lebt. Irgendwann habe er die Möglichkeit gehabt, in ein Zimmer an der Türkenstraße zu ziehen, direkt neben die Technische Universität (TU), damals noch Technische Hochschule (TH). „Das hat dann aber gleich 80 Mark gekostet.“ Damals viel Geld.

Ein Zimmer im Wohnheim galt unter Studenten im München der Sechziger als Luxus. Niels Larsen war einer der wenigen, die sich diesen Luxus leisten konnte. 120 Mark im Monat – „da war aber das Mittagessen inbegriffen“. Und noch etwas gefiel ihm im Wohnheim: die vielen Frauen. Denn Larsen lebte in einem der wenigen gemischten Häuser. „Normalerweise konnte man ja nicht einfach so unverheiratet mit Frauen zusammen leben damals“, betont er. Im Wohnheim lernte er sogar seine spätere Ehefrau kennen. „Wir waren über 50 Jahre glücklich verheiratet“, sagt er.

Studentenleben im München der 60er: „Eine Dusche hatte ich all die Jahre nicht“

Richard Kirchlechner hingegen, der aus sehr einfachen Verhältnissen stammt, hatte es in der teuren Stadt besonders schwer. Er lebte zunächst bei Verwandten, ehe er sich mit einem Kommilitonen eine gemeinsame Wohnung an der Schellingstraße leisten konnte. Jedoch: „Eine eigene Dusche hatte ich bis zum Ende meines Studiums nie.“ Manchmal, wenn er und sein Mitbewohner die Waschschüssel leid waren, mieteten sie sich im Nordbad eine Wanne.

Die Bomben des Zweiten Weltkriegs hatten in München eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Es dauerte Jahre, die Gebäude wieder aufzubauen. Auch die Studenten mussten mit anpacken. Die Jahrgänge zuvor hatten noch beim Aufräumen der Trümmer helfen müssen, erzählt Dieter Hofmann. „Das blieb uns Gott sei Dank erspart.“ Man habe dennoch viel zurückstecken müssen. „Heute wie damals waren es unruhige Zeiten. Wir hätten alle bei der 68er-Revolution auf der Straße sein können. Aber wir standen im Labor und haben geschuftet.“

Von links: Prof. Dr. Christian Jutz, Dr. Richard Kirchlechner (mit Doktorhut) und seine Kommilitonen Dr. Dr. Horst Reinhard und Dieter Hofmann.

Dennoch, so sind sich alle im Ratskeller einig, „wir würden es heute alles genauso machen“. Angeregt plaudern sie – unter dem Jahr haben sie kaum Kontakt miteinander, aber zu den Treffen kommen sie immer gern. Schick gemacht hat man sich, manch einer trägt seine Festtagskrawatte. „Das ist schließlich was Einzigartiges, dass man nach so langer Zeit immer noch zusammenkommt“, sagt Kirchlechner. „Wir waren Leidensgenossen, das hat uns so zusammengeschweißt“, ergänzt Arnulf Stangelmayer (82), der neben Kirchlechner sitzt, und lacht.

60 Jahre Studienbeginn: Manches hat sich doch verändert in München

Es ist auffällig, wie eng und gut bekannt die Studenten sind. Sie umarmen sich herzlich, sprechen über Privates. 49 sind sie gewesen im Chemie-Studiengang der TU München von 1959. Lediglich von zweien haben sie nie wieder etwas gehört. Von den übrigen sind noch 35 am Leben. Außer einem haben sie alle einen Doktor-Titel, acht wurden zu Professoren ernannt.

Die Anwesenden heute sind ausschließlich Männer. Frauen hat es aber auch gegeben in ihrem Jahrgang. Drei, um genau zu sein. „Eine Frauenquote von sechs Prozent“, errechnet Kirchlechner. Es waren andere Zeiten. Heute sind rund 40 Prozent der Chemie-Studenten an der TUM Frauen. Studiert wird hauptsächlich in Garching, wohin die TU viele ihrer Forschungsgebäude verlegt hat.

Kneipenabende und Studentenjobs: Es gab auch ein Leben außerhalb des Labors

Dr. Richard Kirchlechner hat das Treffen im Ratskeller organisiert. 

Im Jahr 1959 spielte sich noch ein Großteil des Chemiestudiums an der Arcisstraße ab. Die Gebäude, in denen die Studenten bis zu zehn Stunden am Tag lernten, sind heute durch Neubauten ersetzt. Das Studium war hart und anstrengend, da sind sich alle einig. Stundenlang im Labor stehen, anschließend in die Vorlesung, oft auch Freitagabend oder am Wochenende. Zudem die schriftlichen Hausarbeiten. Doch feierten sie auch die ein oder andere Fete. „Es gab immer Gelegenheiten zum Zusammensitzen und Bier trinken“, sagt Kirchlechner und lacht. Etwa im Alten Simpl an der Türkenstraße, auch heute noch ein beliebter Treffpunkt für die Münchner Studenten.

Das Geld für die Kneipe musste sich Kirchlechner erst dazuverdienen. Bafög, das vielen heutigen Studenten das Überleben sichert, gibt es es erst seit 1971. Kirchlechner erhielt über ein Stipendium 120 Mark im Monat, den Rest verdiente er sich als Postzusteller in den frühen Morgenstunden. Zwei bis drei Mal in der Woche war er dafür gut drei Stunden unterwegs, für 15 Mark. Er war nicht der einzige. Manch einer arbeitete beim Bahnbetrieb oder spielte am Wochenende als Hochzeitsmusiker auf. Auch heute liegt die Quote der Studierenden, die trotz Vollzeitstudium einen Nebenjob ausüben, einem Gutachten des Deutschen Studentenwerks zufolge bei um die 70 Prozent.

60 Jahre Studium: “Solange jemand kommen mag, wird es diese Treffen geben“

Nach dem gemeinsamen Abendessen im Ratskeller dauert es nicht lange, bis die ersten sich verabschieden. Trotz des fortgeschrittenen Alters sind einige doch von weit her gekommen, nur um diesen besonderen Tag miteinander zu feiern. Richard Kirchlechner verabschiedet sich von jedem persönlich. Solange jemand kommen mag, wird er auch weiterhin regelmäßig solche Treffen organisieren. Und auf eines freut er sich schon besonders: „Wenn wir hier in zehn Jahren das 70. Jubiläum feiern.“

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