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Herr über die Wertsachen: Thomas Käfer betreibt am Hauptbahnhof ein Pfandleihhaus. Gerade prüft er einen Armreif auf seinen Wert. 

Er spürt, wie es den Menschen geht

Münchens Pfandleiher hat schnelles Geld für die Verzweifelten

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München - Thomas Käfer ist Pfandleiher in München. Er spürt, wie es den Menschen in der Stadt geht: Zu ihm kommen Arme, Arbeiter und Adelige – sie alle brauchen Geld. Einblick in ein Geschäft, das immer auch der Spiegel einer Gesellschaft ist.

Im dicken Mantel steht die Frau um die 60 am Schalter. Hier, in Käfer’s Leihhaus am Münchner Hauptbahnhof, hat sie Schmuck für 1390 Euro verpfändet. Monatelang hat sie Zinsen bezahlt, damit ihr Schmuck nicht versteigert wird. Doch um das Pfand auszulösen, dafür hat ihr Geld nie gereicht. Jetzt, vor dem schusssicheren Plexiglas, hat sie nur noch eine Option. Leise fragt sie: „Was bekomme ich, wenn ich den Schmuck verkaufe?“ Der Mitarbeiter hinter der Scheibe sagt: „Da bleibt net vui über.“ 54 Euro. Die Frau schaut zu Boden, sie weint fast. Sie muss verkaufen, es bleibt ihr nichts anderes übrig. Ein Drama. Für die Mitarbeiter im Leihhaus ist sie eine von 100 Kunden am Tag.

Das Pfandleihhaus am Hauptbahnhof.

Hier, im dritten Stock der Bayerstraße 27, kriegen viele Menschen ihre letzte Chance. Die Kunden im Leihhaus sind bei Freunden oder Verwandten nicht mehr kreditwürdig – bei der Bank schon gar nicht. Miete und Strom müssen aber bezahlt werden, Essen muss auf den Tisch. Im Leihhaus geben sie ihre teure Armbanduhr oder ihren Computer ab. Dafür bekommen sie Geld, das ihnen vorübergehend über die Runden hilft.

Thomas Käfer, 56, kennt diese Menschen. Der Inhaber des Leihhauses sieht sie von seinem Büro aus, auf zwei großen Bildschirmen in sechs Kameraeinstellungen. Er sitzt in einem braunen Lederstuhl, vor ihm ein edler Holztisch, und sagt: „Mit wirklich armen Menschen haben wir nichts zu tun. Die haben nun mal kein Handy für 1000 Euro.“ Viele seiner Kunden können schlicht nicht mit ihrem Geld umgehen. Leisten sich ein iPhone, das ihr Monatsgehalt verschlingt. Müssen immer das neueste Gerät haben. Und noch eins. Und noch eins. Mitleid hat Käfer mit solchen Kunden nicht. Einmal kaufte sich ein Mann einen Laptop für 2500 Euro. Noch am selben Tag stand er im Leihhaus, um ihn abzugeben. Ein Pfandleihhaus ist immer auch ein Gradmesser dafür, was in der Gesellschaft schief läuft.

Thomas Käfer ist verwandt mit der Gastronomen-Dynastie Käfer. Sein Cousin Michael verkauft Feinkost, bewirtet in seinen Restaurants Menschen mit Geld. Zu Thomas Käfer kommen die, die keines mehr haben. Auch Künstler, Schauspieler oder Adelige, Namen nennt er nicht. Von einem Armreif für 10 bis zu einem Diamantring für 40 000 Euro hat er schon Dinge beliehen.

Als Pfandleiher kann er es sich nicht leisten, Schicksale zu nah an sich heran zu lassen. Manchmal passiert es doch. Bei Alkoholikern oder Junkies hat er Mitleid, „wegen der Krankheit“. Und: „Mit alten Menschen ist es traurig. Da gibt es dramatische Fälle.“ Die Rente ist niedrig, Strom wird teurer, irgendwann können sie die Miete nicht mehr zahlen. „Die kommen dann fix und fertig.“ Manchmal wird aus dem Pfandleiher ein Retter. Dann ist Käfer für einen Moment kein Geschäftsmann – und nimmt auch mal eine Kette an, die er eigentlich ablehnen müsste. Dass viele Menschen Pfandleiher für Abzocker halten, kann er nicht nachvollziehen.

Käfer verdient an den Zinsen und Gebühren (siehe unten). Die Pfandleih-Ordnung von 1961 schreibt strikt vor, wie viel er bei einem Abschluss verdient. Käfer hält die Pfandleihe für „den gerechtesten Kredit der Welt“. Nur etwa sieben Prozent seiner Kunden schaffen es nicht, ihren Gegenstand wieder auszulösen. Kunden, die zurückkaufen, zahlen nach einem Jahr fast 50 Prozent des Wertes. Die Pfandleihe eignet sich daher nur für kurze Zeit.

Denis Cacuga, 27, weiß das. Der Münchner Bauunternehmer kommt an einem Freitag ins Leihhaus. Für sein Geschäft möchte er am Wochenende einen gebrauchten Kombi für 7000 Euro kaufen. Dafür fehlt ihm noch Geld. Er legt einen Ring auf den Schalter. Käfer, der jetzt selbst hinter der Scheibe sitzt, begutachtet ihn und sagt: „100 Euro kann ich Ihnen geben.“ Cacuga bläst die Backen auf. „Gut. Das reicht mir.“ Am Montag kommt Geld rein – dann will er den Ring wieder auslösen. Routine für Denis Cacuga. Viele Kleingewerbetreibende kommen so an Geld, das sie schnell brauchen. Oft ist es auch der einzige Weg.

Vor einigen Jahren kam eine chinesische Familie zu Käfer, sie hatte in München einen Imbiss eröffnet. „Da ist es jeden Tag brechend voll, es kommt richtig viel Geld rein.“ Die Familie zahlte aber nie Steuern. Das Finanzamt schloss den Imbiss und forderte 20 000 Euro. Die Familie brauchte das Geld schnell: Kinder, Vater, Tanten und Oma standen an Käfers Schalter, auf der Theke stapelten sich Ringe, Ketten und Gold. Genug, um die Steuerschulden zu begleichen. „Heute kommen sie immer noch zu mir“, sagt Käfer. Wie viele ausländische Imbissbesitzer oder Bauunternehmer. „Die kriegen von der Bank keinen Cent.“

Banken stellen Fragen. Nach dem Lohn und dem Verwendungszweck des Geldes. „Wir nicht. Das geht uns nichts an“, sagt Käfer. Ob ein Pfandleihgeschäft zustande kommt, entscheidet sich binnen Minuten. „Für unsere Stammkunden ist es wie ein Gang zum Bäcker.“

Und manchmal bekommen es Thomas Käfer und seine Mitarbeiter mit Betrügern zu tun. Eine originalverpackte Rolex-Uhr belieh er einmal für 3000 Euro, kaufte sie dem Anbieter sogar ab. Das Zertifikat war echt, die Uhr gefälscht – bis heute ist ihm sein „gröbster Fehler“ ein Rätsel.

Eine teure Rolex, das ist auch im reichen München eine Ausnahme. Viele Kunden sind Menschen mit einem traurigen Schicksal, andere können einfach nicht mit Geld umgehen. Ganz oft sind es Smartphones, die versetzt werden. Ein Mann, Mitte 40, dunkle Locken, steht jetzt am Schalter. Der Mitarbeiter hinter der Scheibe sieht nur sein Oberteil, einen edlen schwarzen Mantel. Darunter trägt der Mann Jogginghose und Sportschuhe. Er legt ein Smartphone auf die Ablage und sagt: „Ich würde es gerne wieder abgeben.“ Er kriegt 120 Euro. „Ich bekomme kein Arbeitslosengeld mehr, das wird alles gekürzt“, schimpft der Mann. Wofür er das Geld braucht? „Zum Leben.“ Dann geht er.

Ein anderer kann seinen Handyvertrag nicht bezahlen – und muss ausgerechnet sein Handy dafür versetzen. Er ist 19 Jahre alt, hinter seinem Ohr klemmt eine Zigarette. Er arbeitet für einen Sicherheitsdienst, gerade hat er frei. Für sein iPhone 6s, Neupreis 649 Euro, kriegt er 228,20 Euro. Seit drei Monaten geht er ins Leihhaus. „Ein, zwei Monate noch“ – dann will er nicht mehr darauf angewiesen sein. Bislang hat er es immer geschafft, seinen Besitz zurückzuholen. Bei vielen klappt das nicht: Thomas Käfer versteigert alle zwei Monate um die 600 Gegenstände, das schreibt das Pfandleihgesetz vor. Willkommener Nebeneffekt: Sein Lager quillt nicht über.

Ein Donnerstagvormittag, Versteigerung im Leihhaus. Auf Tischen liegen unzählige Ketten und Ringe, daneben Playstations und Laptops. 50 Besucher sind da, die meisten sind Händler. Boki Lovic, 19, und sein Spezl wollen eine Kette schätzen lassen – und auf Schnäppchen bieten. Sie interessieren sich für ein günstiges Smartphone, aber am Ende schlagen sie doch nicht zu. Lovic sagt: „Es ist komisch, wenn man dran denkt, dass es jemand unfreiwillig abgeben musste.“ So läuft dieses Geschäft seit hunderten Jahren.

So funktioniert die Pfandleihe

Rund eine Million Menschen nutzten 2015 Pfandleihe. Bundesweit gibt es etwa 220 Leihhäuser, in München sind es 14. Das Prinzip: Kunden geben einen Gegenstand ab und erhalten einen Teil des Werts. Der Pfandleiher achtet auf den reinen Material- oder Wiederverkaufswert und zieht einen Sicherheitsabschlag ab. Für Darlehen, Zinsen und Gebühren haftet – anders als bei anderen Krediten – nicht der Kunde, sondern nur das Pfand. Daher erhalten Kunden weniger Geld, als sie beim ursprünglichen Kauf des Gegenstands gezahlt haben. Besonders groß ist die Differenz bei technischen Geräten wie Laptops oder Smartphones – weil der Pfandleiher das Risiko eines Wertverlustes trägt. Das Leihgeschäft geht zunächst über drei Monate, solange man nicht auslöst. Jeden Monat fallen für den Kunden festgeschriebene Kosten an – für Zinsen, Verwaltung und Lagerung. Bei 100 Euro sind es 3,50 Euro. Mit Zahlung der bisher angefallenen Kosten können Kunden die Leihe beliebig oft verlängern. Schafft es ein Kunde nicht, sein Pfand auszulösen, wird es nach einer Frist versteigert. Vom Erlös behält das Leihhaus den Pfandbetrag sowie Kosten für Verwaltung und Lagerung. Den Rest bekommt der Kunde – oder der Staat, falls der Kunde nicht auffindbar ist.

Sebastian Raviol

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