Die neuen Sitzgelegenheiten in der Sendlinger Straße werden gut angenommen, Autofahrer aber verirren sich gelegentlich noch in die Fußgängerzone.

Seit vier Wochen läuft die Probe

Sendlinger Straße: Fußgängerzone mit Anlaufproblem

München - Seit vier Wochen ist die Sendlinger Straße für Radler und Autofahrer gesperrt. Für ein Jahr wird sie zur Fußgängerzone auf Probe. Doch bislang zeichnet sich so manches Problem ab. 

Seit vier Wochen ist die Sendlinger Straße für Radler und Autofahrer gesperrt. Für ein Jahr wird sie zur Fußgängerzone auf Probe. Doch bislang zeichnet sich manches Problem ab: Radler sausen durch die Straße, Fußgänger verstehen die Neuregelung nicht – und viele Anlieger sind unzufrieden mit dem Konzept.

Die Sonne scheint, ein paar Wolken ziehen über den blauen Himmel. Jugendliche strömen die Sendlinger Straße entlang, eine Gruppe spanischer Touristen quetscht sich in die Asamkirche. Passanten flanieren die Gehsteige entlang. Die Straße ist fast leer, obwohl man längst darauf spazieren darf – sie ist seit vier Wochen eine Fußgängerzone.

Den meisten Radlern ist das egal, sie fahren die Straße entlang. Von 9 bis 21 Uhr müssten sie eigentlich schieben. Manche fahren vorsichtig, manche kurven freihändig zwischen Passanten durch. Ein Autofahrer aus dem Ostallgäu verirrt sich in die Straße. Nach wenigen Metern bemerkt er seinen Irrtum und biegt langsam in eine Seitenstraße ab. „Die Stimmung ist komisch, seit es eine Fußgängerzone ist“, sagt Wolfram König von der Buchhandlung Texxt. „Alle gehen trotzdem auf dem Gehweg.“ Glücklich sei er nicht mit der Neuregelung. „Wir müssen erst mal abwarten.“

Das sieht Wolfgang Fischer, Chef des Einzelhandelsverbandes CityPartner, ähnlich. „Es dauert seine Zeit, bis sich das einspielt.“ Von den Geschäftsleuten und Gastronomen, mit denen er gesprochen habe, habe er ein positives Echo erfahren, sagt Fischer. Es sei auch festzustellen dass spürbar mehr Touristen in den unteren Teil der Sendlinger Straße strömten, seit dort eine Fußgängerzone gilt.

Unterdessen gehen vor der Buchhandlung zwei Polizisten Streife. Sie stoppen Radler, fordern sie auf, abzusteigen. „Wir hören immer die gleichen Ausreden“, sagt einer der beiden Beamten. „Aber man darf hier auch nicht in Schrittgeschwindigkeit fahren.“ In der neuen Fußgängerzone am Marienplatz seien die Radler aber ein noch viel größeres Problem, meint der andere. Kaum sind die Polizisten weg, geht es schon wieder los: Zwei Rennradler rasen zwischen Touristen durch, ein Autofahrer aus Eichstätt trifft auf mehrere Passanten und will, dass die Fußgänger auf die Seite gehen. „Fußgängerzone, Mann!“, grantelt ihn eine ältere Dame an und schüttelt den Kopf.

Bettina Rexer ist Sprecherin der Bürgerinitiative „Pro Sendlinger Straße“. Die Initiative, der Anwohner und Anlieger angehören, stand dem einjährigen Test von Beginn an skeptisch gegenüber. Rexer sagt: „Wir müssen uns nun damit abfinden.“ Dass die städtische Verkehrsüberwachung aber sogar Strafzettel an Radfahrer verteile – das Bußgeld beträgt 15 Euro – hält sie für „ungeheuerlich“. Auf der Sendlinger Straße sei viel Platz. „Radfahrer können da locker durchfahren“, findet Rexer. „Eine komplette Fußgängerzone ist eine harte Maßnahme, wenn man die Frequenz sieht.“ Sie habe schon oft erlebt, dass Radfahrer erbost reagierten, wenn sie eine Strafe aufgebrummt bekämen. Eine weitere Erfahrung Rexers: „Anwohner, die mit dem Auto einfahren, weil sie einen Berechtigungsschein haben, werden häufig von Passanten angemotzt.“ Ausnahmeregelungen gelten außer für Anwohner auch für mobilitätseingeschränkte Patienten der an der Straße liegenden Arztpraxen, für Pflegedienste und für Lieferanten im Zeitraum von 22.30 bis 10.15 Uhr.

Ein Paketbote fährt seine Runde. „Alle Paketboten fahren hier illegal durch“, sagt Stefan Lindner vom Juwelier Fridrich. Auch hier wären Sonderregelungen wichtig, sagt der Geschäftsmann. Seine Meinung zur Fußgängerzone? Man müsse abwarten, wie sich die Testphase auf die Kundenfrequenz auswirke, sagt Fridrich. Die Fußgängerzone fördere nur die Laufkundschaft, erklärt wiederum Ole Geelhaar von Optik Paradies. „Die paar Parkplätze hätten sie uns ruhig lassen können.“

An diesem sonnigen Nachmittag durchqueren in einer Stunde neun Autofahrer, die meisten mit Münchner Kennzeichen, und 81 Radler die Fußgängerzone. Das Kreisverwaltungsreferat (KVR) kontrolliert nach einer Schonfrist seit einer Woche. Laut KVR-Sprecher Johannes Mayer erhielten in diesem Zeitraum 71 Radler und drei Autofahrer ein Bußgeld, Falschparker sei bisher kein einziger erwischt worden. „Für uns läuft der Versuch bislang unproblematisch“, erklärt Mayer.

In einem Jahr will der Stadtrat aufgrund der Erfahrungswerte entscheiden, ob die Straße in ihrem gesamten Verlauf dauerhaft gesperrt werden soll. Das KVR hat vor der Einführung der Fußgängerzone sowohl Passanten- als auch Verkehrszählungen im Umfeld der Straße vorgenommen. Diese Erhebungen würden nach einer Eingewöhnungszeit voraussichtlich ab Herbst 2016 noch einmal durchgeführt, um Veränderungen erfassen und bewerten zu können.

Emil Nefzger und Klaus Vick

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