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Blick auf den Stachus, hier im Jahr 2003.

Münchner Alltagsfrage

Warum nennt man den Karlsplatz eigentlich Stachus?

München - Bis heute konnte sich die offizielle Bezeichnung Karlsplatz unter den Einheimischen nicht durchsetzen. Sogar an der S-Bahn, U-Bahn und Trambahn haben die Haltestellentafeln mit der Aufschrift „Karlsplatz“ die Ergänzung „Stachus“. Doch woher kommt diese Bezeichnung?

Wie bei Herrn Harras und Herrn Flaucher, nach denen ein Verkehrsknotenpunkt in Sendling beziehungsweise eine Parkanlage an der Isar benannt sind, geht diese Bezeichnung auf einen Gastwirt zurück. Eustachius Föderl betreibt Anfang des 18. Jahrhunderts am heutigen Kaufhof- Standort den „Stachus-Garten“. Man geht also „zum Stachus“.

Als der Platz, der ursprünglich Neuhausertorplatz heißt, 1797 zu Ehren von Kurfürst Karl Theodor umbenannt wird, weigern sich die Münchner, ihren Stachus plötzlich Karlsplatz zu nennen. Eine Ehrerweisung an den unbeliebten Kurfürsten? Das wäre ja noch schöner! Obwohl Karl Theodor die Stadtmauer abreißen und den Englischen Garten anlegen ließ sowie den Hofgarten und den Nymphenburger Park für die Öffentlichkeit freigab, haben ihm die Münchner nie verziehen, dass er seinerzeit Bayern an die Österreicher verschachern wollte. Es ist einer mutigen Frau zu verdanken, dass Bayern in Händen der Wittelsbacher blieb.

Von Anfang an hasst Karl Theodor Bayern. München findet er viel zu eng. Am liebsten würde er seine wirtschaftlich und kulturell blühende Residenzstadt Mannheim nie verlassen. Doch 1777 muss der Wittelsbacher das Kurfürstentum Bayern übernehmen. „Jetzt sind die guten Tage vorbei“, klagt der Erbfolger. Elf Jahre später haut er nach einem Streit mit dem Münchner Rat samt Hofstaat ab nach Mannheim.

Bald darauf der nächste Eklat: Nach seiner Rückkehr an die Isar zwingt er den Münchner Rat, sich vor seinem Abbild zu verneigen. Auch diese Erniedrigung kreiden ihm die Münchner aufs Heftigste an. Als Karl Theodors erste Frau kinderlos stirbt, bittet er das Kaiserhaus um Mithilfe bei der Brautschau. Ein Thronfolger muss erst noch geboren werden. Die Wahl fällt auf Maria Leopoldine, gebürtige Erzherzogin aus der Linie Österreich-Este. Im Alter von 18 Jahren wird sie mit dem 71-jährigen Kurfürsten verheiratet. Dieser Schachzug soll die Erbfolge der wittelsbachischen Nebenlinie Pfalz-Zweibrücken in Bayern verhindern und den bisher erfolglosen Wiener Tauschplänen zum Erfolg verhelfen.

Schon lange zuvor hatte Karl Theodor in Geheimverhandlungen den Habsburgern sein unerwünschtes bayerisches Erbe im Tausch gegen die österreichischen Niederlande angeboten. Ihm schwebt ein wittelsbachisches Königreich Burgund im Norden vor – mit den Schwerpunkten Mannheim, Düsseldorf und Brüssel. Für Maria Leopoldine ist die Heirat ein Albtraum. Ihr Unglück kommentiert sie mit den Worten: „Gottlob, dass er schon so alt ist.“ Im Volksmund spottet man in Reimform: „O lieber Herr und Heiland, was schickt der Herr aus Mailand, eine schöne Frau für unsre alte Sau.“ Mit Freiheitsdrang und Liebesaffären führt die lebenslustige und ideenreiche Frau einen Kleinkrieg mit dem unerwünschten Ehemann. 1799 erleidet der beim Kartenspielen einen Schlaganfall. Wien schickt einen Gesandten, um am Sterbebett die Unterschrift unter den Tauschvertrag zu erhalten.

Doch nun rächt sich die 22-jährige Kurfürstin: Eisern verweigert sie dem Unterhändler den Zugang zum Sterbezimmer. Der Kurfürst stirbt nach viertägigem Todeskampf, ohne ein Testament zu hinterlassen. Bayern ist im Freudentaumel. Nach 22 Jahren sind die Bürger den verhassten Machthaber los. Ohne Erbfolgekrieg ermöglicht die junge Witwe einen Machtwechsel und ebnet dem Kurfürsten- Neffen Max Joseph, den sie immer gut leiden konnte, den Weg.

Umjubelt von einer erleichterten und begeisterten Menschenmenge erlebt der neue Herrscher bei seinem Einzug nach München einen großen Triumph. Sein Sohn König Ludwig I. bleibt Maria Leopoldine, die einen italienischen Grafen heiratet und als tüchtige Geschäftsfrau Karriere macht, zeitlebens dankbar. In einem Trinkspruch lässt er sie als Retterin Bayerns hochleben. Nach einem solchen Stadtkapitel pfeifen die Münchner auf die offizielle Bezeichnung des Areals vor dem westlichen Stadttor, das Karl Theodor zu Ehren den Namen Karlstor trägt.

„Stachus“ gibt es auch in anderen Gemeinden

Inzwischen haben zahlreiche bayerische Gemeinden mit einem Verkehrsknotenpunkt umgangssprachlich einen „Stachus“. Denn früher war der Münchner Stachus einer der verkehrsreichsten Plätze in ganz Europa. So hat sich in und um München die Redewendung eingebürgert: „Da geht’s ja zu wie am Stachus!“

Corinna Erhard

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