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Wohnt seit 63 Jahren im Lehel: Gabriele Staudinger.

Auf Spurensuche in der Altstadt

Der Stadtrat gibt das Lehel auf – was sagen die Bewohner?

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München - Im Lehel ist der Kampf für bezahlbare Mieten nach Ansicht des Stadtrates vorbei. Das Lehel stirbt, heißt es. Stimmt das?

Die Stadt gibt das Lehel auf. Dort gebe es ohnehin keine Normalverdiener mehr, deren Zuhause man vor Spekulanten und Luxussanierern schützen muss. Also fällt die Erhaltungssatzung für Altstadt und Lehel – das Instrument, das der Stadt ein Mitsprache- und Vorkaufsrecht sicherte.

In anderen Vierteln gibt es die Spekulanten-Bremse noch: Glockenbach, Haidhausen, untere Au, Sendling. Im Lehel ist der Kampf für bezahlbare Mieten nach Ansicht des Stadtrates vorbei. Das Lehel stirbt, heißt es. Stimmt das? Was sagen die Bewohner dazu? 22.000 Menschen leben in Lehel und Altstadt. Eine Spurensuche im Viertel der Totgesagten.

Bitter! Rauswurf nach 63 Jahren

Gabriele Staudinger (siehe Foto oben) wohnt seit 63 Jahren in der St.-Anna-Straße 16 im Lehel, sechs Etagen, neun Parteien. Jetzt sitzt sie auf ihrem Bett, die Hand auf einem gepackten Koffer. Staudinger ist die Letzte im Haus. „Ich überleb’ das nächste Jahr nicht.“ Es ist die Wohnung ihrer Eltern, sie hat ihre Kindheit hier verbracht. Ihr Leben. „Jede Schublade kenn ich“, sagt Staudinger und vergräbt ihr Gesicht tief im Rollkragen ihres Pullovers.

Am Faschingdienstag sollte sie ausziehen, der Vermieter hat ihr ein paar Tage Aufschub gewährt. Galgenfrist, sagt Staudinger. Der Vermieter hat ihre eine Abfindung gezahlt, eine Ersatzwohnung ein paar Straßen weiter besorgt, den Umzug organisiert und bezahlt. Was mit St. Anna 16 passiert, will der Vermieter noch nicht sagen. Sanierung? Abriss? Eigentumswohnungen sollen werden.

Dem Vermieter sei sie nicht böse. „Die Stadt hat mich allein gelassen“, sagt Staudinger. Durchs Küchenfenster blickt sie auf die Kirche. Wenn sie am Wohnzimmerfenster steht, winken Freunde und Bekannte von der Straße herauf. In dieser Wohnung, in diesem Viertel sei sie tief verwurzelt, sagt Staudinger. „Jetzt reißen sie mir meine Wurzeln raus.“

Wenn sie in die Zukunft schaue, sagt Staudinger mit leiser Stimme, sehe sie nichts. Freunde hätten ihr zu einer Kreuzfahrt geraten. Dafür seien Abfindungen doch da. „Was soll ich da?“ Es geht ihr nicht darum, irgendwohin zu gehen. Sie will bleiben.

In ihrer Wohnung stapeln sich 3000 Bücher. Kochbücher, Hemingway, Hesse. Die Seniorin sieht auf dem Fenster, dorthin, wo bald ihr Zuhause sein soll. Sie flüstert: „Wie hat Hesse gesagt: ‚Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne‘. Sie ballt ihre dünnen Finger zur Faust. „Scheiß auf den Zauber.“

Arme sollen wohl weg

Pater Markus (79) kennt das Viertel seit fast 60 Jahren, er sagt: „Luxussanierung und Zweckentfremdung haben sich hier ausgebreitet wie ein Geschwür.“ In seinem Urteil ist der Franziskanermönch eindeutig: „Über all die Jahre habe ich das Bemühen beobachtet, die Armen aus dem Lehel zu kriegen.“ Hier seien zwar nie „zerlumpte Gestalten“ herumgelaufen, aber die Not der Menschen sei trotzdem echt und drängend gewesen. Elf Jahre lang zog Pater Markus für die Armenhilfe im Viertel umher, versorgte Kranke mit Medikamenten, half, wenn kein Öl zum Heizen da war.

Heimat seit 59 Jahren: Pater Markus vor dem Kloster St. Anna.

Das Lehel stirbt, das sagt auch Pater Markus. „Die kleinen Läden verschwinden, Bäckereien, Metzger, die Familien ziehen weg, die einfachen Menschen.“ Für ihn sind das Symptome eines langsamen Todes.

Trotzdem gebe es sie noch, die Normalverdiener und Alteingesessenen, die den Schutz der Stadt jetzt dringender benötigten denn je. Pater Markus weiß: „Ein Viertel, das sich nicht verändert, stirbt – das stimmt. Aber: So wie sich das Lehel wandelt, stirbt es ebenfalls.“

Emma-Laden: Wird bald saniert?

Elfriede Manz ist 83, Aufhören ist keine Option. Seit 51 Jahren führt sie einen Laden in der Triftstraße, verkauft den Menschen im Lehel Schulhefte, Zigaretten und Zugfahrkarten, wäscht deren Wäsche – und: ratscht für ihr Leben gern. „Ich bleib so lange, wie es geht!“

Ihr Tante-Emma-Laden ist der letzte im Viertel. Wie lange es den noch geben wird, weiß Manz nicht. Das Haus soll saniert werden, weiß sie aus sicherer Quelle. Offiziell habe ihr das aber noch niemand gesagt.

Elfriede Manz (83) in ihrem Laden in der Triftstraße.

„Das Viertel stirbt aus“, sagt Manz. Auch ihr Laden. „Meine kleine Rente reicht gerade für die Krankenkasse, ich brauche das Geld – auch wenn es nicht viel ist.“ Sie lebe von „treuen Kunden“ – und die würden immer weniger. „Das Publikum hat sich verändert – viele Anwälte und Geschäftsleute.“

Die Schuld am Niedergang sieht sie nicht nur bei gierigen Vermietern. „Die Leute kaufen lieber im Internet oder im Großhandel. Und bei uns drehen sie jeden Cent dreimal um!“

So verschwänden die kleinen Läden, sagt Manz. „Und die Leut sind selber schuld!“

Tobias Scharnagl

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