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„Die Sache war ekelhaft“: Bozidar S. mit seiner Anwältin vor Gericht.

Prozess nach 31 Jahren

Homo-Mord: „Ich wollte nicht töten“

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31 Jahre nach dem Mord an einem schwulen Rentner gehen die Versionen darüber, was sich damals ereignete, komplett auseinander. Die Anklage sieht Habgier im Spiel, der Angeklagte behauptet, er sei damals das eigentliche Opfer gewesen.

München - Der Serbe Bozidar S. (56) sitzt seit gestern auf der Anklagebank des Münchner Landgerichts – 31 Jahre nachdem er den homosexuellen Rentner Franz S. (†80) in dessen Wohnung brutal erschlagen haben soll. Seine DNA-Spur hatte ihn im vergangenen Jahr in Wien überführt. Jetzt droht S. lebenslange Haft.

Der Fall ist so grausam wie spektakulär. Am Abend des 17. Januar 1986, heißt es in der Anklage der Staatsanwaltschaft, soll Bozidar S. vermutlich am Rosenheimer Platz Franz S. kennengelernt und dessen Vertrauen gewonnen haben. Der Rentner war auf der Suche nach Sex mit einem anderen Mann. Bozidar S. soll das Verlangen des Seniors ausgenutzt und ihm seine Liebesdienste angeboten haben. Die Abmachung: Sex gegen Geld und Essen. Doch in der Wohnung von Franz S. an der Auerfeldstraße (Au) soll die Situation gegen 21.45 Uhr eskaliert sein. Kurz vor dem Liebesakt – der Rentner lag bereits halbnackt auf seinem Bett – soll Bozidar S. mit einem gläsernen Aschenbecher auf den Schädel des Opfers eingeschlagen haben. Danach habe er mit dem Geldbeutel des 80-Jährigen die Wohnung verlassen.

Franz S., das ergab die Autopsie, starb qualvoll. Die wuchtigen Schläge mit dem Aschenbecher hatten sein Nasenbein und Teile des Schädels zertrümmert. Auch massive Gehirnblutungen stellten die Rechtsmediziner fest. Gegen 1.30 Uhr – knapp dreieinhalb Stunden nach dem Angriff – erstickte Franz S. an seinem eigenen Blut.

„Ich kam mir vor wie ein eingesperrtes Tier“

Für die Staatsanwaltschaft sind mit Heimtücke und Habgier zwei wesentliche Mordmerkmale erfüllt. Zwar schweigt Bozidar S. vor Gericht zu den Vorwürfen, gegenüber dem psychiatrischen Gutachter Dr. Cornelis Stadtland äußerte sich der Serbe aber bereits in einem Vorgespräch – und leugnet dabei jegliche Tötungsabsicht. Auch ausgeraubt habe er den Rentner nicht. Vielmehr sei er an jenem Abend auf der Suche nach einer Schlafmöglichkeit gewesen. In Franz S. habe er einen großzügigen alten Herrn gesehen. Als er in dessen Wohnung begriffen habe, was er als Gegenleistung erbringen soll, habe er die Wohnung verlassen wollen. Doch der liebestolle Rentner habe alle Türen verschlossen. Bozidar S.: „Die Sache war ekelhaft. Ich kam mir vor wie ein eingesperrtes Tier.“ Homosexuelle Kontakte habe er noch nie gepflegt, erklärte S. gegenüber Stadtland: „Ich hasse Drogenabhängige, Schwule und Terroristen.“ In seiner ausweglosen Situation habe er zum Aschenbecher gegriffen, sagt der Angeklagte. Wie oft er zugeschlagen habe, wisse er nicht mehr. Jahrelang habe ihn die Tat gequält.

Zwei Jahre später sagte S. angeblich der Polizei in Belgrad, dass er 1986 einen Mann in München verletzt habe. Doch die serbischen Beamten hätten gesagt, es liege kein Haftbefehl gegen ihn vor. Mit der Verhaftung habe er nicht mehr gerechnet, sagt Bozidar S. – bis zum 31. Oktober 2016, 31 Jahre nach der Tat. Jetzt sagt S.: „Ich sehe ein, dass ich dafür bestraft werden muss.“

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