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Aus einer Zucchini werden Fäden: Alexander Knötig zeigt Horst und Annemarie Bayern sein Werkzeug.

In der Neuheitengasse

Zu Besuch bei den Verführern von der Auer Dult

München - Auf der Auer Dult ist ab sofort wieder ein faszinierendes Schauspiel zu beobachten. In der Neuheitengasse verführen Marktverkäufer die Passanten innerhalb weniger Minuten. Oft kaufen sich die Besucher Gemüsehobel, Fensterputzer oder Messerschleifer, die sie nicht zwingend brauchen. Aber warum?

Alexander Knötig (60) ist Verkäufer. Und zugleich Verführer. Mit seinem selbst entwickelten Gemüsespitzer „Wok Solution“ lockt er die Besucher der Auer Dult – ganz ohne Worte. Knötig nimmt eine Zucchini in die Hand und dreht sie in den überdimensionalen Spitzer. Lange Fäden bilden sich – breit, schmal, gekringelt, je nach Spitzer. Eine Menschentraube bildet sich innerhalb weniger Sekunden. Etwa 15 Leute stehen vor ihm. Knötig weiß: Er muss jetzt gleich etwas sagen, sonst gehen alle weiter. Das Theater in Dauerschleife kann beginnen. Ein Souffleur am Bühnenrand würde jetzt nach dem Einsatz verlangen.

Um Knötigs Hals hängen ein Zucchinifaden und ein Karottenfaden. Er witzelt: „Sonst noch einer ohne Fahrschein?“ Jetzt hat er die Aufmerksamkeit gänzlich. „Unser Töchterchen macht Diät. Low Carb! So heißt das ja auf Neudeutsch. Mit dem Gemüsespitzer können Sie Zucchini-Nudeln machen!“, sagt er. Die Leute schauen gebannt auf die hauchdünne Zucchini-Spirale. Von der ursprünglichen Gemüseform ist nicht mehr viel übrig. „Jetzt nehmen wir den Restehalter!“, sagt Knötig. Er sticht den Restehalter auf den Gemüsestummel, um eben den letzten Rest durch den Spitzer zu jagen, aber nicht per Hand.

Es ist der Höhepunkt in Knötigs Show. Er greift zum Akkubohrer, hält ihn erst wie eine Waffe in die Höhe und steckt dann Restehalter und Bohrer zusammen. Er drückt auf den Abzug des Bohrers, reißt seinen Mund und seine Augen auf. Seine Zunge ist zu sehen. Ein Moment des Wahnsinns bricht aus ihm heraus. Ein kurzes Surren – und der letzte Rest Zucchini ist in Sekunden zu Ende gespitzt. „Nee, oder!?“, murrt ein Mann mit schwarzem Hut. Die Leute greifen nach ihrem Geldbeutel: „Zwei Mal lila, einmal blau bitte“. Drei Spitzer 30 Euro. Geldscheine fliegen durch die Luft. Knötig nimmt etwa 150 Euro ein. Die Traube verschwindet. Knötig wischt die Gemüsereste von seinem Tisch und schält eine Karotte.

Gemüsehobel-Spezialist: Dieter Helmberger wirbt auch im Fernsehen.

„Ich spüre, was die Leute brauchen“, sagt Knötig. Doch brauchen die Leute Produkte wie den Gemüsespitzer, wirklich? Muss man Zucchini unbedingt in 0,5 Millimeter dünnes Lametta formen? Oder an einem anderen Stand: Muss man einen riesigen Weißkohl mit dem Vierfach-Hobel in weniger als zehn Sekunden in Längsstreifen schneiden können? Die Antwort kann nur jemand geben, der schon einmal so etwas gekauft hat. Jemand, der Knötigs Gemüsespitzer mit diamantgeschliffenen Messern 2015 spontan mitnahm – so wie Annemarie Bayer, 63.

Hat Bayer den Spitzer seither regelmäßig verwendet? „Nein, nie“, sagt die Immobilienkauffrau. Ihr Mann, Horst Bayer (72), Immobilienverwalter, widerspricht. „Einmal hast doch die Zucchini-Nudeln gmacht“, sagt er. „Ach stimmt“, sagt sie. „Aber seitdem liegt das Ding herum.“ Ob sie den Kauf bereue? „Nein, funktioniert ja. Aber meistens nehme ich doch das griffbereite Messer. Ich wusste auch nie genau, wie ich das gespitzte Gemüse zubereiten soll“, sagt sie. „Wir zahlen hier gerne für die Show, wenn jemand sein Produkt gut beherrscht“, sagt Horst Bayer, ein Mann, der seit Kindesbeinen zur Auer Dult kommt. Schon als Kind, an der Hand seines Vaters, besuchte er den Münchner Markt. „Ich glaube, ich bin schon zum 50. Mal da“, sagt Bayer.

An der Naivität von Besucher-Neulingen kann es also nicht liegen, dass die Eheleute Bayer über all die Auer-Dult-Jahre Gegenstände wie den Gemüsespitzer, Schuhputzmittel, Fensterabzieher oder ein Blumengestell gekauft haben. Dinge also, die sie zu einem großen Teil fast nie verwenden. Sie lassen sich aber immer wieder – und scheinbar gerne – verführen. Annemarie Bayer hat ein Gegenmittel entdeckt, um zu widerstehen, eine Art Selbst-Maßregelung: „Dieses Jahr habe ich nur 20 Euro eingesteckt. Mehr kann ich also nicht ausgeben. So ist die Gefahr geringer, dass ich mir etwas kaufe, das ich gar nicht brauche.“ Die Bayers ziehen weiter. Sie sind auf der Suche nach einem speziellen Magnethalter.

Großer Andrang: Zu den Shows mancher Verkäufer drängeln sich dutzende Auer-Dult-Besucher vor den Ständen.

Von nebenan nähert sich Dieter Helmberger (58). „Servus!“ Helmberger hat die Stimmlage einer Motorsäge, ein Mann mit Glatze und von der Statur her Ringe. Er , ölt seine Kehle gerade mit einem Zigarillo. Helmberger lobpreist ein paar Stände weiter Gemüsehobel-Varianten, insbesondere den rasiermesserscharfen Vierfachhobel. „Wir zahlen hier Standmiete, haben Kosten, die wir erst einmal wieder reinholen müssen. Wir verschnitzen täglich Gemüse im Wert von 50 Euro. Natürlich animieren wir die Leute zum Kauf“, sagt Helmberger. Er hat viel Erfahrung. Den Beruf brachte ihm sein Vater bei. Helmberger tritt auch bei „Home Shopping Europe“ im Fernsehen auf. „Damit das klar ist: Wir verkaufen keinen Schrott. Wer das behauptet, erzählt O-ber-kä-se!“, sägt er und zündet sich gleich mal den nächsten Zigarillo an. „Wir kommen jedes Jahr zur Auer Dult. Und unsere Kunden vom Vorjahr sind ja auch wieder da. Denen muss ich doch in die Augen schauen können!“

Helmberger geht zu seinem Stand zurück. Die Leute auf der Auer Dult wollen von Neuem verführt werden.

Die Auer Dult hat bis kommenden Sonntag, 8. Mai, täglich von 10 bis 20 Uhr (Schausteller 10.30 bis 20 Uhr) geöffnet. Die Jakobidult (Sommer-Dult) findet von 30. Juli bis 7. August und die Kirchweih-Dult von 15. bis 23. Oktober statt.

Hüseyin Ince

 

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