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Nachbarn schlagen Alarm: Sie wehren sich gegen eine dritte Kita auf der Grünfläche an der Münsinger Straße in Obersendling.

Interview über bedenkliche Entwicklungen

Jurist fordert Aufbegehren gegen Flächenfraß in München: „Bürger müssen Druck aufbauen“

Die Stadt München verändert ihr Aussehen immer mehr. Das freut nicht jeden. Auch der Aubinger Verwaltungsjurist Reinhard Sajons fordert eine Reaktion auf die vielen Bauprojekte.

München - Der Aubinger Verwaltungsjurist Reinhard Sajons (76) spricht im Interview über die bedenklichen Entwicklungen in der Stadt, was altgewachsene Strukturen, Schutz der Ortskerne und Grünflächen betrifft.

Herr Sajons, warum wurde die Sollner Villa bislang nicht unter Denkmalschutz gestellt?

Sajons: Zum einen, weil das Landesamt für Denkmalpflege der Auffassung ist, dass das Gebäude durch einige Umbauten seinen schützenswerten ursprünglichen Charakter verloren hat. Zum anderen gibt es ein weiteres Problem: Denkmal kann ein Gebäude auch wegen seiner „geschichtlichen Bedeutung“ sein. Hier konkret als langjährige Wohn- und Arbeitsstätte eines berühmten evangelischen Theologen. Für das Amt ist diese historische Bedeutung aber nicht „ablesbar“. Für uns aber schon.

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Tut die Stadt zu wenig, um Schützenswertes zu erhalten?

Sajons: Es ist nicht so, dass die Stadt hier nichts täte. Mit den denkmalrechtlichen Instrumenten ist die Stadt in letzter Zeit deutlich strenger geworden. Sie könnte aber noch um einiges mehr tun.

Zum Beispiel?

Sajons: Es gibt in den Baugesetzen mehr Instrumente für das Erhalten und Bewahren von Lebensqualität, so die städtebauliche Erhaltungssatzung, nach Paragraf 172 Baugesetzbuch, um ein Gebiet aufgrund seiner städtebaulichen Gestalt zu schützen. Diese Satzungen sind nicht zu verwechseln mit den Erhaltungssatzungen für den Milieuschutz, die die Stadt - was sehr positiv ist - häufig anwendet. Von den städtebaulichen Erhaltungssatzungen gibt es dagegen in München nicht eine einzige. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten, auch großen, die dieses Instrument erfolgreich verwenden. Keines der Instrumente wie die einfachen Bebauungspläne, wie die städtebaulichen Erhaltungssatzungen, wie Gestaltungssatzungen, ist für sich ein Allheilmittel für Lebensqualität in der Stadt. Aber sie können, richtig angewendet, deutlich dazu beitragen.

Reinhard Sajons sorgt sich um das Münchner Stadtbild.

Können Sie Beispiele nennen, wo man die städtebauliche Erhaltungssatzung anwenden sollte?

Sajons: 

Zum Beispiel in der vom Abriss bedrohten Eggartensiedlung in der Lerchenau, beim ehemaligen Probengelände an der Harthauser Straße oder an der Traminer Straße in Harlaching, wie es das Bündnis Gartenstadt fordert. Hier könnte neben Erhaltungssatzungen auch die Aufstellung einfacher Bebauungspläne helfen, welche die Stadt in bebauten Gebieten nur äußerst ungern anwendet. Baurecht besteht in solchen innerstädtisch bebauten Gebieten nach Paragraf 34. Der aber ist ziemlich weich und von Zufälligkeiten der bestehenden Gebäude in der Umgebung abhängig. Was fügt sich dann in diese Umgebung ein und was nicht? Danach richtet sich, was hindarf.

Warum stellt die Stadt in bebauten Gebieten kaum Bebauungspläne auf, wenn man so die bestehenden Siedlungen besser schützen könnte?

Sajons: 

Die Aufstellung von Bebauungsplänen ist zeitaufwendig, personalintensiv und damit teuer. Da ist es verständlich, dass die Stadt dort nur widerwillig mit solchen Instrumenten arbeitet, die zudem für die Erreichung des Gesamtziels eher hinderlich sind. Es darf aber nicht so sein, dass Bauen und Profit für die Investoren Vorrang haben gegenüber dem Erhalt von Lebensqualität in vorhandenen Vierteln. Und dazu kommen in diesen Vierteln noch die immer größer werdenden Probleme mit weniger werdenden Gartenflächen und Bäumen, mit zunehmender Verkehrsproblematik durch die Verdichtung und benötigter Infrastruktur wie Kindergärten und Schulen. Gerade in Zeiten des immer spürbarer werdenden Klimawandels wie gerade in diesen Wochen braucht es eher mehr Grünflächen als weniger, mehr Bäume als weniger wie es jetzt der Fall ist, mehr Beachtung des Stadtklimas.

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Was können Bürger im Kampf gegen den zunehmenden Flächenfraß tun?

Sajons: 

Bürger, Initiativen und Vereinigungen, die allesamt in diesen Bereichen tätig sind, oft aber nur auf den örtlichen Einzelfall bezogen, können gemeinsam Druck auf Verwaltung und besonders die Politik aufbauen, um unsere Ziele durchzusetzen. Dadurch entsteht endlich Gegendruck gegen den Einfluss von Kapital und Investoren. Das wird nicht einfach gehen, aber es muss gelingen. Das Bewusstsein vieler Mitbürger entwickelt sich gerade stark in diese Richtung.

Auch in Berg am Laim protestieren die Anwohner - gegen ein Wohnbauprojekt an der Truderinger Straße.

Interview: Daniela Schmitt


Sollner Villa von Abriss bedroht: So kämpfen die Bürger um die Gartenstädte

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