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Drei Jobs, die selbe Heimat: Oliver Halbig, Martin Schütz und „AJ“ Aylwin James Jacobs (v. li.) lieben ihr Werksviertel.

Neue Top-Adresse hinter dem Ostbahnhof

Staunen im Münchner Werksviertel: Ein Stadtviertel wie aus dem Märchen

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Erst hat Pfanni hier Knödel gerollt, dann hat halb Oberbayern im Kunstpark das Feiern geübt. Jetzt entsteht auf dem riesigen Gelände hinterm Ostbahnhof etwas völlig Neues – ein Trendviertel, das die Zukunft des Lebens, Arbeitens und Wohnens austesten will. Ein Besuch im Münchner „Werksviertel“.

München – Sie haben es vorsichtshalber in weißen, fünf Meter großen Buchstaben an eine Fassade geschrieben, was einen hier im Werksviertel gleich hinterm Ostbahnhof erwartet. Was hier gerade passiert. Falls man es nicht kapiert, denn auf den ersten Blick kapiert man es eigentlich nicht. Weil es so anders ist als alles andere unterm weiß-blauen Himmel. An der Fassade des nigelnagelneuen Gebäudes, in das gerade ein Edel-Fitnesscenter samt Hallenbad gezogen ist, steht: AAHHH, darunter OH und im zweiten Stock: PUH. Ausrufe des Staunens und der Freude, wie im Comic.

Aahhh, oh: Das Erstaunen in Buchstaben.

Kürzer kann man dieses neue, über 50 Fußballfelder große Stadtviertel nicht beschreiben. Aahhh, oh, puh. Hier tanzt der Bär. Das Werksviertel, so heißt das Gelände, hat ein eigenes Riesenrad, auf einem der Gebäude grasen Schafe auf dem Dach, es gibt Geschäfte, Bars, Fastfood, syrische Spezialitäten, Wirtshäuser, Graffiti, Handwerk, Kunst, eine Schlager-Disco, Büros, ein Musical-Theater, bald auch Hotels und in einigen Jahren sogar ein Konzerthaus mit 1800 Sitzplätzen.

Vorbild ist das ehemalige Schlachthofviertel von New York

Vorbild ist der Meatpacking District, das ehemalige Schlachthofviertel von New York, jetzt ein weltberühmtes Szeneviertel. Drunter machen sie es hier im Münchner Osten nicht. Hört sich groß an, ist es wahrscheinlich auch. Aber wenn man das Werksviertel begreifen will, muss man zu Menschen wie Aylwin James Jacobs, 49, gehen, den alle nur AJ nennen.

Der Fahrradmechaniker steht steht vor seinem ausgemusterten, 26 Quadratmeter großen Schiffscontainer gleich beim Knödelplatz und dem Maibaum. AJ schraubt an einem alten Radl rum und sagt: „Ich mag die ständige Veränderung. Deswegen ist das genau mein Viertel.“

„Das hier ist ein Viertel, das der Innenstadt Konkurrenz machen wird.“
Fahrradmechaniker Aylwin James Jacobs

Seit September arbeitet er hier in einem der 27 Miet-Container. Davor hatte AJ zehn Jahre lang ein Radlgeschäft am Isartor. „Die ersten acht Jahre waren toll“, sagt er, „aber dann haben in der Straße fünf Traditionsgeschäfte geschlossen – darunter ein Schneider und ein alter Goldschmied.“ Es kamen Luxus-Frisöre und Schickimicki-Läden. „Zuletzt sind fast nur noch SUVs gekommen mit Menschen, die sich einen Haarschnitt für 800 Euro abgeholt haben.“ AJ zog die Reißleine und eröffnete seinen „Radkasten“ im Werksviertel. Bereut hat er es keine Sekunde. Er repariert, verkauft neue und restauriert alte Räder. „Das Werksviertel“, sagt er, „wird der Innenstadt Konkurrenz machen.“

Trendquartier mit vielen Kränen und Baggern

Bald, da muss man kein Prophet sein, wird es in jedem Reiseführer als Top-Tipp stehen. Was AJ besonders gefällt: „Jeder hilft hier jedem.“ Es ist ein Trendquartier mit vielen Kränen und Baggern, in dem ab 2024 auch Wohnungen für über 3000 Menschen entstehen werden und dem man gerade beim Wachsen zuschauen kann. Aber es fühlt sich jetzt schon ein bisschen an wie auf dem Dorf.

Schafe grasen auf dem Dach des Werk 3.

AJ leiht sich beim Schlosser ums Eck öfter Spezialwerkzeug, er macht manchmal Radlreparaturen für den Café-Besitzer und lässt sich in Cappuccino bezahlen. Die meisten Menschen hier duzen sich. Gegenseitig nennen sie sich Siedler, Menschen von außerhalb sind Nomaden. Es hört sich ein bisschen an wie bei einem Brettspiel, vielleicht ist es das auch, was hier gerade passiert: ein gigantischer städtebaulicher Versuch, der Spaß und Profit, Geschäft und Leben, unter einen Hut bringen soll.

„Berlinerischer als hier wird es in München nicht mehr.“
Oliver Halbig vom Gründerzentrum im „Werk 1“

Gerade arbeiten sie an der Einführung einer Siedler-Karte, mit der man Sonderangebote auf dem Gelände bekommt oder exklusive Tickets im Musical-Theater, wenn man nur oft genug bei AJ sein Radl richten lässt, im Wirtshaus „Zum Riederstein“ seine Halbe trinkt oder mit dem größten transportablen Riesenrad der Welt, dem Hi-Sky, fährt, in dem es sogar bayerische Gondeln gibt. Spezialangebot: ein Weißwurstfrühstück hoch über der Landeshauptstadt für sechs Personen, Preis 360 Euro. Die Karte ist so was wie Payback, mit dem Unterschied, dass nur Siedler mitmachen dürfen und Knödel statt Punkte gesammelt werden.

Zwei Gesichter hinter der Vision: Pfanni-Erbe Werner Eckart (re.) und sein 2016 verstorbener Vater Otto (li.) im November 2014 bei der Grundsteinlegung für das sogenannte „Werk 3“.

Ja, Knödel, immer wieder Knödel. Das ist kein Zufall. Pfanni betrieb hier jahrzehntelang „Europas größte Kartoffelküche“, vom Münchner Osten aus eroberten Fertigknödel die Welt. Pfanni-Erbe Werner Eckart, dem ein Großteil des Areals gehört, ist Kopf und Geld hinter dieser städtebaulichen Vision. Sein Motto: den Münchnern ein Stück München zurückgeben. Er hätte das Gelände für viel Geld verkaufen können, aber er wollte gestalten und den großen Wurf wagen.

1996 hat Pfanni hier den letzten Fertigknödel gerollt, danach hat halb Oberbayern im Kunstpark Ost an selber Stelle das Feiern gelernt. Der Ort ist bei Menschen, die Ende der 1990er-Jahre jung waren, eine Legende. Aber eher wegen der Milchbar, dem Babylon und dem Stripclub als der Firmengeschichten von Pfanni, des Motorradherstellers Zündapp oder des Schmierölgiganten Optimol. Alle diese Firmen hatten hinterm Ostbahnhof ihre Werke.

Ewig her. Heute wird hier immer noch gearbeitet – aber es geht um Apps und Games statt um Öl und Kartoffeln. Das „Werk 1“ ist ein 4000 Quadratmeter großes Gebäude, von dem aus Start-ups ihre digitalen Ideen und Produkte in die Welt schicken. Die Wandfarbe im Treppenhaus ist noch pfannirot, ansonsten ist alles anders. 40 Gründer arbeiten in 50 Büros. Eine Finanz-App, die inzwischen 500 Millionen Euro wert ist, wurde hier erfunden. Genauso wie eine App für den Waschkeller. Das Smartphone ersetzt den Münzzähler und man sieht jederzeit, ob man gerade waschen kann.

Hi-Sky, ein Riesenrad für München. Fahrtpreis: 14,50 Euro.

Oliver Halbig, 33, sitzt in einem der Büros, die alle ein bisschen nach Studenten-WG ausschauen. Das bayerische Wirtschaftsministerium unterstützt das „Werk 1“ mit vielen Millionen Euro. Halbig ist Sprecher des laut Selbstbeschreibung startupfreundlichsten Ortes Münchens. Er sagt: „Wir haben im Schnitt im Monat 20 Anfragen von jungen Unternehmen aus Bayern, die zu uns wollen.“

Den meisten muss er absagen. Kein Platz. Auf einem Bildschirm sieht er in Echtzeit, wie viele Menschen gerade einen Arbeitsplatz im „Werk 1“ angemietet haben – 142. Und er sieht, wie viele Kaffees diesen Monat schon an der Kaffeebar verkauft wurden – 2857. Halbig streichelt einen der Hunde, die im Büro rumturnen, und sagt: „Berlinerischer als hier wird es in München nicht mehr.“ Auch das ist das Werksviertel. Heimat der Trendsurfer und die der digitalen Nomaden, die kommen, um zu gehen.

Das Riesenrad im Werksviertel: München hat ein neues Wahrzeichen - alle Infos zum Fahrtpreis und der Fahrtdauer

Es ist Mittagspause. Martin Schütz, 59, trinkt einen Espresso im Guatemuc, einem Café im Werksviertel, das mit original guatemaltekischem Lebensgefühl wirbt. Schütz kümmert sich um eine karitative Stiftung, die der 2016 verstorbene Pfanni-Besitzer Otto Eckart hinterlassen hat. Außerdem betreut er das weltweit einzige Kartoffelmuseum, das auf dem Gelände bald wiedereröffnen soll. In der Sammlung: Weihnachtskugeln und Telefone in Kartoffelform, aber auch Meisterwerke, in der die Kartoffel eine tragende Rolle spielt.

„Das Werksviertel ist eine zweite Heimat für mich geworden“, sagt Schütz. „Ich kenne hier jeden Stein und habe die Wandlung erlebt von einer Industriebrache zu einer lebenswerten Stadt.“ Er hat gesehen, wie sich der Kinderladen, der Schokoladenmacher, der Rollstuhlmacher und die Dax-Unternehmen mit ihren todschicken Vorzeigebüros angesiedelt haben. Er sagt: „Wir wollen kleine, feine Sachen. Wenn einer nur Profit machen will, dann hat er keine gute Karten – alles hier ist handverlesen.“

Die meisten hier sind stolz, ein Teil des Viertels zu sein. Letztes Jahr hat Schütz die Hochbeete am Eingang bepflanzt – mit Kräutern, Gemüse, Schnittblumen. Er hat seine Siedlerfreunde gefragt. „Wer kann mir helfen?“ Sofort stand ein Dutzend Helfer parat. So läuft das hier. „Am Abend“, sagt Schütz, „habe ich immer einen Salat aus den Beeten mit nach Hause genommen.“

Die Kartoffeln sind weg, aber das Gemüse ist geblieben. Eine Geschichte wie aus dem Märchen. Eine Geschichte, die den Unterschied macht zwischen noch einem Münchner Luxusquartier und einer Idee für die Zukunft. Das Experiment hinterm Münchner Ostbahnhof hat gerade erst begonnen. Ausgang, Stand Sommer 2019, völlig offen.

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