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"Hier überbrücken wir die Zeit bis zur Wiesn." Franzi (3.v.l.) mit ihren Arbeitskolleginnen auf dem Nockherberg.

Starkbiersaison

Besuch auf dem Nockherberg: Blau in der Au

München - Es dauert 17 Tage. Und es ist eine Berühmtheit. Das Starkbierfest auf dem Nockherberg gehört zu München wie der Föhn. Nur dass es noch mehr Kopfweh macht. Ein Besuch.

Wenn Starkbier-Bedienung Sieglinde Föhringer, 55, an früher denkt, dann denkt sie an die Gemütlichkeit. Vor 22 Jahren hat sie zum ersten Mal auf dem Nockherberg gearbeitet. Sie hat hier Heiratsanträge bekommen. Sie hat ein paar zehntausend Massen Salvator im Keferloher, Alkoholgehalt heuer 7,8 Prozent, zur Kundschaft getragen. Aber die Gemütlichkeit, findet Sieglinde Föhringer, die ist irgendwie flöten gegangen. Früher, sagt sie, war’s gar nicht komisch, wenn einer nach sieben Starkbier vor lauter Rausch von der Bank runtergekippt ist. Also rücklings runterplumpste vor lauter Gemütlichkeit, wozu heute kaum mehr ein Mannsbild in der Lage ist. Dann hat Sieglinde Föhringer, die im Hauptberuf als Kosmetikerin arbeitet, das Mannsbild aufgehoben, ganz zärtlich und gesagt: „Mei, jetzt trinkst halt noch aus. Aber dann gehst hoam.“

Erfahrene Bedienungen: Sieglinde Föhringer (l.), Margit Müller, Anna Gebendorfer.

Schöne Zeiten. Noch nicht ewig her, aber es kommt einem so vor. Es ist merkwürdig, aber die Starkbierräusche der Vergangenheit hören sich immer wildromantisch an. Abenteuerlich. Anders. Aber wie ist das heute? Was macht Starkbier, dieses dunkle, alkoholschwangere Fastenzeiten-Gebräu, das auf den berühmten Frater Barnabas zurückgeht, mit ganz normalen Menschen? Werden wir gleich erleben. Schnelle Antwort vorab: eine ganze Menge.

Draußen ist es grad dunkel geworden, drinnen sagt ein junger Mann, während er seine Freunde und seinen Tisch sucht: „Jetzt bestell i mir glei meine vierte.“ Kurze Pause. „Dann zerreißt’s mi.“ Die Gallier haben den Zaubertrank, die Bayern ihren Salvator, den Urvater aller Starkbiere. Beiden Getränken wird eine nahezu magische Wirkung nachgesagt. Taucht man an einem gewöhnlichen Wochentag in diese dampfige Bierhöhle oben am Nockherberg ein, dann muss man nicht lange warten, bis man eine Ahnung von dieser Magie bekommt.

Die Nockherberger, so heißt die Band oben auf der Bühne, spielen „Atemlos“ von Helene Fischer, Abba-Hits und sogar das Kufstein-Lied. Seriöse ältere Herren gehen mit rosaroten Einhörnern auf die Toilette. Die Einhörner sind mit Gas gefüllte Lufballons. Sie bumpern mit dem Kopf gegen die Decke, was lustig ausschaut. Ein arg tätowierter Italiener beschäftigt sich währenddessen damit, mit Schwung auf Bierbänke zu hüpfen und oben auf der Bank angekommen zufällig anwesenden Männern in Lederhosen ein Bussi auf die Backe zu geben. Völkerverständigung auf Nockherberg-Art.

Ansturm aufs Starkbierfest, 1909: die Münchner auf dem Weg zu einer Mass Salvator.

Allerdings entkommt der Italiener mehreren sauberen Watschn nur durch eine nicht für möglich gehaltene Wendigkeit seines Oberkörpers. Willkommen im Herzen der bayerischen Bierseligkeit. Man kann es hier ganz furchtbar finden, aber man kann hier auch großen Spaß haben. Typsache. Ansichtssache.

Das Starkbierfest ist schon immer ein Ort des wohlorganisierten Ausnahmezustands. Die „Salvator-Schlacht“ vom März 1888 war für Jahre Stadtgespräch in München. Als ein Soldat damals in der Bierhalle den Säbel zog, kam es zu einer Massenschlägerei mit einem Haufen Verletzten. Masskrüge wurde zu Waffen, 4000 Münchner sollen in den Starkbierkampf verwickelt gewesen sein. Erst eine 50 Mann starke Einheit der „Schweren Reiter“, des Königs Eliteeinheit, beendete die blutige Rauferei, indem sie säbelschwingend in den Saal hineinritt. Auslöser soll die Erhöhung des Starkbierpreises gewesen sein. Was man auf der Stelle glauben mag, wenn man München kennt.

Heutzutage wird auf dem Nockherberg kaum mehr gehauen. Das weiß keiner besser als Konrad Aigner, 55. Er hat den besten Blick auf sich anbahnende und neuerdings ausbleibende Saalschlachten. Der sympathische Hausmeister aus Bischofswiesen im Berchtesgadener Land ist Chef der Nockherberger, der Band, die jeden Tag von der Bühne aus den Saal mit eingängigem, mitsingfähigem Liedgut versorgt. Ende der 1990er-Jahre ging’s so wild zu, dass Aigner schon mal vor Gericht als Zeuge geladen war. Weil er beschreiben sollte, wer wann und wie fest seinem Nachbarn eins übergezogen hat. „Heute“, sagt er, „gibt’s quasi keine Schlägerei mehr.“ Was Aigner zu knapp 100 Prozent sehr, sehr freut.

Wimmelbild mit Rausch: ein historisches Gemälde des Münchner Starkbierfests.

Schon der österreichisch-ungarische Schriftsteller Ödön von Horváth hat sich 1929 am Starkbierfest mit einem verehrenswürdigen Romanfragment abgearbeitet. Das Fragment heißt „Charlotte – Roman einer Kellnerin“ und beginnt so: „Der Fasching war aus, die Starkbiersaison begann, München flaggte zum Nationalfeiertag und es gab zwei Wochen hindurch täglich fünf- bis sechstausend Betrunkene. Die Straßenbahnen konnten nicht weiterfahren, weil sich die Leute auf den Schienen auszogen, es wurden im ganzen zweiundzwanzig Leute erstochen, darunter zweiundzwanzig Norddeutsche, drei erschossen, einer hat sich selbst erschossen, aus lauter Gemütlichkeit.“

Das ist natürlich alles frei erfunden, aber es gibt auch Dinge übers Starkbierfest, die glaubt man nicht. Dennoch sind sie wahr. In den 1950er-Jahren stand auf dem Nockherberg ein staatlicher Freibier-Brunnen, aus dem jeden Abend Punkt 19 Uhr genau 50 Liter Starkbier flossen. „Um den Brunnen herum herrscht ein mörderisches Gedränge, das erst beendet wird, wenn die Quelle versiegt ist“, heißt es im März 1956 in unserer Zeitung. Nockherberg – das Schlaraffenland in der Au. Starkbier statt Milch und Honig. Was für ein Leben.

Die Nockherberger spielen inzwischen „I sing a Liad für di“, auch so ein untentbehrlicher Bierhallen-Kracher. Die blondhaarige, dirndltragende Franzi, die mit ihren Arbeitskollegen da ist, sagt: „Mit dem Nockherberg überbrücken wir die Zeit bis zur Wiesn.“ Das machen viele hier, hört man immer wieder. Zwar nicht so schön hier wie die Wiesn, aber dafür knallt das Bier besser. Hört man auch immer wieder.

Am Tisch neben Franzi sitzt Rainer Baer, Architekt im Ruhestand. Seit 34 Jahren kommt er her. Jedes Jahr mindestens einmal. Er sagt den schönen neudeutschen Satz: „Nockherberg is a Münchner Event.“ Baer ist ein Starkbier-Veteran mit wachsamen Auge. Die Dirndl seien heuer wunderschön, sagt er. „Ich habe noch keine Landhaus-Mode oder anderen Dirndlschmarrn gesehen.“ Alles Qualitätsware, fast alles zumindest. „Anders als auf der Wiesn“, sagt Baer und nimmt einen Schluck Helles, weil Starkbier, sagt er, könne er grad nicht mehr trinken. Er trinke schon die ganze Fastenzeit lang Salvator. In Bayern nehmen die Menschen die Religion, ihr christliches Erbe, noch ernst, auch so ein Geheimnis. Der Nockherberg ist bis zum 15. März ihr spiritueller Treffpunkt.

Man will es nicht glauben, aber auch auf der Herrentoilette spielt das Thema Tracht oder Nicht-Tracht eine herausragende Rolle. Die folgende Szene, großes Salvatorehrenwort, ist nichts als die Wahrheit. Film ab. Ein heimatverbundener Trachtler trifft beim Händewaschen auf einen südländischen Austauschstudenten in Jeans. Der Trachtler sagt: „Kruzifix, wo is deine Lederne, du Rindviech?“ Kurze Schrecksekunde, dann antwortet der Austauschstudent, der – nach sechs Stunden Nockherberg wundert einen eh nix mehr – jedes einzelne Wort verstanden hat: „Entschuldigung Jeans. Ich will auch eine Lederhose. Lederhose gut.“ Schon wieder eine Völkerverständigung, die ohne die Magie des Starkbiers undenkbar wäre.

Aber gehen wir nochmal kurz zurück zu Sieglinde Föhringer, der Bedienung. Sie mag das Starkbierfest, es ist keine Liebe, aber doch echte Zuneigung. Früher hat sie sich nach ein paar Stunden Arbeit zum Durchschnaufen mit einer Kollegin getroffen, gemeinsam haben sie gegen 20 Uhr einfach in die Bierhalle reingeschaut, sonst nichts, nur geschaut. Irgendwann hat eine Bedienung zur anderen gesagt, das war ihr Ritual: „Jetzt ham’s uns wieder schön getrunken.“

Dann sind sie los, mit ihren Masskrügen. Und dem festen Wissen, die schönsten Frauen der Welt zu sein. Wenn man sich darauf einlässt, dann macht der Nockherberg jeden glücklich. Irgendwie. Sieglinde Föhringer muss los. Zur Schänke. Denn eines darf hier oben nie passieren: Durst, der nicht auf der Stelle gelöscht wird. Sonst geht das Getriebe kaputt und Frater Barnabas, der Salvator-Erfinder, kriegt einen sehr, sehr schlechten Schlaf. Oben im Bierhimmel.

Stefan Sessler

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