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Edgar Feuchtwanger lebt heute in England.

Interview

Hitlers Nachbar: "Man sah ihm das Böse nicht an"

München - Als Hitler Reichkanzler wurde, war Edgar Feuchtwanger acht Jahre alt – und Nachbar des Diktators, der eine 300-Quadratmeter-Wohnung am Prinzregentenplatz 16 bewohnte. Zehn Jahre lebte der jüdische Bub Tür an Tür mit Hitler. Jetzt hat er ein Buch geschrieben.

Dann emigrierte der Neffe des Schriftstellers Lion Feuchtwanger („Erfolg“) nach England. Heute lebt der 89-jährige Geschichtsprofessor nahe Winchester im Süden der Insel. Am Montag, 12. Mai, 19.30 Uhr, kommt er ins Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde (St.-Jakobs-Platz 18). Er stellt sein Buch „Als Hitler unser Nachbar war – Erinnerungen an meine Kindheit im Nationalsozialismus“ (Siedler Verlag) vor.

Herr Feuchtwanger, wie ist Ihrer Familie 1939 die Emigration gelungen? Viele Länder waren ja nicht bereit, Flüchtlinge aus Deutschland aufzunehmen.

Wir hatten Glück, wir waren privilegiert. Um ein Familienvisum zu bekommen, musste man 1000 Pfund beim englischen Schatzamt hinterlegen. Das war damals sehr viel Geld. Deshalb sprach man auch vom Kapitalistenvisum. Aber wir hatten Verwandte, darunter mein Onkel Lion, die das Geld zusammenbrachten. Es war die einzige Möglichkeit, aus Deutschland rauszukommen. Meine Verwandten wussten, dass wir sehr gefährdet waren.

Als Hitler 1929 ihr Nachbar wurde, waren Sie fünf Jahre alt. Haben Sie damals begriffen, welche Bedeutung er für die Weltpolitik haben würde?

Also mit fünf habe ich das noch nicht begriffen, aber mit sechs, sieben Jahren schon. Ich wusste als kleines Kind vielleicht mehr über Politik als Kinder heutzutage. Zuhause wurde unentwegt von den Nazis gesprochen.

Wusste Hitler, dass seine Nachbarn Juden sind? Verwandte von Lion Feuchtwanger?

Sicher nicht. Sonst wären wir nicht mehr da! Denn Lion war für ihn ein rotes Tuch. Er hat ja den Roman „Erfolg“ geschrieben, und in dem wird Hitler als Rupert Kutzner lächerlich gemacht. Niemand unter den Intellektuellen der Weimarer Republik war Hitler mehr verhasst als Lion. Hätte er gewusst, dass wir direkt nebenan wohnen, wären wir einfach weggewischt worden. (Pause). Man hätte nie mehr was von uns gehört.

Wann sind Sie Hitler zum ersten Mal auf der Straße begegnet?

Das war 1933, kurz nachdem er Reichskanzler wurde. Ich ging spazieren mit meinem Kindermädchen Rosie. Als wir an seiner Haustür vorbeigingen, kam er gerade heraus. Wir standen direkt vor ihm, er hat mich angeschaut. Man sah ihm das Böse nicht an. Er trug einen hellen Regenmantel und einen Schlapphut. Ein paar Leute waren auf der Straße, die haben „Heil Hitler“ geschrien. Er hat nur seinen Hut gelüpft und ist ins Auto gestiegen.

Haben Sie Hitlers Alltag beobachten können?

Die Führerwohnung befand sich im zweiten Stock des Hauses am Prinzregentenplatz.

Von seinem Alltag habe ich nichts mitbekommen. Ich habe halt oft gesehen, wie er das Haus verlassen und mit dem Auto abgefahren ist. Das war eine ausgiebige Prozedur. Vor dem Haus standen drei Mercedes. Erst kamen die Chauffeure aus dem Haus. Dann Hitlers Leibwächter. Das waren die SS-Leute, die in der Wohnung unter Hitler untergebracht waren. Dann kam Hitler selbst. Er grüßte nicht mit ausgestrecktem Arm, sondern mit erhobener Hand. Dann nahm er neben dem Fahrer des ersten Wagens Platz, schließlich fuhr der ganze Tross mit quietschenden Reifen los. Manchmal geradeaus zur Autobahn München-Salzburg, die ja extra für Hitler gebaut wurde. Manchmal Richtung Innenstadt.

Sie haben Hitler an Tagen gesehen, die in die Geschichte eingegangen sind.

Zum Beispiel am 30. Juni 1934, der Nacht der langen Messer. Ein Samstag. Es war früh am Morgen, da haben mich laute Geräusche auf der Straße geweckt. Ich bin zum Fenster und habe rausgeschaut. Da waren uniformierte Männer, die in Hitlers Haus ein- und ausgingen. Autotüren knallten. Das war wohl der Moment, in dem Hitler losfuhr an den Tegernsee. Dort verhaftete er Röhm, der sich mit seinen Kumpanen im Hotel Hanselbauer aufhielt. Angeblich war Röhm gerade mit Lustknaben im Bett. Auch als Hitler am 16. März 1938 aus Österreich zurückkam, habe ich ihn gesehen. Das war ein Mittwoch, vier Tage nach dem Anschluss Österreichs. Überall in der Stadt hingen Plakate, auf denen stand, auf welcher Strecke er vom Hauptbahnhof zur Führerwohnung fahren wird. Hitler kam ja im Triumph zurück. Da wurde zum ersten Mal offiziell von der Führerwohnung gesprochen.

Wissen Sie, wo Hitler privat verkehrte?

Vor allem in der Villa von Heinrich Hoffmann, seinem Fotografen. In dessen Atelier war Eva Braun beschäftigt. Hoffmanns Villa lag auf meinem Schulweg, da kam ich immer vorbei. Ich besuchte die Gebeleschule am Herkomerplatz. Hitler war oft in Hoffmanns Garten. Es gibt Fotos, die ihn im Liegestuhl zeigen. Schlafend mit offenem Mund.

Konnte man in den Garten reinschauen?

Ich selbst habe nie reingeschaut. Ein Schulkamerad wohnte in der Villa neben Hoffmann. Und der konnte durch den Zaun Hitler im Garten sehen. Übrigens befand sich zwei Straßen weiter das Haus von Eva Braun. Damals wusste niemand, dass sie Hitlers Geliebte war. Wir wussten nur, dass sie im Labor von Hitlers Fotograf arbeitet. Ein Vetter meines Vaters, Theodor Feuchtwanger, war ihr Nachbar. Sein Dienstmädchen hat sich mit Eva Braun nicht gut vertragen. Denn Eva Braun sonnte sich gern leichtbekleidet. Das passte dem Dienstmädchen – ein katholisches Mädchen vom Land – nicht.

Haben Sie Hitlers Frauengeschichten miterlebt?

Also miterlebt habe ich sie nicht. Seine Haushälterin vor 1933 hieß Raubal. Deren Tochter war Geli Raubal. Mit der hatte Hitler ein Verhältnis. Die Geli hat sich 1931 in der Wohnung am Prinzregentenplatz erschossen. Angeblich hat Hitler ihr Zimmer, in dem sie sich erschoss, wie ein Heiligtum gehalten.

Haben Sie je gesehen, wie Hitler den Müll runtergetragen hat?

Nein, das hat er sicher nicht. Er hatte immer eine Haushälterin. Ich habe mal geguckt, ob auf seinem Klingelschild Hitler steht. Aber da stand nicht Hitler, da stand Winter. Winter war nach den Raubals seine Haushälterin. Sie war die Witwe eines Feldwebels im Freikorps Epp, das die Räterepublik in München blutig niedergeschlagen hat.

Wie konnte sich Hitler 1929 eine 300-Quadratmeter-Wohnung und eine Haushälterin leisten?

Naja, das war die Zeit, zu der es mit ihm aufwärts ging. Viel Geld kam rein, er hatte ja bekannte Leute, die ihn unterstützten. Deshalb ist er ja auch hierher gezogen. Zuvor wohnte er in einer kleinen Wohnung an der Thierschstraße. Mein Onkel Lion beschreibt in „Erfolg“ die Zeit des Aufstiegs von Hitler. Das ist das Lieblingsbuch ihres neuen Oberbürgermeisters, nicht wahr?

Sie verfolgen noch die Münchner Politik?

Ja, ja, ich habe den Artikel hier. (lacht und sucht nach dem Zeitungsartikel). Warten Sie! (Feuchtwanger liest vor:) ,Es ist schon etwas abgegriffen, auch ein paar Eselsohren findet man. Reiters Lieblingsbuch ist der Schlüsselroman Erfolg von Lion Feuchtwanger, der als einer der ersten die Gefahren durch Hitler und die NSDAP erkannt hat.’

Zurück in die Vergangenheit: Feierte Hitler Partys in seiner Wohnung?

Ich glaube nicht. Sowas hat in Berchtesgaden stattgefunden. In München war er oft im Restaurant Osteria am Lenbachplatz. Nebenan war die Hauptsynagoge. Sie wurde schon vor der Kristallnacht abgerissen, weil Hitler keine Synagoge neben seinem Lieblingsrestaurant haben wollte.

Ist die Lesung im Mai Ihr erster Besuch in München seit Ihrer Emigration?

Nein, ich war immer wieder in München. Das erste Mal mit meiner Mutter 1957.

Waren Sie jemals wieder in Ihrer alten Wohnung?

Ja, da war ich oft. Einmal mit einem Filmteam, das eine Dokumentation über mich drehte. Ich weiß nicht, was sich im Moment in der Wohnung befindet. Als ich zuletzt dort war, befand sich eine Rechtsanwaltskanzlei darin.

Mit welchen Gefühlen kommen Sie in Ihre alte Heimat?

Ich bin die Stadt gewohnt. Sie merken ja, ich spreche noch ein bisschen Bairisch. Natürlich frage ich mich manchmal: Was haben die Leute während der Hitler-Zeit gemacht? Aber von den Menschen, die ich kannte, wusste ich es. Über uns wohnte eine Frau, die ich Tante Bobbie nannte. Als Kind saß ich oft auf ihrem Schoß. Ihr Schwager war Industrieller. Der war natürlich sehr mit dem Nazi-Regime verbunden. In den 60er-Jahren besuchte ich ihn. Wir sind ja immer in Kontakt geblieben. Plötzlich hat er sich mir gegenüber entschuldigt. Er erzählte mir, dass er KZ-Häftlinge beschäftigt hatte. Er musste es loswerden. Mir war das sehr unangenehm, aber ich habe ihm zugehört.

Interview: Bettina Stuhlweißenburg

Der Eintritt zur Veranstaltung am 12. Mai, 19.30 Uhr, Jüd. Gemeindezentrum am St.-Jakobs-Platz 18, kostet 8 Euro, ermäßigt 5 Euro. Karten unter Tel. 089 / 202 400 491, per E-Mail unter karten@ikg-m.de sowie an der Abendkasse.

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