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Karl-Heinz und Nina Zacher am 9. November 2014.

Denn wahre Liebe stirbt nie

Drama um Nina (✝) berührte uns: So geht es der Familie heute

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München - Nina Zacher litt an ALS, die Nervenkrankheit zerstörte nach und nach ihren Körper, ihr Kopf war stets klar. Ihr Sterben berührte die Stadt. Die tz traf sich nun mit der Familie.

An einem Vormittag im Dezember sitzt Karl-Heinz Zacher am Küchentisch und erzählt von der Liebe seines Lebens und davon, dass er sie vor sieben Monaten beerdigt hat, Karl-Heinz Zacher lächelt. Er sagt: „Der Tod kann auch ein Geschenk sein.“

Zacher schaut aus dem Fenster auf einen Garten mit kahlen Bäumen. Im Haus ist es still, die vier Kinder sind in der Schule und im Kindergarten. „Nina war wunderbar“, sagt Zacher. „Liebenswürdig, extrovertiert, gnadenlos ehrlich.“ Nina Zacher litt an ALS, die Nervenkrankheit zerstörte nach und nach ihren Körper, ihr Kopf war stets klar. Karl-Heinz Zacher schließt die Augen und sagt: „In dem Moment, in dem man die Endlichkeit tatsächlich akzeptiert, ist das Leben so viel intensiver.“

Zacher deutet auf vier Kerzen, die vor ihm auf dem Tisch stehen. Die Kinder haben sie gebastelt, auf jeder Kerze steht ein Wort: Mama. „Der Mensch ist weg“, sagt Zacher, „und gleichzeitig da, seine Seele.“ Wenn man den Verlust nicht begreifen kann, sagt Zacher, sind die Kerzen so etwas wie ein Schrein, ein Altar.

Besonders für die Kinder, fünf, acht, zwölf und fünfzehn Jahre alt, sei es hart gewesen, sagt Zacher. Helena, die Älteste, habe getrauert wie eine Erwachsene. „Das ganze Ausmaß. Der Tod als etwas Brutales, Endgültiges.“ Die Kleinen hätten ein Bild: Die Mama ist im Himmel, als Stern vielleicht.

Dennoch gehe der Verlust für die Kleinen noch viel weiter, sagt Zacher. Sie verlören das Urvertrauen in die Mutter. „Die Familie als heiliger Ort geht kaputt.“

Nina Zacher, Wirtin der Emmeramsmühle (Oberföhring), starb öffentlich, auf Facebook führte sie Protokoll. Sie sagte der Krankheit den Kampf an – dabei wusste sie, dass sie ihn verlieren würde. Sie dachte an die Menschen nach ihr. Als Karl-Heinz Zacher auf Facebook verkündete, dass Nina gestorben war, trauerten 46 000 Menschen.

Nach Ninas Tod nahm Karl-Heinz Zacher die Kinder und tauchte fünf Tage ab. „Wir wussten, dass sie stirbt“, sagt Zacher. ALS tötet schleichend. „Und als Mensch bist du so anpassungsfähig.“ Nina starb und die Menschen gewöhnten sich daran. Dachten sie.

„Ein Grab in der Sonne, nah an der Isar, unter einem Baum.“

Den Grabstein haben Karl-Heinz Zacher und die Kinder selbst gemacht: Die Abdrücke ihrer Hände sind darauf und ein Zitat von Nina: „Denn wahre Liebe stirbt nie …“

Zacher zögert, spricht dann doch: „Der Tod an sich ist als Ereignis traumatisch. Obwohl man es weiß. Wenn es passiert, ist es anders.“ Dabei hatte Nina Zacher vorgesorgt. Sie bestimmte, welches Lied auf ihrer Beerdigung gesungen werden sollte, legte fest, wo ihre Familie sie begraben sollte. Ein Grab in der Sonne musste es sein, sagt Karl-Heinz Zacher. An ihre Worte erinnert er sich genau. „Nah an der Isar, aber unter einem Baum.“

Karl-Heinz Zacher und die Kinder haben Nina einen Grabstein gemacht. Sie haben ihn sich vorgestellt, gezeichnet, sind zu einem Steinmetz gefahren und haben einen Granitblock mit Hammer und Meißel bearbeitet. Zugeschaut, wie der Steinmetz den Abdruck ihrer Hände in eine Glasplatte fräste. Der Verlust der Mutter sei tragisch, brutal und traurig, sagt Zacher. „Ich will zeigen, dass man daraus etwas Schönes machen kann.“

Nina gab Karl-Heinz einen Auftrag: Zerbrich nicht, leb’ weiter. Karl-Heinz Zacher muss seine Kinder jetzt allein großziehen. Er weiß, dass er die Mutter nicht ersetzen kann. „Ich will unser Leben so, so, so …“, Zacher greift mit den Händen in die Luft, als würden dort die passenden Wörter hängen. „So erträglich wie möglich machen.“

Es braucht nur eine Kleinigkeit, und Nina ist wieder da: „Ein Foto, ein Geruch, ein Lied im Radio“, sagt Zacher. „Eine Regung der Kinder.“

Ein Altar aus Wachs: Die Kinder haben ­ihrer Mama Kerzen ­gebastelt

Als Nina Zacher noch gelebt hat, schrieb sie ihren Kindern Briefe. Nina legte die Botschaften in eine Kiste. Karl-Heinz wird die Briefe an die Kinder geben, wenn die Zeit gekommen ist: Erstkommunion, 18. Geburtstag. Der erste Liebeskummer. Botschaften aus dem Jenseits.

Lola, die Kleinste, wurde im Juli fünf, an ihrem Geburtstag erhielt sie einen Brief. „Liebe Lola“, schreibt ihre Mutter.

„Mein wunderschöner Schmetterling, heute feierst Du Deinen fünften Geburtstag, ich kann ihn leider nicht mehr mit Dir feiern, aber ich habe Dir noch ein paar Zeilen für Dein späteres Leben aufgeschrieben. Ich bin sehr traurig darüber, dass ich Dir nicht eine Mama gewesen bin, wie eine gesunde Mama es hätte sein können.“

Am Ende des Briefes steht:

„Such Dir einen schönen Stern am Himmel aus, der besonders hell leuchtet, auf dem werde ich sitzen und Dich beschützen. Irgendwann werden wir uns sicher wieder sehen. Versprochen mein wunderbarer Engel. In Liebe, Deine Mama … Gute Nacht, wir sehen uns wieder, wenn die Sonne lacht.“

Am Ende der Trauer stehe eine Erkenntnis, sagt Karl-Heinz Zacher. Er sitzt im Auto und fährt zum Friedhof. „Alles ist endlich, jeder stirbt.“ Wer das begreife, könne Liebe stärker empfinden als je zuvor.

Zacher steigt aus dem Auto, am Friedhofstor bleibt er stehen. „Am Grab meiner Frau bin ich lieber allein“, sagt er und geht zurück zum Auto.

Im Südwesten des Friedhofs liegt ein Grab aus Granit, eine Eiche spannt ihre Äste, die Isar rauscht. Rund um das Grab sind Fußspuren, Nina Zacher bekommt viel Besuch. Es ist so, wie Nina es sich gewünscht hat. Allein die Sonne scheint nicht an diesem Dezembertag. Aber sie ist da, ihre Silhouette scheint schwach durch die Wolkendecke.

Sie ist immer da.

Ninas Kampf geht weiter

Nina Zacher starb im Mai, aber ihr Engagement gegen die Nervenkrankheit ALS geht weiter. „Meine Frau hat viel hinterlassen“, sagt Karl-Heinz Zacher. „Das geht weit über das hinaus, was bisher von ihr zu lesen war.“ Nina Zacher schrieb bis fast zum Schluss ihre Gedanken auf, ihr Leiden, ihr Leben und ihr Sterben. Weil sie sich da schon fast nicht mehr bewegen konnte, schrieb sie ihre Texte mit einem augengesteuerten Spezial-Computer.

Mitte des Jahres 2017 soll also ein Buch erscheinen, das sich laut Karl-Heinz Zacher nicht nur an ALS-Patienten richtet, sondern an „alle Menschen, die sich in einer schwierigen Lebensituation befinden“. Also an

alle, die sich vielleicht an Nina Zachers Beispiel aufrichten können. Das Buch ist als Chronik angelegt, begonnen von Nina Zacher selbst und zu Ende geschrieben von der Autorin Dorothea Seitz, die bereits mehrere Bücher über das Sterben veröffentlicht hat (Der Reisebegleiter für den letzten Weg, Nana … der Tod trägt Pink). 

Tobias Scharnagl

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