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Bevor sich der 28-Jährige haute auf seinen Spezial-Arbeitsstuhl, das sogenannte Stickrössl schwingen kann, muss er erst sein Arbeitsmaterial fertigen.

Er fertigt edle Trachten an

Brauchtum: Der Herr der Federkiele erklärt sein schwieriges Handwerk

Matthias Wiesheu geht in Bogenhausen einem fast verloren gegangenem Handwerk nach. Hier erklärt der Federsticker seine schwierige Arbeit.

München - Stich für Stich, millimetergenau, zieht Matthias Wiesheu den Faden durchs starre Leder. Es ist kein handelsübliches Garn, das er dabei verwendet. Das Material stammt von den Oberschwanzfedern des Pfaus. Statt Zwirn nutzt Wiesheu in feine Streifen geschnittene Kiele, von denen zuvor aller Flaum und das prächtige „Auge“ entfernt wurden. Der besondere Faden hat der Arbeit auch ihren Namen gegeben: Federkielstickerei – ein Handwerk, das im 17. Jahrhundert entstanden ist.

Vor allem im Alpenraum war die Federkielstickerei weit verbreitet. Die Träger von Lederhosen oder Leibgurte in der Tracht, aber auch andere Dinge wie Gewehr- und Kuhglockenriemen, Handtaschen und Schuhe wurden auf diese Art verziert. Heute sieht man das nur noch selten, denn die Kunst des Federkielstickens beherrschen nicht mehr viele. Meist wurde das Wissen über Generationen weitergegeben.

Matthias Wiesheu kann nicht auf solch eine Familientradition zurückblicken. Der 28-Jährige hat sich das Handwerk in vielen Jahren selbst angeeignet. Auslöser war seine Mitgliedschaft im Trachtenverein. „Zur kompletten Tracht trägt man einen Federkiel-gestickten Hosenträger.“ Auch Wiesheu wollte so etwas, stellte sich ein Ross darauf vor. Die Suche danach sorgte bei dem damals 16-Jährigen für viel Frust. 1000 Euro und mehr, das konnte er sich einfach nicht leisten. „Damit war die Idee einer Bestellung gestorben.“

Das Handwerk hütet sein Geheimnis

Doch der Wunsch blieb, zumal man als Trachtler schon auch ein wenig eitel sei, wie Matthias Wiesheu offen zugibt. So kam die Idee des Selbermachens auf. In mühevoller Kleinarbeit informierte er sich bei Federkielstickern, versuchte sich an ersten Stücken. Von einem guten Freund, der Sattler gelernt hatte, ließ sich Wiesheu weitere Feinheiten zeigen.

Die genaue Herstellung der feinen Federkielfäden gehört zum wohlgehüteten Geheimnis des Handwerks. Es verlangt großes Geschick und Geduld. „Ich habe da anfangs viel Geld und Federn verschnitten“, erinnert sich der Johanneskirchner. Schließlich dürfen die Fäden weder zu dünn noch zu dick sein. „Die große Kunst ist es, den Kiel in gleichmäßig weiße Streifen zu schneiden.“ Aus einer 1,20 Meter langen Feder erhält man einen gerade mal 50 bis 70 Zentimeter langen Faden. Für einen schönen Gürtel müsse man schon rund 25 Federn zurechtschneiden, rechnet Wiesheu vor. „Ich bin da ungefähr drei Tage am Kiele spalten, bevor ich überhaupt mit der Stickerei anfangen kann.“

„Tracht ist eine Lebensphilosophie“, findet Matthias Wiesheu. Die Kunst der Federstickerei hat er sich selber beigebracht.

Mittlerweile beherrscht der 28-Jährige die Federkielstickerei in Perfektion. Zum ersten Gürtel für sich selbst – natürlich mit dem Pferdemotiv – sind viele weitere hinzugekommen. Freunde und Trachtler kommen auf ihn zu und bestellen sich Hosenträger oder die breiten Trachtengürtel, im Fachjargon „Ranzen“ genannt, die man über der Lederhose trägt.

Bevor er sich jedoch auf seinen Spezial-Arbeitsstuhl, das sogenannte Stickrössl, schwingen kann, muss er noch weitere Vorbereitungen treffen. Dazu gehört der Entwurf des richtigen Musters. Die Inspiration kommt aus alten Büchern, vorhandenen Vorlagen, eigenen Ideen und Wünschen von Auftraggebern. „Manchmal küsst mich die Muse, dann geht’s recht schnell, aber es gibt auch Tage, da funktioniert’s einfach nicht und man radiert vier Stunden.“

Ein gutes Stück hält Generationen

Zumal Wiesheu nichts doppelt fertigt. „Jeder hat das Recht auf ein individuelles Stück.“ Wappen, Zunftzeichen oder Schriftzüge, dazu noch die passenden Muster und Ornamente, die das Motiv einrahmen. Wie beispielsweise der „Schnee“, ein filigranes Punktmuster. Alles zusammen ergibt am Ende ein echtes Unikat. Weil Arbeit und Material so hochqualitativ sind, hält es beinahe ewig. „So einen Ranzen macht man nicht nur für sich, der ist auch für Kinder und Enkelkinder.“ Ein Erbstück der besonderen Art.

Vom Papier wird die Skizze in aufwendiger Arbeit aufs Leder übertragen. Dann geht die Stickerei los. Für einen schönen Gurt braucht Matthias Wiesheu mindestens 80 bis 100 Stunden. „Nach oben gibt es kaum Grenzen.“ Weil er immer nur an einem Stück arbeitet, gibt es bei Bestellungen eine Wartezeit von einem knappen Jahr.

Für die Verzierung eines schönen Gürtels muss Wiesheu nach eigenen Angaben die Kiele von rund 25 Pfauenfedern zurechtschneiden, bevor es an die eigentliche Stickerei geht.

Sechs bis sieben Stunden täglich an den Wochenenden, wochentags einige Stunden abends und sogar nachts sitzt der 28-Jährige auf seinem Rössl und stickt. Hochkonzentriert, fast schon meditativ. In seiner Werkstätte gibt es weder Fernsehen noch Radio. Nur keine Ablenkung. Denn mit einem falschen Stich ist alles dahin. „Ich kann da nichts auftrennen.“ Manchmal geht die Ahle auch in den Finger. „An der Stickerei hängt im wahrsten Sinne des Wortes mein Herzblut“, meint Wiesheu lachend.

Weh tut es ihm auch am Ende, wenn er das Stück, mit dem er so viele Stunden verbracht hat, weggeben muss. Da helfe auch das Geld nicht über den Trennungsschmerz hinweg. Ein normaler Gürtel kostet ab 1000 Euro, beim Hosenträger geht’s ab 500 Euro los. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt, es hängt von den Wünschen ab. Das Material, das passende Werkzeug – es habe lange gedauert, bis sich seine Investitionen rentierten. Denn: „Ich sticke, um mir meine Freizeit zu finanzieren.“ Als Vorplattler beim Isargau ist der ambitionierte Trachtler viel unterwegs. „Der Trachtenverein ist mein Leben.“ Selbstständig will sich Matthias Wiesheu, der in der Kosmetikentwicklung tätig ist, mit der Federkielstickerei nicht machen. „Das ist viel Idealismus, eine 40-Stunden-Woche hast du da nicht.“ Neben Ranzen und Hosenträgern bestickt er inzwischen auch Handtaschen und Geldbeutel. Seit Kurzem befasst er sich zudem mit altem Trachtenschmuck, wie zum Beispiel Uhrketten und Miederschnüren. „Tracht ist eine Lebensphilosophie“, sagt Wiesheu.

Carmen Ick-Dietl

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