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Rüdiger Schreier wohnt in der Lisztstraße 16, vor einem Jahr kam die Kündigung. Jetzt verfällt das Haus, viele Wohnungen stehen leer.

Nun stehen dutzende Wohnungen leer

Kündigung wegen Luxusneubauten: Diese Münchner wehren sich

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Mitten in Bogenhausen stehen dutzende Wohnungen leer. In einer Stadt wie München ein Unding. Doch die Mieter wehren sich gegen die Kündigung wegen Luxusneubauten.

München - Seit dem 3. Februar 2016 hat Rüdiger Schreier (48) es schriftlich: Sein Vermieter will ihn raushaben. Verwertungskündigung! Das Haus in der Lisztstraße 16 (Bogenhausen) befinde sich in „sehr schlechtem“ Zustand, eine Sanierung sei „unwirtschaftlich“. Da helfe nur: Abriss. Schreier, Ingenieur und Vater einer kleinen Tochter, sollte zum 30. April 2016 raus aus seiner 64-Quadratmeter-Wohnung im zweiten Stock (890 Euro warm). Er blieb.

Beim Mieterverein riet man ihm, die Kündigung zu ignorieren. Vom Vermieter hat Schreier nun seit einem halben Jahr nichts mehr gehört. „Er will uns ganz langsam rausekeln“, sagt Schreier. „Er lässt das Haus so lange verfallen, bis dort niemand mehr wohnen will.“ Seit Jahren fehlen Fassade und Dämmung, es ist kalt. Schimmel. Viele Mieter sind gegangen, acht Wohnungen stehen leer. „Das Haus nebenan ist bald unbewohnt“, sagt Schreier. „Wenn dort der Letzte auszieht, wird es hier so aussehen wie vorn an der Zaubzerstraße.“

Im Innenhof stapeln sich mit Nägeln gespickte Bretterhaufen und Bauschutt neben einem Kinderspielplatz.

Das Doppelhaus an der Zaubzerstraße: 24 Wohnungen, 21 leer. Der Vermieter hat den Mietern vor drei Jahren gekündigt. Drei sind geblieben. Vernagelte Fenster, überall Dreck, ein Geisterhaus. Mitten in München verfällt ein Wohnhaus. In einer Stadt, die um jeden Zentimeter Wohnraum kämpfen muss.

„Früher war das ein Paradies“, sagt Hannelore Bauer (71), die seit 20 Jahren in der Brahmsstraße wohnt. „Heute ist es eine Katastrophe.“ Hier, im schönen Bogenhausen, zwischen Bruckner-, Liszt-, Brahms- und Zaubzerstraße, verdichtet sich die Münchner Wohnungsmisere auf 120 mal 100 Meter. Nachverdichtung, Luxussanierung, Leerstand.

Hannelore Bauer wohnt seit 20 Jahren in der Brahmsstraße, noch wurde hier nicht saniert.

Die 15 Häuser mit rund 130 Wohnungen wurden nach dem Krieg gebaut, vom Staat bezuschusst, an niedrige Mieten gebunden. Dann fiel die Bindung. Investoren griffen zu, rissen Häuser ab, sanierten andere, bauten im Innenhof Luxuswohnungen. „Nachverdichtung ist okay, der Wohnraum wird ja gebraucht“, sagt Schreier. „Aber wer braucht Luxuswohnungen, die sich keiner leisten kann?“ Von den 22 neuen Wohnungen stehen viele leer.

Im August 2016 bot Schreier an auszuziehen, wenn ihm der Vermieter eine Ersatzwohnung in der Nähe besorgt. Zwei Wochen später drohte der mit einer Räumungsklage. Der Vermieter war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Der Bezirksausschuss hat wegen des Leerstands in der Zaubzerstraße Ende 2015 beim Sozialreferat angefragt. Dort hieß es: Der Leerstand sei gerechtfertigt. Eigentümer Ulrich Dick will Luxuswohnungen bauen, die Genehmigung liegt vor. Mit den Mietern wolle er eine „einvernehmliche Regelung“ treffen. Mitte 2017 soll der Abriss starten. „Aber da müssen wir uns natürlich nach den Mietern richten.“

Das ist die Rechtslage

Wenn der Vermieter „an einer angemessenen wirtschaftlichen Verwertung“ seines Besitzes gehindert wird und dadurch „erhebliche Nachteile“ erleidet, kann eine Kündigung rechtmäßig sein. Laut Mieterverein versuchen es immer mehr Vermieter mit dieser Methode. „Wir raten, sich auf nichts einzulassen, keine Auflösungsverträge zu unterzeichnen und sich nicht einschüchtern zu lassen“, sagt eine Sprecherin. Auch nicht von einer Räumungsklage. Oft sei die Kündigung unwirksam. Deshalb: Prüfen! Der Vermieter muss in der Kündigung vorrechnen, warum sich eine Sanierung nicht lohnt.

Wir ermittelten Münchens wahren Mietspiegel

Im vergangenen Jahr ermittelten wir mit Hilfe unserer User den wahren Mietspiegel. Gemeinsam mit der tz und dem Münchner Merkur riefen wir im Sommer die Leser auf, ihre Mietdaten bei uns einzureichen. Dabei kam heraus: Die wahre Durchschnittsmiete für München liegt deutlich höher, als von der Stadt herausgegeben.

Vor einer Woche veröffentlichte die tz exklusiv den neuen Mietspiegel der Stadt München.

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