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Leben in Angst vor der Kündigung: Helga L. (81, Mitte) und Adelheid B. (83, li.) zeigen Reporterin Susanne Sasse (re.) das Schreiben des Vermieters.

„Leider müssen wir Ihnen mitteilen...“

Sanierung oder gar Abriss: Diese Mieter zittern um ihr Zuhause

Seit 42 Jahren lebt Helga L. in ihrer Wohnung an der Denninger Straße. Doch ihr neuer Vermieter will das Haus sanieren oder abreißen. Danach, so ließ er die 81-Jährige wissen, könne er die alten Mieter nicht mehr brauchen.

Robert Brannekämper. Der Politiker ist sicher: „Ein Rausschmiss funktioniert nicht.“

München - Das Haus war nagelneu, als Helga L. vor 42 Jahren mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann in die 80-Quadratmeter-Wohnung im Haus an der Denninger Straße 96 einzog (Kaltmiete heute 999 Euro). Damals gehörte das dreistöckige Mehrfamilienhaus mit 35 Wohnungen der Versorgungskammer Bayern. 2010 verkaufte die Kammer das Gebäude an einen privaten Investor. Der geht mit seinen Mietern alles andere als gut um. Im vergangenen Sommer schrieb er ihnen einen Brief, in dem er sie zum Ausziehen aufforderte. Wörtlich steht in dem Brief, den der Geschäftsführer der Firma unterschrieb, das Gebäude sei „in die Jahre gekommen“. Nun sei die Frage, ob man es generalsanieren und dabei nahezu entkernen solle, oder „ob es sinnvoller ist, das Gebäude abzureißen und durch einen Neubau, der einen deutlich größeren Baukörper aufweisen wird, zu ersetzen“. Ein Bauantrag werde vorbereitet. Je nach Genehmigung entscheide man dann, ob saniert oder neu gebaut werde.

Weiter schreibt der Investor: „Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir in beiden Fällen (...) das Mietverhältnis mit Ihnen nicht langfristig fortsetzen können.“ Baubeginn sei für 2021 geplant. Man unterrichte die Mieter aber schon heute, „damit Sie die verbleibende Zeit bis zum Baubeginn nutzen können, um sich eine neue Wohnung zu suchen“.

Vielen der alten Mieter hat der Brief große Angst eingejagt, und manche sind inzwischen tatsächlich ausgezogen, erzählen Helga L. und Adelheid B. Die Wohnungen sind inzwischen – teurer – weitervermietet.

Die Neubaupläne für diese Fläche sind vom Tisch, doch die zwölf Autostellplätze blieben gesperrt. Ein Unding, findet Robert Brannekämper.

Zunächst hatte der neue Eigentümer vorgehabt, ein zweites Gebäude vor den Bestandsbau zu stellen, und zwar dorthin, wo ein Stellplatz für zwölf Fahrzeuge gepflastert ist. Dazu wurden dort auch Bäume gefällt. Die Neubaupläne wurden verworfen, doch die Parkplätze blieben gesperrt. „Das ärgert mich ziemlich“, sagt Robert Brannekämper (CSU), Landtagsabgeordneter und Mitglied des Bezirksausschusses von Bogenhausen. „Hier gibt es Parkplatznot, dort steht einer einfach leer, und sinnloserweise wurden auch noch Bäume gefällt.“

„Es ist ein Unding, sie in Angst und Schrecken zu versetzen“

Vor allem aber regt sich Brannekämper über den Umgang mit den Mietern auf. „Es ist ein Unding, sie in Angst und Schrecken zu versetzen, ich erwarte eine vernünftige Kommunikation“, sagt Brannekämper. Ein Rausschmiss der alten Mieter für einen Neubau funktioniere nicht „ohne Sozialplan und in der Nähe befindliche Ersatzwohnungen“, sagt Brannekämper. Dem aktuellen Plan des Investors, ein großes Gebäude versetzt nach hinten zu errichten, gibt Brannekämper keine Chance: „Da ist der Denninger Anger, diese Grünfläche ist unantastbar“, sagt er. Am liebsten wäre es ihm, wenn die Versorgungskammer Bayern das Gebäude wieder zurückkaufen würde.

Mieterschützerin Anja Franz vom Mieterverein München ermutigt die Mieter, standhaft zu bleiben: „Ich halte die Ankündigung eher für einen Versuch, die Mieter einzuschüchtern und sie durch Kündigungsdrohungen dazu zu bringen „freiwillig“ auszuziehen“, sagt sie. Tun sie das, spare sich der Investor sehr viel Geld. Anfragen unserer Zeitung an den Investor blieben unbeantwortet.

Stichwort Verwertungskündigung

ei einer sogenannten Verwertungskündigung muss der Vermieter im Kündigungsschreiben mit einer Wirtschaftlichkeitsberechnung darlegen, dass die geplante anderweitige Nutzung des Grundstücks beziehungsweise Hauses, hier also der Abriss und Neubau, für ihn wirtschaftlicher ist als die Durchführung von Reparaturen, erklärt Mieterschützerin Anja Franz. Im Einzelfall muss man dann bewerten, ob nicht doch eine Sanierung für den Vermieter zumutbar wäre.

Im Bogenhausener Fall sehe es danach aus, als ob der Vermieter neu bauen möchte, um dann entweder teuer zu vermieten oder zu verkaufen, sagt Franz. Es müsse genau geprüft werden, ob hier nicht eine Renovierung der Häuser mit Verbleib oder zumindest Wiedereinzug der Mieter nach Renovierung möglich wäre. Zögen eingeschüchterte Mieter aus, spare sich der Vermieter viel Geld – entweder für Prozesskosten oder aber für Abfindungen, die er zahlen muss, weil seine Kündigung eben nicht durchgeht. Die Höhe von Abfindungen wird immer individuell vereinbart. Sie hängt davon ab, wie wichtig die jeweilige Wohnung dem Vermieter für seine Pläne ist. Es werden Abfindungen zwischen 10 000€ und 100 000€ Euro gezahlt.

Maßgeblich ist immer der Einzelfall, aber für die Mieter lohnt es sich in jedem Fall, zu verhandeln und nicht von vornherein klein beizugeben.

Weil der Wohnraum knapp, teuer und begehrt ist, bleiben Wohnungen in München nur selten ungenutzt. Und doch gibt es Leerstand – etwa in der Amisiedlung am Perlacher Forst, die sich im Besitz des Bundes befindet. 

In anderen Häusern sind Mieter von verschiedenen Problemen betroffen. Mitten im Hochsommer hat diese Mieterin in München Duschverbot bekommen.

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