Elena Moldovan mit ihrem Sohn: Gerne würde sie ihn freiwillig das Schuljahr wiederholen lassen – doch seine Schule will das nicht zulassen.
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Elena Moldovan mit ihrem Sohn: Gerne würde sie ihn freiwillig das Schuljahr wiederholen lassen – doch seine Schule will das nicht zulassen.

„Ein Skandal“

Trotz Corona: Wiederholen an Bayerns Schulen unerwünscht - Münchner Mutter verzweifelt

  • VonTobias Lill
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Anders als in manchen anderen Bundesländern haben die Kinder in Bayern keinen Anspruch darauf, ein Schuljahr freiwillig zu wiederholen. Eine Münchner Mutter fühlt sich im Stich gelassen.

München - Als Elena Moldovan während der letzten drei Corona*-Lockdowns in zwei Münchner* Praxen ihre Frau stand, tat die angehende Arzthelferin dies einerseits mit einem guten Gefühl: „Ich wurde in der Krise ja gebraucht“, sagt die 39-jährige Münchnerin. Andererseits hatte sie auch ein schlechtes Gewissen. Denn ihr Sohn Florian** war im Herbst 2019 in die 1. Klasse die Münchner Grundschule an der Pfeuferstraße (Sendling*) gekommen. Dort habe er zwar während der Lockdowns phasenweise eine Notbetreuung und den Hort besucht, erzählt die Mutter. „Aber weite Teile des Lernstoffs seiner Klasse bekam er dort schlicht nicht vermittelt. Er konnte ja nicht lesen.“

Coronavirus München - „Wo ist das Problem, wenn er ein Jahr länger zur Schule geht?“

Zwar versuchte Moldovan nach der Arbeit ab 17 Uhr mit ihrem Sohn Mathe und Deutsch zu pauken, doch nicht mit dem gewünschten Erfolg. „Ich bin ja keine Lehrerin“, sagt die alleinerziehende Mutter. Wegen der Wissenslücken aus dem ersten Lockdown sei ihr Sohn schließlich auch im regulären Unterricht nicht mehr mitgekommen, sagt Moldovan. „Und jeder Lockdown verschlimmerte seinen Lernrückstand noch weiter.“

Doch obwohl Florian seiner Mutter zufolge weite Teile des Zweitklass-Schulstoffs und sogar Teile des Erstklass-Stoffs bis heute nicht verinnerlicht hat, soll er nun ganz normal in die 3. Klasse vorrücken. „Da hat er doch keine Chance. Wie soll er etwa Mathe-Textaufgaben verstehen, wenn er noch immer kaum lesen kann?“, fragt Moldovan.

Aus ihrer Sicht gäbe es eine einfache Lösung: Der Bub soll freiwillig die 2. Klasse wiederholen. Doch Florians Schule hat einen entsprechenden Antrag abgelehnt. Dabei hat der im Juli neun Jahre alt gewordene Schüler bislang noch nie eine Klasse wiederholt. Er wurde wie viele im Juli geborene Kinder lediglich später eingeschult. „Wo ist das Problem, wenn er ein Jahr länger zur Schule geht?“, fragt Moldovan. Die Arzthelferin fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Das Versprechen des Freistaats, dass stets eine individuelle und gute Lösung für von der Pandemie betroffene Schüler gefunden werde, sei „nichts wert“.

„Ich habe Angst, dass mein Junge nur wegen Corona um seine Zukunft gebracht wird“

Ausschlaggebend für die Ablehnung sei gewesen, „dass Florian in der jetzigen Klassengemeinschaft ein stabiles Umfeld hat“, heißt es in einem Schreiben der Schule an die Mutter, das unserer Zeitung vorliegt. Auch seine körperliche Entwicklung und sein Alter würden gegen eine Wiederholung sprechen. Die Schule verweist zudem darauf, dass der Junge selbst gerne in der Klasse bleiben würde.

„Es ist doch klar, dass ein Kind nicht gerne aus seiner Klasse weggeht“, entgegnet seine Mutter. Sie berichtet, die Schule habe ihr geraten, den laut IQ-Test durchschnittlich intelligenten Jungen auf eine Förderschule zu schicken. Doch das will die Mutter verhindern. Ein Großteil der Schüler verlasse die einstigen Sonderschulen ohne jeden Schulabschluss, hat sie erfahren. „Ich habe Angst, dass mein Junge nur wegen Corona um seine Zukunft gebracht wird.“

Offenbar weil auch Florians Lehrer davon ausgehen, dass der Bub keine Chance hat, den Lernstoff der 3. Klasse zu verinnerlichen, rät die Schule der Mutter, ihn von den Noten zu befreien. So solle der Bub „vor unnötigen Frustrationen geschützt werden“. Doch oft führt dieser Schritt an die Förderschule, zumindest ist dem Neunjährigen wohl der Weg an eine weiterführende Schule mangels Benotung verbaut.

Münchner Mutter: „Ein Skandal, dass man einfach so tut, als gebe es Corona nicht“

Moldovan ist sich sicher, dass ihr Sohn, bei dem zwischenzeitlich die Aufmerksamkeitsstörung ADHS diagnostiziert wurde, in der 2. Klasse gut mitkommen würde. „Wir haben einen Schulbegleiter gefunden und er nimmt nun ein Medikament gegen ADHS“, sagt sie. Auch eine Therapie ist geplant. Falls der Bub doch noch in die 2. Klasse wechseln könne, aber auch nach einer angemessenen Probephase nicht mitkomme, sei sie bereit, ihn auf die Förderschule zu schicken. Doch es sei „ein Skandal, dass man einfach so tut, als gebe es Corona nicht“.

Auf die Pandemie geht die Schule in ihrer Mail an die Mutter mit keinem Wort ein. Auf Anfrage unserer Zeitung verweist das Münchner Schulamt an das bayerische Kultusministerium. Dort äußert man sich aus Datenschutzgründen nicht speziell zu dem Fall. Eine Sprecherin sagt: Die Entscheidung, ob ein Kind freiwillig wiederholen dürfe, treffe in Bayern „immer die Lehrerkonferenz unter Würdigung der schulischen Leistungen des Schülers und unter genauer Betrachtung des Einzelfalls“. Das Wohl des Kindes stehe dabei „immer an erster Stelle“. Eine freiwillige Wiederholung könne sinnvoll sein, wenn ein Kind über eine längere Zeit erkrankt war. „Die coronabedingte Ausnahmesituation alleine stellt keinen pauschalen Grund für eine freiwillige Wiederholung dar“, so die Sprecherin.

In manchen anderen Bundesländern hat das Kultusministerium den Schülern dagegen die Möglichkeit eingeräumt, zu Beginn dieses Schuljahres aufgrund der Corona-Sondersituation freiwillig eine Klasse zu wiederholen. Die Ehrenrunde wird dann anders als Sitzenbleiben noch nicht einmal auf die Verweildauer angerechnet.

In Sachsen-Anhalt geht es: 2600 Schüler wiederholen freiwillig

In Sachsen-Anhalt etwa machten zum Schuljahreswechsel in diesem Jahr rund 2600 Schüler von dieser besonderen Möglichkeit in der Pandemie Gebrauch. Die Zahl aller Wiederholer, inklusive Sitzenbleiber, stieg so von 3500 auf 5700 an. In Bayern erhebt das Kultusministerium keine Zahlen, wie viele Schüler einen Antrag auf freiwilliges Wiederholen gestellt haben. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) berichtet jedoch, dass Lehrer und Schulleiter in den vergangenen Monaten bayernweit von vielen Eltern berichteten, die ihre Kinder freiwillig wiederholen lassen wollten: „Vor allem die 3. und 4. Klasse sind Stolpersteine. Viele Eltern spüren, dass ihr Kind Teile des Lernstoffs noch nicht kann“, sagt BLLV- Präsidentin Simone Fleischmann. Nicht wenige seien etwa „stofflich nicht Anfang der 3. Klasse, sondern beim Stand Ende der 1. Klasse“. Fleischmann fordert „ein freiwilliges individuelles Förderjahr für alle, das nicht auf die Schullaufbahn angerechnet wird“.

Auch der Bayerische Elternverband (BEV) sagte bereits im Februar, dass das Wiederholen des aktuellen Schuljahres die Regel sein solle. Vorrücken solle nur, wer sich „stofflich gut gerüstet fühlt“. Fleischmann glaubt, dass der Freistaat auch wegen des Lehrermangels kein generelles Recht zum freiwilligen Wiederholen einräume. So gebe es etwa an Grundschulen viel zu wenige Lehrer. Auch wolle man nicht eingestehen, „dass viele Schüler eben sehr wohl Probleme hatten, während der Lockdowns den Lernstoff zu verinnerlichen“.

Bildungsforscher warnen, dass sich insbesondere die Kinder von Alleinerziehenden und Migranten oft schwer taten, den versäumten Stoff nachzuholen. So beklagte etwa Klaus Hurrelmann, Professor an der Hertie School of Governance in Berlin, bereits 2020, die soziale Schere öffne sich immer weiter.

*tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA **Vorname geändert

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