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Münchner Klinikdirektor gibt erschütternden Corona-Einblick - „Realität schaut längst ganz anders aus“

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Von: Andreas Beez

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Deutschlands zweitgrößtes Uniklinikum: das LMU Klinik mit dem Hauptstandort in Großhadern.
Deutschlands zweitgrößtes Uniklinikum: das LMU Klinik mit dem Hauptstandort in Großhadern. © imago

Angeblich werden in München nur planbare Operationen verschoben, heißt es immer wieder. Der erfahrene Direktor der neurochirurgischen Klinik des LMU Klinikums erklärt, wie die Corona-Realität wirklich aussieht.

München - Wegen der dramatischen Corona-Lage in den Münchner Kliniken müssen immer öfter auch Patienten zurückstehen, die nicht an Covid-19 erkrankt sind – selbst Krebspatienten mit Tumoren in kritischen Stadien. Davor warnt Professor Dr. Jörg-Christian Tonn (62), im Interview mit tz und Münchner Merkur. Der erfahrene Direktor der Neurochirurgie im LMU Klinikum leitet eines der größten Zentren für die Behandlung von Hirntumoren in Deutschland und Europa. Darin wurden allein im vergangenen Jahr etwa 850 Patienten operiert. Dazu kamen etwa 100 Eingriffe wegen Tumoren oder Metastasen an der Wirbelsäule.

Bittere Corona-Realität in München: Dr. Jörg-Christian Tonn erklärt sie im Interview

Angeblich werden nur sogenannte planbare Operationen abgesagt, bei denen der OP-Zeitpunkt nicht so stark ins Gewicht fällt wie bei Tumoren, Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Krebsoperationen sollen trotz des Corona-Notstands auf den Intensivstationen weiter wie üblich erfolgen. Wie läuft’s in der Praxis?

Jörg-Christian Tonn: Die Realität schaut längst ganz anders aus. Wir müssen Hirntumor-Operationen immer öfter verschieben, können nur noch die allerdringlichsten Fälle sofort operieren. Wir sind faktisch dazu gezwungen, unsere Patienten für eine OP-Reihenfolge zu sortieren. Unterm Strich betreiben wir also bereits täglich Triage – und zwar bei Patienten ohne Covid-Erkrankung.

„Hirntumor-Patienten werden immer wieder vom OP-Plan gestrichen“

Ist die Lage denn wirklich so dramatisch? Gerade in den leistungsstarken Münchner Großkliniken sollten doch ausreichende Behandlungsreserven zur Verfügung stehen.

Tonn: Auch diese Reserven sind leider irgendwann aufgebraucht. Fragen Sie mal die Patienten. Ihre Namen stehen mitunter fünf, sechs, sieben Mal auf dem OP-Plan, müssen aber immer wieder gestrichen werden. Manchmal müssen wir sie sogar wieder nach Hause schicken – mit dem Versprechen, dass wir sie wieder anrufen, wenn sich eine OP-Möglichkeit ergibt.

Warum lässt sich das nicht anders planen?

Tonn: Weil bei jeder Hirntumor-Operation – wie auch bei vielen anderen Hirn-Eingriffen – sichergestellt sein muss, dass der Patient eine Nacht auf einer Überwachungs- oder Intensivstation verbringen kann. Das ist erforderlich, damit wir im Falle von Komplikationen sofort reagieren können und dient der Sicherheit der Patienten. Wegen Covid sind die Betten aber extrem knapp.

Professor Dr. Jörg-Christian Ton
Professor Dr. Jörg-Christian Tonn © privat

Durch den raschen Anstieg der Covid-19-Patienten ist die Zahl der Intensivbetten für Patienten ohne Covid-19 stark reduziert, auch für uns auf unserer eigenen Intensivstation. Wir kämpfen jeden Morgen um jedes einzelne Bett. Wenn dann noch ein Notfall dazwischenkommt, beispielsweise ein Unfallopfer oder ein Mensch mit einer Hirnblutung eingeliefert wird, dann bricht derzeit unsere Planung wieder wie ein Kartenhaus zusammen. Unsere Kapazitäten sind notgedrungen auf Kante genäht.

Wegen Corona auch noch Besuchsverbot: „Geht vielen Betroffenen an die Nieren“

Was bedeutet das für die Patienten?

Tonn: Ihre Prognose kann sich enorm verschlechtern, und das ist auch bereits vorgekommen. Wenn beispielsweise ein Hirntumor unbehandelt weiterwächst, kann es sogar sein, dass wir den Zeitpunkt verpassen, bis zu dem man den Tumor noch sinnvoll operieren kann. Dazu kommt die seelische Belastung für die Patienten: Stellen sie sich mal vor, sie liegen mit einer schweren Erkrankung im Krankenhaus, warten auf ihre OP und werden jeden Tag wieder vertröstet. Das geht vielen Betroffenen an die Nieren – zumal wegen Covid-19 derzeit auch noch Besuchsverbot herrscht.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Politik dieses Problems bewusst ist?

Tonn: Sie sollte jedenfalls im Blick haben, dass wir auch für Patienten, die nicht an Covid-19 erkrankt sind, dringend Intensivbetten brauchen. Fakt ist leider: Es wird immer nur davon gesprochen, planbare Operationen seien zu verschieben und dabei suggeriert, alles andere finde wie gewohnt statt. Das stimmt so nicht.

München: Lage in Kliniken weiter angespannt, aber keine schnelle Lösung in Sicht

Was müsste geschehen, damit sich dies schnell ändern?

Tonn: Eine schnelle Lösung ist kaum möglich, dennoch müssen jetzt rasch die notwendigen Maßnahmen geplant, genehmigt und umgesetzt werden. Zwischen den vorangegangenen Wellen ist strukturell keine Verbesserung vorgenommen worden, und wir stehen dort, wo wir schon im Frühjahr waren. Überwachungs-Kapazitäten müssen baulich und personell aufgestockt werden – die brauchen wir schon ohne Covid-19 Pandemie angesichts einer alternden Gesellschaft mit zunehmenden Begleiterkrankungen. Die Pandemie wirkt da wie ein Brandbeschleuniger. (Interview: Andreas Beez)

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