Der Münchner Philosoph Nikil Mukerji
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Nikil Mukerji hat sich in seinem Buch für eine klare NoCovid-Strategie ausgesprochen.

Kritik an politischem Eiertanz

LMU-Philosoph zerlegt deutsche Lockdown-Strategie - und sieht absolutes No-Go: „Verbietet sich“

Der Münchner Philosoph Nikil Mukerkji positioniert sich im Interview klar: Deutschland habe in Sachen Lockdown „einen fehlgeleiteten, halbgaren Mittelweg“ gewählt.

München - Bereits seit November verlängert Deutschland immer wieder den ursprünglich zunächst bis kurz vor Weihnachten angekündigten Lockdown, um den Inzidenzwert* weiter zu reduzieren – jüngst bis zum 7. März. Philosoph und Risikoethiker Nikil Mukerji (39, LMU München) ärgert sich über diesen politischen Eiertanz. Er hat sich bereits im Mai 2020 in seinem Buch Covid-19: Was in der Krise zählt (mit Adriano Mannino, Reclam) für eine konsequente NoCovid-Strategie ausgesprochen. Felix Ulrich spricht mit ihm über Larifari-Strategien, Urlaubsreisen zu Corona-Zeiten und Impf-Vordrängler.

Herr Mukerji, hätte ein so langer Lockdown vermieden werden können?
Nikil Mukerji: Ja, Deutschland hat leider im Kampf gegen die Pandemie nicht den Weg der Vorsicht gewählt, der mit frühen, beherzten Maßnahmen verbunden gewesen wäre, sondern einen fehlgeleiteten, halbgaren Mittelweg, der insgesamt zu mehr Toten und mehr Lockdown geführt hat. Was wir in Deutschland machen, ist eine Larifari-Strategie.
Was meinen Sie konkret?
Mukerji: Wir verfolgen keine konsequente NoCovid-Strategie, d.h. eine Strategie der Eindämmung, bei der Fallzahlen reduziert und durch geeignete Vorsichtsmaßnahmen dauerhaft tief gehalten werden. Eine solche Strategie habe ich unter dem Namen „Cocooning Plus“ bereits im Mai 2020 zusammen mit Adriano Mannino empfohlen. Unsere Idee war es, prioritär die Risikogruppen zu schützen (Cocooning) und gleichzeitig alle Anstrengungen zu unternehmen, um die Fallzahlen durch konsequente Eindämmung dauerhaft niedrig zu halten (Plus). Im Grunde hat unsere Gesellschaft bei beiden Zielen versagt. Die coronabedingte Mortalität in Pflegeheimen ist nach wie vor hoch, und die Kontrolle über das Virus ist uns im Spätsommer entglitten. Politiker wirken, als seien sie Getriebene des Geschehens, die erst reagieren, wenn sie die Realität eingeholt hat.
Inwiefern?
Mukerji: Nehmen wir NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Was er im Frühjahr 2020 gesagt hat, passt rhetorisch überhaupt nicht mehr zu dem, was er heute sagt. Zur Zeit des ersten Lockdowns bildete er eine Art Gegengewicht innerhalb der Unionsparteien. Während sich Markus Söder* und Angela Merkel* noch für einen disziplinierten Kurs einsetzten, warb Laschet bereits sehr offensiv für Lockerungen. Heute ist aus ihm ebenfalls ein Mahner und Warner geworden.
Wie entscheide ich mich, was ich im Lockdown tun sollte und was nicht?
Mukerji: Man sollte sich bei allem, was man tut, zwei Fragen stellen: 1. Schaffe ich mit dem, was ich tue, Infektionsrisiken für mich und andere? 2. Wenn ja: wie wichtig ist das, was ich tue? Sprich: Kann ich das rechtfertigen? Ich sage also nicht, dass man kategorisch auf alles verzichten muss. Wenn ich z.B. bei einer Geschäftsreise ein berechtigtes Interesse für mich oder die Allgemeinheit habe, dann kann dies eine Reise durchaus legitimieren.

Corona-Lockdown: LMU-Philosoph sieht absolutes No-Go - „Reise in Hochrisikogebiet verbietet sich“

Wie sind Vergnügungsreisen zu bewerten?
Das ist ein schwieriges Thema, weil man es nicht pauschal betrachten kann und weil aufgrund der vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen (Anm. d. Red.: Covid19-Test vor Aus- und Einreise, FFP2-Maskenpflicht*, Abstand, etc.) Infektionsrisiken für einen selbst und andere effektiver gesenkt werden können als noch im Sommer. Wenn man sich dafür entscheidet, sollte man allerdings alles dafür tun, das Risiko für sich und andere so gut es geht abzusenken. Eine Reise in ein Virusvarianten- oder Hochrisikogebiet verbietet sich. Unabhängig von evtl. Maßnahmen der Regierung, sollte jeder von uns zum Wohle der Gesellschaft nicht verreisen, sofern dies nur eine Komfort-Einschränkung bedeutet.
Das Recht auf Freiheit und damit auch Reisefreiheit ist im Grundgesetz verankert…
Ja, aber wir müssen uns darüber klar sein, dass Freiheiten in einer Pandemie begrenzt sind. Deswegen entstehen Verteilungs- und Fairnessprobleme. Wir können uns die Freiheiten, die sich Einzelne in unserer Gesellschaft nehmen, als Teil eines großen Kuchens vorstellen. Wenn sich eine Person ein großes Stück nimmt, dann bekommt jemand anderes notwendigerweise weniger. Das darf nicht sein. Aus Gründen der Fairness muss der Staat hier regulierend eingreifen. Mit Kants Kategorischem Imperativ kann man sich fragen, ob es denk- und wünschbar wäre, dass alle eine Vergnügungsreise machen. Wenn die Antwort Nein lautet, steht man vor dem Fairness-Problem.
Kann sie derzeit auch Ja lauten?
Theoretisch, ja. Aber wenn man, wie ich, kein hartgesottener Kantianer ist, dann hält man den Kategorischen Imperativ ohnehin nicht für das letzte Wort in Sachen Moral, sondern allenfalls für ein Prinzip, das einen bestimmten Aspekt unseres moralischen Denkens gut abbildet, nämlich die Universalisierbarkeit der Maxime einer Handlung. Es gibt aber auch noch andere wichtige Aspekte. Wenn z.B. eine Pflegerin, die Menschen im Kampf gegen Covid-19 auf der Intensivstation unterstützt hat, nach einem langen, anstrengenden Jahr endlich wieder ein paar Tage in Urlaub fahren möchte, dann hätte ich weniger Bauchschmerzen dabei, hier eine Ausnahme zuzulassen als bei jemandem, der das vergangene Jahr im Homeoffice verbracht hat. Jemand, der sich anderweitig extrem einschränkt, hätte meines Erachtens ebenfalls ein bedenkenswertes Argument, warum gerade seine Reise eine legitime Ausnahme darstellt.

LMU-Philosoph über Datenzuschutz zu Corona-Zeiten: „Was da abläuft, ist grotesk“

Ist es unfair, als Staat auf Reiseanbieter und Flugreisende zu schimpfen, parallel aber keine Einschränkungen bei der Deutschen Bahn durchzusetzen?
Mukerji: Das ist nicht nur unfair. Man muss hier ganz klar sagen, dass der Staat seiner Pflicht nicht nachkommt. Es kann nicht sein, dass man Einschränkungen bei Bürgerinnen und Bürgern sowie Privatunternehmen fordert, aber selbst bei staatlichen Unternehmen nach anderen Regeln verfährt.
Inwiefern ist der deutsche Datenschutz ein Hemmschuh gegen das Virus?
Mukerji: Was da zu Pandemie-Zeiten abläuft, ist grotesk. In Deutschland legen wir zum Beispiel Wert darauf, dass bestimmte Daten selbst in anonymisierter Form nicht verarbeitet werden dürfen. Fragen Sie mal nach, wie viele Menschen in welchen Berufsgruppen besonders betroffen sind… Es gibt keine Daten darüber.
Wie können solche Hürden künftig beseitigt werden?
Mukerji: Es muss möglich sein, in der Krise zumindest temporär bestimmte Regeln, zu ändern. Der Datenschutz darf im Vergleich zu anderen Grundrechten auf keinen Fall so hoch priorisiert werden, wie dies bisher geschehen ist. Ich würde gerne mit meinen Daten zur Pandemie-Bekämpfung beitragen. Aber ich habe diese Option nicht! (Interview: Felix Ulrich)

Der Zuspruch zum GroKo-Krisenmangement ist laut einer Erhebung zuletzt von 73 auf 35 Prozent gesackt. Viel mehr Menschen als zuletzt befürworten Lockerungen. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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