Clemens Wendtner, der Chefarzt des Klinikums Schwabing.
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Clemens Wendtner, der Chefarzt des Klinikums Schwabing

„Niemand sollte warten“

„Krebspatienten sollten sich impfen lassen“ - München-Klinik-Chefarzt im Interview - sein Appell gilt allen

  • Christine Merk
    vonChristine Merk
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Krebspatienten sollten sich aufgrund ihres geschwächten Immunsystems umso besser gegen Corona schützen, erklärt Professor Clemens Wendtner, Chefarzt der München Klinik.

München - Für Krebspatienten ist die Pandemie eine zusätzliche Belastung – körperlich wie psychisch. Professor Clemens Wendtner, Chefarzt der München Klinik in Schwabing, erklärt, warum sich Betroffene trotzdem impfen lassen sollten und worauf Krebspatienten mit einem schwachen Immunsystem achten sollten.

Herr Professor Wendtner, sollen sich Krebspatienten gegen Corona impfen lassen?
Ein eindeutiges Ja. Krebspatienten haben zum Teil starke Einschränkungen ihres Immunsystems – aufgrund der Erkrankung oder wegen der Medikamente – und sollten sich deshalb umso mehr vor Infektionen schützen. Wir wissen, dass die Gefahr eines schweren Verlaufs einer Covid-Infektion für Krebspatienten wesentlich höher ist und damit auch die Sterblichkeit.
Bestehen für Krebspatienten besondere Risiken durch die Impfung?
Nicht anders als für andere Menschen. Alle zugelassenen Impfstoffe sind Tot-Impfstoffe, das heißt, dass nur Eiweißbausteine in den Körper gelangen, keine lebenden Viren. Niemand sollte warten, bis die Pandemie vorbei ist. Der Besuch von Krankenhäusern und Praxen ist sicher.
Welcher Impfstoff kommt in Frage?
Prinzipiell gibt es keine Gegenanzeigen gegen einen der Impfstoffe. Bezüglich des Alters halten wir uns natürlich an die Empfehlung der Stiko.
Das erhöhte Risiko wird bei der Priorisierung berücksichtigt?
Ja, absolut. Dafür hat sich die Bayerische Krebsgesellschaft sehr stark eingesetzt. Krebspatienten werden mit hoher Priorität eingestuft und fallen damit bei der Reihenfolge der Impfungen in die zweite Kategorie. Voraussetzung dafür ist, dass die Erkrankung weniger als fünf Jahre unter Kontrolle ist.
Welche Rolle spielen die Hausärzte oder Ärzte in den Kliniken?
Es ist vorgesehen, dass Hausärzte und Fachärzte onkologischer Praxen Krebspatienten impfen können, unabhängig vom Alter aufgrund einer medizinischen Indikation. Wer eine Krebserkrankung hat oder hatte, kann bei seinem Arzt also nachfragen. Wir haben beispielsweise die Impfung in unserer München Klinik Schwabing für unsere Patienten angeboten.
Es gibt Krebspatienten, die aufgrund eines sehr schwachen Immunsystems vielleicht nicht auf die Impfung ansprechen. Ihre Empfehlung?
Sie sollten sich auf alle Fälle trotzdem impfen lassen. Mit einer Impfung kann man nichts verkehrt machen, sie kann nur nützen. Ist das Immunsystem tatsächlich sehr schwach, dass es möglicherweise nicht ausreichend reagiert, sollte der Impferfolg mit einer Antikörpertestung kontrolliert werden. War die Reaktion zu niedrig, sollte eine dritte Impfung erfolgen.
Für Krebspatienten ist auch die psychische Belastung durch die Einschränkungen sehr hoch, weil Selbsthilfegruppen in Präsenz nicht stattfinden können. Gibt es Alternativen?
Virtuelle Meetings können hier ein guter Ersatz sein. Weil Präsenzveranstaltungen nicht möglich sind, bieten wir das auch unseren Patiententag heuer digital an. Es gibt dabei virtuelle Foren, über welche die Menschen zu viele Themen direkt Fragen stellen können.
Krebspatienten sind also durch die Corona-Pandemie weitaus gefährdeter als Gesunde …
Ja, und das ist auch ein Stück Verantwortung für unsere Gesellschaft. Bei den Impfungen geht es nicht nur um den Eigenschutz, es hat auch eine altruistische Komponente. Es liegt in der Verantwortung einer Gesellschaft, ihre schwächsten Mitglieder zu schützen. Dazu gehören die alten und die kranken Menschen. Der beste Schutz für diese ist eine Herdenimmunität, die aufgebaut wird, wenn sich alle Menschen impfen lassen.

Interview: Christine Merk - tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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